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Die Welt · 1900-02-09 · 6 (9.2.1900) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
6 (9.2.1900)
Article
Die Flottenvermehrung in Deutschland
Date
1900-02-09
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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'Seite 4 ,Die x£ Welt« Nr. 6 auch ihren Patriotismus wandeln, und dieser neugeformte Patriotismus würde auch den Juden in Deutschland die Assimilation erleichtern. Jedoch wir lesen in einem Johannesburger Briefe, den jetzt aus Anlass des Transvaal-Krieges ein Berliner Blatt veröffentlicht: „Es darf nicht verheimlicht werden, dass besonders unter den jungen deutschen Kaufleuten hier ein gutes Theil Antisemitismus steckt. Aber der wird hier in Johannesburg gewöhnlich versteckt, da er denselben jede Aussicht verderben kann, weiter zu kommen, wenn sie sich darüber in der Weise auslassen würden, wie es gewisse junge Herrchen in Berlin thun." Dies heisst, aus dem geliebten Deutsch ins Zionistische übertragen, dass auch der scharfe Wind, der zwischen den Neubauten einer ganz frischen Colonie bläst, den Antisemitismus nicht fortblasen kann. Und wir werden schliesslich auf den assimilationssehnsüchtigen Juden, der von einer Hoffnung zur anderen wandert, das von den Dichtern so oft variierte Wort anwenden können, dass niemand seinem Schicksale, das er in der Brust trage, zu entfliehen vermöge. Es bleibt dem Juden vorbestimmt, dass ihn von der unehrenhaften Abhängigkeit von der antisemitischen Gesinnung der anderen Völker nichts anderes befreien kann, als die Gründung einer festen, bodenständigen Heimat. Den Juden, der eine Assimilation an die anderen Völker ersehnt, mögen auch die plausibelsten Argumentationen nicht bis dorthin geleiten. Aber den zionistischen Juden heben die colonisatorischen Tendenzen der Epoche auf eine Bahn, darauf er leichter zu dem grossen Ziele gelangt. Dann sieht er auf einem grösseren Tableau den jüdischen Bauer in Palästina und die deutschen Beamten der Bahn, die nach der märchenreichsten Stadt des Orients führt. Millionen für — Hülsner. Von Max Rotter. Man braucht nicht viel, um gegen die Juden zu hetzen. Die Sache ist so einfach und kinderleicht, dass der beschränkteste Judenfeind über eine unbeschränkte Fülle von Hilfsmitteln verfügt, die alle geeignet sind, den schlummernden Hass zu erwecken. Nichts ist zu absurd, um Misstrauen oder Zweifel bei den Judenfeinden hervorzurufen. Die antisemitische Presse veröffentlicht z. B. alle paar Jahre einmal ein angeblich von C r e m i e u x gefertigtes vertrauliches Rundschreiben an hervorragende Glaubensgenossen, in welchem klipp und klar ein Plan entwickelt wird, wie sämmtliches Vermögen aller Nichtjuden zu annectieren und unter den Juden zu vertheilen sei. Ein Mensch mit gesunden fünf Sinnen würde annehmen, dass jeder, der dem genialen französischen Staatsmanne Cremieux ernstlich ein solches tollhäuslerisches Schriftstück zuschreiben wollte, dem Irrenhause schwer entgehen könnte. Der Mensch mit den fünf gesunden Sinnen irrt sich. Die judenfeindliche Presse veröffentlicht mit rührender Uebereinstimmung das von einem blödsinnigen Fälschergeiste fabricierte Rundschreiben, ihre Leser glauben an dessen Echtheit, schwören auf dieselbe und bestärken sich in dem grässlichen Angstgefühle, dass die Güter der Welt, wenn nicht die richtigen antisemitischen Vorkehrungen getroffen werden, demnächst von den Juden eingesackt würden. Den judenfeindlichen Hetzern wird alles geglaubt, auch das, woran sie vielleicht selbst nicht recht glauben. Seit einer Woche beutet der Wiener antisemitische Moniteur ein Schriftstück gegen die Juden aus, welche nach der unmassgeblichen Meinung des antisemitischen Blattes aus den Bureaus des Wiener Vereines „Oesterreichisch-israelitischer Union" stammen soll. Die Oesterreichisch-israelitische Union hätte nach dem .im Besitze des „Deutschen Volksblatt" befindlichen,, vermittelst eines Vervielfältigungs-Apparates hergestellten Schriftstückes zu Geldsammlungen für den Polnaer Verurtheilten H ü 1 s n e r aufgefordert, wobei der Vorstand dieses Vereines die österreichischen Juden zart daran erinnert, dass die reichsdeutschen Juden für den Xantener Process — zwei Millionen aufgebracht hätten. Zwei Millionen, das ist eine Bagatelle für die Juden. In der That, weniger wäre eine Schmutzerei ohnegleichen. So viel wie Xanten ist Polna auch noch wert, und schliesslich darf für einen Hülsner, wenn man ihn nicht vor den Kopf stossen will, nicht weniger geschehen als für den Schächter Buschhoff. Was sind zwei Millionen für die Juden, wenn es gilt, einen Glaubensgenossen zu befreien, der sich als Ritualmörder unsterbliche Verdienste um die jüdische Gesammtheit erworben hat. Der Gapitän Drcyfus hat ja nur eine verhältnismässig bescheidene jüdische Lumperei begangen, als er die französische Republik an Deutschland — oder war es vielleicht Russland? — verrieth, und mit bitterem Neid mussten die armen antisemitischen Pressleute Tag für Tag von den zahllosen Millionen erzählen, welche das bekannte Dreyfüs- Syndieat zu Bestechungszwecken vrbrauchte. Die zwei Millionen, welche die deutschen Juden für Buschhof i' spendeten, die zwei Millionen, die trotz des kleinen, momentan vielleicht etwas störenden Zwischenfalles für H ü 1 s n e r heute oder morgen zusammenkommen werden, sind ein wahrer Pappenstiel im Vergleiche zu dem Millionenschatze, über den das Dreyfus-Syndicat verfügte und aus welchem jeder nach Belieben schöpfen konnte, die paar antisemitischen Lumpe E s t e r h a z y, Drumont u. s. w.] u. s. w. ausgenommen, die unbestechlich waren. Die Leser und Anhänger des „Deutschen Volksblattu werden fortan nicht davon abzubringen sein, dass die Judenschaft ein dringendes, unabweisbares Bedürfnis hat, mit Millionen die Rehabilitierung Hülsners zu erzielen. Die Juden kommen eben nicht aus der Umklammerung des circulus vitiosus heraus, der seit jeher ihr Verhängnis ist. Ihre Feinde machen sie verantwortlich für das Verbrechen jedes Einzelnen unter ihnen, und die Juden mögen nun was immer thun oder unterlassen, sie haben für diesen Einzelnen zu leiden. Ob sie sich, falls er ein Unschuldiger ist, für ihn einsetzen, ob sie ihn, falls er ein Verbrecher ist, seinem Schicksale überlassen, ohne einen Finger für ihn zu rühren — über sie wird der Stab gebrochen. Die brutale Willkür der Judenhasser kennt die Gesetze der Logik so wenig, wie jene der Humanität. Sie decretiert, Hülsner ist ein „Ritualmörder" und die gesammte Judenschaft ist mit ihm veruitheilt. Wehe aber, doppelt wehe den Juden, wenn sie den Beweis zu erbringen bemüht sind, dass Hülsner keinen Ritualmord begangen haben kann. Darin liegt, nach antisemitischem Raisonnement, der überzeugendste Beweis, dass er einen „Ritualmord" verübt, sonst läge es ja nicht im Interesse der gesammten Judenschafl, dass die Wahrheit an den Tag kommt, er sei kein „Ritualmörder". Man sieht, in dem antisemitischen Wahnsinn liegt Methode, und zwar eine solche, welche der höchsten Ausgestaltung fähig ist Nicht nur die Juden, die gegen den Glauben an den „Ritualmord" ankämpfen, machen sich zu verdächtigen Mitschuldigen, auch jeder noch so arische Christ, der, von der Macht seines Gewissens, seiner Ueberzeugung gedrängt, für sie eintritt, ist verloren, gerichtet, verurtheilt. Was half es dem millionenreichen

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