Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Article
- Corso in Solokow
- Date
- 1900-02-16
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 »Die i> Welt" Nr. 7 Gassenbuben, die sich hin zu verlaufen pflegten, sichtbar blieb. Er war das gerade Gegentheil von JLeeb, ein kurzer, vierschrötiger Gesell mit einem für seine Gestalt allzu grossen Kopfe, mit grossen, unheimlich glotzenden Augen und mit dicken, aufgeworfenen Lippen, unter denen ein dichter, flachsgelber Bart in derart läppischer Weise herunterhieng, dass es den Eindruck machte, als wäre dies ein fremder, ihm nur zufällig anhaftender Gegenstand, gevvissermassen ein Gegenstand für sieh, für den er gar keine Verantwortung zu tragen habe. In der That kümmerte sich Lubisch nie um diesen Bart, glättete ihn niemals und beschäftigte sich überhaupt nicht mit seinem Aeussern. Mit geringen geistigen Fähigkeiten begabt, wurde er der Gruppe der Stadt-Idioten beigezählt; indes war er derart menschenscheu, dass niemand über ihn Sicheres anzug-ben wusste. Sein Alter war weder ihm, noch sonst jemandem bekannt. Die ältesten Leute behaupteten, dass sie sich Zeit ihres Lebens an denselben flachsgelben Bart erinnerten. Er war eine Art ewiger, versteinerter Lehrling, der zur Familie eines Seilermeisters in besonderen Beziehungen stand. Er drehte ein grosses, hölzernes Rad, aus dem sein Meister wie aus dem Bauch einer Spinne allerlei Fäden zog. indem er auf- und niedergehend gewisse Manipulationen mit den Händen verrichtete. Lubisch kümmerte sich jedoch nicht um diese Manipulationen; er drehte unaufhörlich, gleichmüthig seit Jahivn dasselbe von Schweiss und Staub gelbbraun geglättete Rad, und so sehr war er daran gewöhnt, dass ihm die rechte Hand, sobald es keine Stricke mehr zu ziehen gab, als überflüssig erschien. Denn an die wichtigsten Verrichtungen des Lebens, wie an das Essen, und an die übliche Art, womit er auf das Jucken seines Körpers erwiderte, hatte er längst seine linke Hand gewöhnt. Er kannte alle Ritzen und Klammern des Rades auswendig, mit dem er für sein ganzes Leben vermählt schien, wie der Bogen mit der Violine, der Kolben mit dem Mörser, und des Nachts träumte wohl eines von dem andern. Diese zwei Menschen kannten sich nur von ungefähr und waren zufallig zusammengetroffen. Als nämlich Leeb mit ausserordentlichem Appetit gegessen und gegen seine ursprüngliche Befürchtung sich aufs neue überzeugt hatte, dass man mit den leckeren Speisen dieses Festes sich sättigen könne, stand er plötzlich vor einem langen Nachmittag, mit dem er nichts anzufangen wusste. Der leere, mit Koth bespritzte Wagen, ein entsetzlich schweres Ungethüm, das eine Unsumme von Lärm in sich barg, stand verödet, ein willkommenes Kletterobject für Kinder. Die Pferde standen im Stalle» und frassen Hafer; er jedoch wusste nicht, womit er sich zu beschäftigen habe! Wie er nun so dastand, satt, behaglich, die Hände in die Taschen vergraben, unschlüssig bald rechts, bald links die Strasse musternd, kam ihm Lubisch in die Quere, und Leeb fiel es ein, dass es gut sei, an einem solchen Nachmittage mit einem Menschen zusammenzukommen. Einen ähnlichen Gedanken mochte auch Lubisch gehabt haben und derart zusammengetroffen, führten sie ihre Füsse wie von selbst in den Corso hinein. Leeb hatte in diesen Tagen noch eine besondere Freude. Er hatte seine schweren Stiefel abgeworfen und ein Paar neue Zugschuhe aus rothem Kalbleder angezogen. Welch eine Summe von Vergnügen, von unaussprechlichem, freudigem Behagen boten diese Schuhe! Unaufhörlich musste er auf sie herunterblicken. Oft. wenn man zu ihm sprach, war er wie geistesabwesend. Seine Gedanken weilten bei den Schuhen. Besonders liebte er sie am Morgen, wenn er sie blank gewichst hatte und sie, noch vom Staube des Tages unberührt, ihm in ihrem frischen, jungfräulichen Schimmer entgegen blitzten. Dann gönnte er sich kaum, sie auf die Füsse zu ziehen, blieb versunken in den Anblick ihrer unvergleichlichen Vollkommenheit, erstaunte über die vollen, noch unversehrten Absätze, bewunderte die dichten, schön geschweiften Sohlen und erfreute sich an der harmonisch abgetönten Rundung der spiegelnden Spitzen. Während des Tages blieb er ängstlich bemüht, den Staub der Strasse von ihnen so fern als möglich zu halten. Zu diesem Zweke hatte er sich eine eigenartige, äusserst coniplicierte Gangart angeeignet. Storchartig auf einem Fusse stehen bleibend, wischte er geschickt den Schuh des anderen an den hinteren Theil des entgegengesetzten Beinkleides, und indem er dies abwechselnd that, erreichte er thatsächlich, dass die ihm sichtbaren Schuhobertheile ziemlich blank erhalten blieben. Di« Beinkleider hatte er bereits gänzlich geopfert. Er hasste sie geradezu. Er hatte ein Paar neue beim Schneider bestellt und war bitter enttäuscht, als er in letzter Stunde erfuhr, dass unter dem Reste, der gewöhnlich für die Feiertage nicht fertig zu werden pflegte, sich auch seine sehnlichst erwarteten Beinkleider befänden. Er war das Aschenbrödel des Schneiders. Lubisch hingegen hatte weder etwas bestellt, noch etwas erhalten, weder ein Paar Schuhe noch Beinkleider, weder einen Kaftan, noch einen Hut. Bloss zwei Hemden hatte ihm sein Meister „zum Geschenk" gemacht und eines davon trug er auch jetzt; das war allerdings für die anderen nicht sichtbar, aber desto fühlbarer für ihn selber. Glücklicherweise besass er wenig Sinn für derartige Dinge. Harmlos und genügsam, wie er war, betrachtete er alles, was ihm zufloss, als Geschenk. Ihm gebührte nichts, ihm schenkte man. Als ein ausserordentliches Geschenk sah er die Feiertage an und als das Geschenk der Geschenke betrachtete er die Stunde, da er mit Leeb ein anregendes Gespräch führen durfte. Anfangs hatten sie davon gesprochen, wie viel „Gehalt" wohl der Kaiser beziehen möge, und später war man zur Telegraphie übergangen. Lubisch hatte in seinem Leben weder je ein Telegramm abgeschickt noch jemals eines erhalten, er wusste bloss, dass man Telegramme schicke, und da man gerade bei den Telegraphenpfählen vorübergieng, begann man über Telegraphie zu sprechen. Leeb vermuthete. dass die Telegramme in einem unterirdischen Canal geleitet werden, zumindest sei kein anderer Weg denkbar. Auch spräche hierfür ein eigenthümliches Rauschen, welches man jedesmal, sobald ein Telegramm unterirdisch befördet würde, vernähme. Lubisch überwand seine angeborene Scheu, und, neugierig wie er war, näherte er sich vorsichtig einer Telegraphenstange, horchte einige Zeit und konnte bald darauf das seltsame, metallisch klingende Rauschen bestätigen. Ganz oben trafen sie die Musikanten. Diese waren bereits auf dem Rückwege. Sie waren zeitlich nach dem Mittag aufgebrochen. Schweigend giengen sie nebeneinander. Manwar bereits mit Gesprächen gesättigt, höchstens, dass der eine oder andere nach langer Pause gleichmüthig eine Bemerkung hinwarf, während sich inzwischen der vergessene Ton einer fernen Melodie auf die Lippen stahl. So wie sie dahinschritten, alle fünf beisammen^ glichen sie einem Torso. Niemals sah man sie sonst zusammen ohne ihre Instrumente. Man musste unwillkürlich nach ihren Händen blicken. Sonst hielt die eine Hand eine - Clarinette, die andere eine Violine und etwas von diesen Instrumenten pflegte auch auf die Hände zu übergehen. Jetzt aber waren alle Hände gleich und leer. Sie bildeten geradezu das Symbol des Feiertages: Musikanten ohne Instrumente. Wie im Winter manchmal der vergessene saure Ton einer Weichsel in die Zunge schlüpft, drang bei ihrem Anblick traumhaft ein Chaos von Tönen und Melodienins Ohr. Wieder hatten sie ein Jahr hinter sich, in dem sie auf allerlei Hochzeiten und Märkten sich herumgetrieben, in dem sie unzählige Nächte nicht geschlafen, aus hundert verschiedenen Küchen gegessen und zahllose schöne und hässliche, reiche und arme Bräute gesehen hatten. Viele befanden sich in dieser Stadt, denen sie erst unlängst zum Hochzeitstage gespielt; aber darunter waren schon einige, die inzwischen so viele Bitterkeiten gekostet hatten, dass die Zeit, wo ihnen die Fiedel erklungen war, unsäglich fern erschien, und dass sie beim Anblick derer, die diese Fiedel geführt, nichts thun konnten, als das Haupt schütteln, wieder schütteln und noch einmal schütteln und in diesem dreimaligem Schütteln lagen bloss die dürren Worte: .So ist die Welt! Ja wohl, so ist sie!" In der Mitte gieng Jacob, der Kapellmeister, ein Mann voll Leidenschaft, dessen Körper sich wie ein dünnes Rohr •unter dem Sturme seiner Violine schüttelte. Während die Braut von Weibern dicht umgeben dasass, in der letzten Stunde ihrer Mädchenzeit, und der Secunde harrte, da der Bräutigam ihr Haupt bedecken sollte, weinten alle Weiber; aber erschütternder und aufregender als alle Weiber, voll der süssesten, unaussprechlichen Wehklage, weinte seine Violine, allein, er duldete nicht, dass die anderen mit ihren barbarischen Tönen dreinfuhren. Jetzt aber schritt er ruhig, voll Würde, eine männlich schöne Gestalt, mit jenem stattlichen, blonden Barte, von dem alle Mädchen dieser Stadt träumten, wenn sie an Tanz und Hochzeit, an Jubel, an süsses, freudiges Glück dachten. Düster wie immer gieng Schulim. ein bissig-verschlossener Mensch<von dem es £n (jer ganzen Stadt hiess, dass er lungensüchtig sei, und der, während er finster seine Clarinette blies, hassorfülle Blicke auf die jubelnden Mädchenscharen warf. Zur Linken Jakobs schritt Jüdel, ein übermüthiger, lustiger Kumpan, der über seine Trompete hinaus noch ein Uebriges that und mit flammenden Augen die Tanzenden anfeuerte, gewissermassen in seiner Seele mitzutanzen schien, jedoch zuweilen melancholisch zu werden pflegte. Der