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Die Welt · 1900-02-23 · 8 (23.2.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
8 (23.2.1900)
Article
Was in der Luft liegt
Date
1900-02-23
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Di? * Welt ' 5e^n" * Erscheint |e_den Freitag. ♦ Preise der Anzeigen: '' und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern Die ^rima^7^tfSS^ Potitzeil9 WIEN an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Der 1^^^^^ IX., Türkenstrasse Nr. 9. Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. wird Dienstag abends geschlossen. Telephon 14199. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 30 Heller. - r— ' -fr Manuscripte nicht zurückgesendet » - - RpyiHfQlYPPioO* Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland U^UfcöpiülDC. ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ____________ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 DolL 40 Ct. Nr. 8__Wien, 23. Februar 1900.__4. Jahrgang dpr- Da Ende dieses Monats eine grössere Anzahl von Abonnements abläuft, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Was in der Luft Hegt Von G. Marcus. Wenn wir stolz darauf sind — wir Juden — dass wir es so herrlich weit in der Welt gebracht haben, so sind die Thatsachen jedenfalls nicht schuld daran. Die reden eine Sprache, dass uns Tag für Tag die Schamröthe ins Gesicht steigen müsste, so wir nicht alles Heil unserer Seelen und unserer Leiber in der Schminke der Assimilation zu erblicken uns gewöhnt hätten. Alles haben wir wieder, was uns anno dazumal beschert war, als wir noch hoffnungstrunken von unserer Selbstverleugnung erwarteten, sie würde uns mit dem Geschenke der bürgerlichen und socialen Gleichstellung gelohnt werden. Die Lüge vom Ritualmord ist wieder auferstanden und wir haben auch einen neuen Mortara-Fall. Ja, sogar der vereinzelte Christ, der in aufrichtigem Abscheu gegen die Ritualmordlüge sich aufbäumt, zahlt Reugeld für den Muth seiner Entrüstung, so dass es kein Wunder wäre, wenn er im Hinblicke auf uns das alte Wort zwischen den Zähnen murmelte: Qui mange du pape en meurt. Und alles dies ist noch etwa nicht der ganze Umfang dessen, was unsere bürgerlichen, socialen und menschlichen Errungenschaften ausmacht. Das liegt nur eben offen und sichtbar zutage. Viel, sehr viel mehr verbirgt sich hinter dem Schleier der Hypokrisie, hinter den Praktiken, mit denen man uns auf Umwegen in den Nacken schlägt, und auch hinter unseren eigenen Praktiken, mit denen wir uns selbst glauben machen wollen, dass nur vorüberziehendes Gewölke uns die Sonne verdeckt. Das ist das Erstaunliche, dass wir für die anderen kämpfen und kämpfen, indem wir uns an ihrem nationalen und politischen Hader betheiligen, während für uns niemand kämpft — nicht einmal wir selber. Durch die Fügungen der Geschichte ist unserem Geschicke, obwohl wir so ohnmächtig und so verstreut sind, von allen Völkern der weiteste Horizont beschieden. Und wir fühlen uns nicht einmal als Volk, sondern überall geberden wir uns als blosses Anhängsel, ohne zu begreifen, dass wir als solches auch den Anspruch verwirken, ein eigenes Leben zu führen. Wir sind Republikaner in Frankreich, Liberale oder Socialdemokraten in Deutschland, Ministerielle in Ungarn, Deutsche oder Czechen in Oesterreich, aber Juden — sind wir nirgends, ausser wenn die anderen sich darauf besinnen, dass wir es sind, weil sie Sündenböcke brauchen. Dann fällt der sogenannte Nationalismus über uns her, und er fragt wenig darnach, dass wir ja auch eine Nation sind, da wir selbst uns mit Händen und Füssen dagegen sträuben, als Nation betrachtet und behandelt zu werden. Und es ist umsonst, dass wir in Frankreich betheuern, wir seien Franzosen, in Deutschland, wir seien Deutsche; trotz aller Assimilation sagt noch immer der Patriarch : „Thut nichts, der Jude wird verbrannt." Das ist so in den hochcivilisierten Ländern, wie erst in denen, welche von der Givilisation des Westens vorerst nur die äussere Tünche sich angeeignet haben! Ein Blick auf die europäischen Parlamente ist so recht geeignet, uns Juden darüber zu belehren, was uns die Selbstverleugnung — nein, die Selbstentäusserung eines halben Jahrhunderts eingetragen hat. Die Parlamente vereinigen in sich die Blüte der Völker, sie sind der Extract der Nationen. Wir hatten unsere eigenen Vertreter in den Parlamenten, einen Cremieux in Frankreich, einen Riesser in der Frankturter Nationalversammlung, einen Johann Jacoby im preussischen Abgeordnetenhause. Aber das ist lange her. Dann, als wir sie nicht mehr hatten, nahmen eine Weile mindestens die Liberalen sich unser an; die Judenfrage bildete einen Programmpunkt des Liberalismus. Doch auch damit ist's vorbei. Der Liberalismus, der für sich selbst so sehr zu kämpfen hat, überlässt uns unserem Geschicke, wenn er nicht gar, wie beispielsweise in Deutschland der Nationalliberalismus, aus Gründen der Selbsterhaltung uns ohne Bedenken unseren Bedrängern preisgibt. Was irgendwo in der Welt sich national heisst, verknüpft damit eingestandener- oder uneingestandenermassen den Ausschluss der Juden, und was thun dies«? Anstatt sieh damit abzufinden und in sich

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