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Die Welt · 1900-02-09 · 6 (9.2.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
6 (9.2.1900)
Article
Die Türkei in der Weltpolitik
Date
1900-02-09
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite S .Die s£ Welt" Nr. 6 kammer zur Zeit des Juli-Königthums. Da rief der Finanzminister Louis dem Minister des Aeussern zu: „Machen Sie eine gute auswärtige Politik, so werde ich gute Finanzen machen!" Die leitenden Staatsmänner in der Türkei haben jetzt guten Grund, über diesen Zusammenhang nachzudenken. Wenn die Türkei nicht endlich dafür sorgt, dass in dem Zwischenreiche zwischen den immer unaufhaltsamer sich nähernden russischen und englischen Machteinflüssen eine fruchtbare Cultursaat ausgestreut, dass dort, wo sie sehr bald der Puffer zwischen ihnen sein kann, ihre materielle Widerstandsfähigkeit erhöht wird, so kann es ihr wohl geschehen, dass sie eines Tages in Reue der versäumten Gelegenheit nachtrauert Hart an ihre asiatische Grenze ist von jetzt ab die finanzielle Einflusssphäre Russlands vorgeschoben, und die finanzielle ist in diesem Falle auch die politische Einflusssphäre, weil in Petersburg allerdings die auswärtige und die Finanzpolitik stets desselbigen Weges wandeln. Das persische Anleihegeschäft übt seine Wirkung ganz sicher auch nach der türkischen Seite hin, und in Teheran besteht unter dem Einflüsse des alten schiitisch-sunnitischen Gegensatzes ohnedies keine grosse Ergebenheit für den türkischen Nachbar. Sie ist seit Schir Alis und Ibrahims Zeiten bekanntlich auch in Aegypten nicht zu finden, wohin sich ebenfalls die Rückwirkungen des südafrikanischen Krieges erstrecken können. Es ist sehr an der Zeit, dass man in Constantinopel die Notwendigkeiten dieser Lage begreife. Die Türkei muss endlich mit ihrer inneren Consolidierung beginnen oder — deutlicher gesprochen — zur inneren Colonisation sich entschliessen. Wenn ein Landwirt das Inundationsterrain, das er besitzt, fester und widerstandsfähiger machen will, so bepflanzt er es vor allem mit triebkräftigem Baum werk. Aber woher dieses nehmen? Der Islam war eine Religion des Schwertes, und seitdem das Schwert in der Scheide ruht, ist er nur noch eine Religion des Fatalismus. Zur Bodenpflege, die mühsam mit der Scholle ringen muss, zur Industrie und Technik, deren Voraussetzung die Herrschaft über die Naturkräfte ist, zum Handel und Gewerbe, die über wechselreiche Conjuncturen hinweg zu lavieren haben, ist der Mohammedaner nicht veranlagt Die Rolle, welche der Ackerbau spielt bildet einen der wichtigsten Unterschiede zwischen der Bibel und dem Koran. Ruth, die auf dem Felde die Garben bindet, ist als Mohammedanerin nicht zu denken. Aus eigener Kraft kann die Türkei den Schritt zur inneren Colonisation nicht machen, sie bedarf dazu fremder, aber ehrlicher Hilfe. Man kann es als einen feinen Zug der orientalischen Politik Deutschlands erkennen, dass sie der Türkei den richtigen Weg zeigt, indem sie deutsches Capital nach Vorderasien lenkt, das durch imposante Eisenbahnbauten an der Verbindung des mittelländischen Meeres mit der persischen See arbeitet. Aber wenn auf den Spuren der neuen Schienenwege durch Anatolien und Mesopotamien neben ihnen und in ihrem Gefolge Handel und Industrie sich einstellen sollen, so reicht dazu das mohammedanische Bevölkerungsmaterial nicht aus. Die Bodenständigkeit muss durch eine Begeisterung ersetzt werden, weh he sich im idealsten Sinne mit dem Boden eins fühlt und dazu durch gelehrige Hingebung an die modernen Culturtendenzen angefeuert wird. Mit allen Teskeres und Irades, Hattihumajums und Hattischerifs kann diese Lebensforderung der Türkei, die immer dringender und unausweichlicher wird, nicht befriedigt werden; dagegen bedarf es nur eines Federzuges des Sultans, um zu einer Besiedlung das Signal zu geben, von welcher die innere Gesundung der Türkei erhofft werden kann. Für den Suitan, möchte man, auf ein bekanntes historisches Wort anspielend, sagen, ist der Charter, den ihm der Zionismus hinhält, einen Selamlik wert. Bevor die grosse Welle der englisch-russischen Rivalität an sein asiatisches Reich heranflutet, bevor vom Balkan her wieder drohende Wetterzeichen gegen seinen europäischen Besitz aufsteigen, kann eine jüdische Colonie auf dem Boden Palästinas installiert sein, die der Türkei als neue Fundamentquader dient, ohne irgend einer der Wellmächte ein Gegenstand des Misi-trauens zu sein. Wo wäre, von aller geschichtlichen Argumentation abgesehen, ein Element von grösserer Accommodationsfähigkeit an die vorderasiatischen und speciell an die palästinensischen Colonisationsbedingungen, ein besseres, friedlicheres, uneigennützigeres Binde-Element zwischen der Türkei und der europäischen Cultur vorhanden als dasjenige, welches der Zionismus zu mobilisieren bereit ist? Die Weltpolitik, welche seit wenigen Jahren wie ein frischer Luftstrom über die Erde geht wandelt im Zeichen der Cultur; es ist obsolet in dieser Hinsicht zwischen Russland und England einen Unterschied zu machen. In seiner Art ist heutzutage der russische Kosak so gut ein Werkzeug der Civilisation wie der britische Matrose in der seinigen, von Deutschland ganz zu schweigen. Die Gesammtbilanz wird es ergeben. Wenn man auf das gigantische Werk der transsibirischen Eisenbahn blickt, so ist man geneigt, den Ausruf dos römischen Dichters zu citieren: Vielleicht wird es einst eine Freude sein, auch dessen sich zu erinnern. Will nun die Türkei mit dem trägen Kismet sir-h begnügen, während ihr die Gelegenheit geboten ist, sich zum Antheil an dem Culturgewinn der Weltpolitik aufzuraffen? Kein Hintergedanke, der Misstrauen zu wecken geeignet wäre, ist bei dem Zionismus zu besorgen; was selbstisches Motiv bei ihm ist, strömt aus der idealen Quelle eines Heimatgefühles und eines Erlösungsbedürfnisses, einer Bereitschaft zur Dankbarkeit, die ein Pfeiler der künftigen türkischen Staats Wohlfahrt werden kann. WTenn man im Sultanspalast gut berathen ist, so wird man an dem Beispiel des Schah, der um 22 Millionen Rubel das Opfer der finanziellen und politischen Unabhängigkeit seines Reiches bringen musste, ermessen, wie wenig der Zionismus begehrt und wie viel er dafür zu geben in der Lage ist. Die Flottenvermehrung in Deutschland. Von Robert Jaffe. Von der Flottenvorlage mag man zu jedem Zeitpunkte, in welchen auch die. Discussion falle, zuversichtlich behaupten dürfen, dass ihre Annahme gesichert sei. Nur die Tageszeitungen, welchen es ja immer hochwillkommen ist, die Spalten ihres politischen Theiles füllen zu können, bringen kurzathmige, schon am selben Tage veraltende Nachrichten über den Fortgang der parlamentarischen Action, als ob diese der eigentliche Massstab für die Flottenbewegung wäre. Der Centrumsführer, der Abgeordnete Dr. Lieber, erkrankt, und die Zeitungen melden, dass die Regierungskreise darüber »doppelt betrübt wären, da man auf ihn bei den Bemühungen, das Centrum für diese Flottenpläne günstig zu stimmen, in erster Reihe gerechnet habe". Dabei hatte einige Tage vorher ein anderer hervorragender Centrumsmann, Graf Ballestrem, der Präsident des Reichstages, eine Rede gehalten, aus der hervorgehen konnte, dass mindestens ganze einflussreiche Reihen des Centrums der Flottenvorlage nicht feindlich gegenüberstehen werden. Die Blätter bringen ziffernmässige Aufstellungen über die voraussichtliche Abstimmung der einzelnen Parteien im Reichstage. Dabei ergibt sich, selbst wenn man die Frei-

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