Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 6 (9.2.1900)
- Article
- Die Flottenvermehrung in Deutschland
- Date
- 1900-02-09
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 ,-;DIe O Welt«* Seite 3 sinnige Volkspartei als ges chlossene Gegnerin der Flottenvermehrung ansieht, dass zur Bildung einer Majorität 40 Stimmen vom Centrum fehlen würden, und die meisten Blätter müssen in ihren Jangen und überflüssigen Erörterungen hierüber hinzufügen, dass diese zwar nicht „sicher", aber „wahrscheinlich", der Regierung zufallen werden. Weit zuverlässiger und entscheidender mag das breite Bild sein, das man aus der Leetüre der deutschen Presse von der Stimmung erhält, die die weitesten Kreise des Volkes dem Gedanken der Flottenvermehrung entgegenbringen. Aus diesem sehen wir nun, dass das deutsche Volk mit einer schon lange entwöhnten Einhelligkeit sich den Gedanken der Flottenvermehrung und der damit verbundenen Export- und Colonisationspolitik zu eigen gemacht hat. Wenn die Persönlichkeit und Politik Kaiser Wilhelms des Zweiten eigentlich allen alten Parteien den Sinn genommen, mit der Neuorganisation der Parteiordres zugleich eine einfache und einheitliche Situation im politischen Leben der Deutschen geschaffen und viele Spitzen innerer Zwietracht und politischen Hasses abgestumpft, so tritt das jetzt zumal bei dem bedeutenden Anlasse der Flotten Vermehrung zutage. Der Flottenverein (die „Freie Vereinigung für Flottenvorträge"), der ursprünglich einen einseitig parteipolitischen Charakter gehabt hatte, nahm in seinem Präsidium Veränderungen vor, so dass ihm auch eine gros.se Anzahl politisch ganz unabhängiger Professoren, wie Delbrück, Schmo Her und andere, beitreten konnte. Freisinnige Vereine in dem nassauischen Städtchen Biedenkopf und in Nürnberg traten für die Verstärkung der Marine ein; freisinnige Blätter wie das „Berliner Tagblatt" und sogar die „Vossische Zeitung" stimmten ihr durchaus zu, und selbst ein radical-demokratisches Blatt, wie die Berliner „Welt am Montag", sieht die Zukunft des deutschen Liberalismus bedroht, wenn er nicht dem Drucke des nüchternen, calculatorischen Flotten gegners Eugen Richter entzogen werde. Ja, selbst die Socialdemokraten zeigen wiederholt, wie sie die Schwäche ihrer Oppositionsstellung gegen die Flotten Vermehrung empfinden und kaum an den Ernst wirklichen Kampfes glauben. Sozialdemokratische Führer lehnten eine Einladung der „Historischen Vereinigung", in öffentlicher Volksversammlung mit Anhängern der Flottenvermehrung ein Redeturnier auszufechten, unter den nichtigsten Vorwänden ab, und der „Vorwärts", das Centraiorgan der socialdemokratischen Partei, schrieb seine Leitartikel gegen die Flottenvorlage in so ausgetrocknetem, saft- und kraftlosem Stile voll parlamentarischer und calculatorischer Spitzfindigkeiten, als ob sie in dem Blatte Eugen Richters stehen sollten. Es herrscht eine so feine Stimmung wie bei einer Discussion unter klugen Menschen, die sich durch abschliessende Gründe gern überzeugen lassen und dann mit einem weichen Lächeln verstummen. Forderungen für Zwecke der nationalen Vertheidigung haben ja auch noch niemals im deutschen Volke einen allgemeinen Widerstand gefunden. Als im Jahre 1887 der Reichstag alle militärischen Forderungen bewilligte und nur die Bindung auf 7 Jahre, das Septennat, ablehnte, ergaben nach der Auflösung des Reichstages die Neuwahlen eine starke regierungstreue Majorität, dass die Oppositionsparteien, von der Socialdemokratie bis zur Centrumspartei, völlig matt gesetzt waren. Und auch nach der Auflösung des Reichstages durch Caprivi im Jahre 1893 wurde eine Mehrheit gewählt, die die militärischen Forderungen der Regierung bewilligte. In einem ehrenhaften Volke wird auch niemals der Drang erlöschen, für die nationale Förderung jedes nur mögliche Opfer zu bringen. Wenn sich die Deutschen jetzt wiederum anschicken, das grosse nationale Werk der Flotten Vermehrung in Angriff zu nehmen, so brauchen auch die Juden sich nicht scheu abseits zu stellen. Zwar wenn die deutschen Juden glauben würden, durch billigen Patriotismus, der, sobald er nur kundgegeben, schon den fatalen Geschmack eines zum mindesten leisen Bewusstseins von Heuchelei hätte — wenn sie also durch solchen Tagespatriotismus glauben würden, sich enger an die doch social festgegliedei-ten Schichten des deutschen Volkes assimilieren zu können, so wäre es thörichi. Aber diejenigen Juden, die bereits Zionisten geworden, werden von ihrem unendlich grösseren Ausblicke aus an solchem deutschnationalen Werke Antheil nehmen können, beinahe „als wär's ein Stück von mir". Die Hoffnung derer abzuthun, die etwa noch glauben, die deutschen Juden könnten durch eine patriotische Stellungnahme zur Flottenvermehrung ihre Position innerhalb des gegenwärtigen Deutschland verbessern, mag wie überflüssig erscheinen. Als 1887 während des Septennatskampfes die Berliner Professoren Goldschmidt und Lazarus in einer Broschüre die deutschen Juden aufforderten, die militärischen Forderungen der Regierung zu unterstützen, mochte ihnen eine individuelle Bevorzugung haften geblieben sein, aber die allgemeine sociale Stellung auch der höherstehenden jüdischen Schichten in Deutschland wurde davon nicht im mindesten berührt. Immerhin plausibler könnte es erscheinen, wenn Assimilationsjuden folgendermassen argumentieren. Es ist unzweifelhaft, dass allerorten gegen die Tendenzen des Liberalismus diejenigen Bestrebungen das Uebergewicht erlangen, die von der abstracten Vorstellung einer Menschlichkeit bis zu einem auf die Spitze getriebenen Begriffe von Nationalität zurückkehren und das Fremde, schon darum, weil es das Fremde ist, hassen. In Frankreich wurden bei den letzten Senatswahlen drei Nationalisten gewählt, sogar der tückische M e r c i e r. und der Herzog von Orleans konnte beim Empfange der vor dem Staatsgerichtshofe angeklagten Royalisten laut sagen, dass die Monarchie „die internationale jüdische Macht bekämpfen werde". In China, dessen berühmte Mauer ja das Symbol für solcherlei Bestrebungen hergegeben, errangen eben jetzt die conservativen Fremdenhasser mit dem Staatsstreiche der Kaiserin einen grossen Erfolg über den Kaiser, um den sich die Retormfreunde geschart hatten. Es mag sein, dass jede nationalistische Bewegung über die entgegenstehende liberale durch ein unbeschreibliches Erdgewicht stets triumphieren müsse, wie eine naturalistische, aus dem Leben geschöpfte Dichtung immer eine idealistische, etwa eines Schiller-Epigonen, niederdrücken werde. Wenn nun der auf das Meer, gerichtete Blick der Deutschen sie auf ein grösseres Bewegungsfeld treibe, macht er sie immun gegen die ängstliche Behütung von Vorurtheilen. Standeshochmuth ist, wie etwa Herzverfettung, das Product einer sitzenden Lebensweise. Er mag — bis zur Verzerrung — am höchsten gediehen sein bei einem adeligen alten Fräulein, das in der Stille eines Herrensitzes oder einer kleinen Provinzialstadt verstaubte gesellschaftliche Vorurtheile ängstlich und kleinlich wahrt. Darum mag der gesellschaftliche Boycott der Juden in den grossen Städten schon weniger streng sein, als in den kleinen Städten auf der weiten grünen Fläche. Die sich auf der Welt tummeln und mit ihren klaren Blicken von einer Erscheinung zur anderen eilen, anstatt über sich selber brüten zu müssen, werden von ständischen oder ähnlichen Vorurtheilen nichts wissen. Damit stimmt es denn auch überein, dass Heine sagen konnte, der deutsche Patriotismus ziehe die Herzen zusammen, während der französische sie weit mache. Der deutsche oder vielmehr preussische konnte sich immer nur an einer Verteidigung eines abgestuften, also vorurtheilsvollen Lebens erweisen, und der französische trug, wenn auch nicht colonisatorische, so doch abstracte politische Ideen hinaus in eine weite Welt. Und also würde eine colonisatorische Epoche der Deutschen