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Die Welt · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
5 (2.2.1900)
Article
Corso in Solokow
Date
1900-02-02
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 ,Die & Welt" Nr. 5 Besitz von einem Paar Lackschuhen in eine höhere Sphäre des Daseins sich erhoben fühlen. Diese Jünglinge wussten in verschämter Weise die Schritte derart zu lenken, dass sie wie zufällig hinter irgendeine Serhöne gerathen zu sein schienen, während irgendein farbiges Band, eine wehende Straussfeder oder ein neuartig gewundener Haarzopf die deutlich sichtbaren Wimpel bildeten, an denen sie die im wogenden Gedränge dahinsegelnden Schönen zu erkennen vermochten. Nur die zu zwanglosen Gruppen vereinigten älteren Männer, welche, die ganze Breite der Strasse einnehmend, mit auf dem Rücken gekreuzten Händen, in behaglicher Müsse daherschlenderten, schienen von keinem irdischen Tand hierhergelockt; denn ihre noch von der Hochzeit herstammenden, längst verschossenen Kaftane und verfallenen, sternartigen Pelzmützen, waren über den Verdacht einer öffentlichen Schaustellung erhaben. Aber eben deshalb bildeten dieselben ein fremdes, in den Rahmen dieses Corsos nicht hineinpassendes Element: denn weder wurden sie von irgend jemandem beachtet, noch hatten sie, die oft. in lebhafter Discussion begriffen waren, Interesse genug, einen anderen eines Blickes zu würdigen. Indessen waren sie als Deckblatt, hinter dem irgendein Verliebter verschämt dahinwandeln konnte, nicht ganz ohne Nutzen. Das Auffallendste in diesem Corso war jedoch, da>-s all diese auf- und niederwogenden Massen streng nach Geschlechtern geschieden waren. Weder die Gatten- oder Elternliebe, noch sonst irgendeine Liebe war das Kriterium, nach dem die einzelnen sich gefunden hatten, sondern einzig und allein ein*, wenn nicht wirkliche, zumindest erborgte Art von Freundschaft. Die Mädchen giengen mit ihren Freundinnen. Jünglinge mit ihren Freunden, und selbst die Kinder, von den Eltern losgelöst, zogen in wachsenden oder abnehmenden Scharen in gekrümmten, unregelmässigen Bahnen, gleich Meteorschwärmen, durch die harmonisch hintereinander wandelnden Reihen, zuweilen unter Freudenrufen und Schlagworten aus gewissen Spielen mit Ungestüm vorübersausend. Die alten Frauen sassen in der ernüchterten, gelassenen Trägheit ihres Alters auf allerlei Sesseln und Bänken vor den Fenstern ihrer Wohnungen, das lebendig bewegte Bild der Strasse mit einem nicht minder lebendigen Rahmen abschliessend. Die Strasse ward zu einer Art Schaubühne, die Spaziergänger wurden zu Acteuren und das Lustwandeln erhielt erst hierdurch seinen besonderen Reiz und seine Gefahr: denn zu beiden Seiten auf den Bänken fühlte man sich stets als das behaglich geniessende Publicum, woselbst die Kritik herrschte, eine unzweideutige, bestimmte Kritik, deren Urtheile für lange hinaus Geltung hatten, sowie eine Art Jahresstntistik, welche an der Hand von Beispielen die wichtigsten Veränderungen feststellte, zum Beispiel, dass die Kinder herangewachsen, dass die Erwachsenen zu altern begonnen, dass irgendein Dicker noch dicker geworden und dass die Kinder eines Verstorbenen sieh in der That wie Waisen ausnähmen. Begann jedoch die Strasse einförmig zu werden, verlor man sich, von einem momentanen Eindrucke ausgehend, ins allgemeine, seufcte oder sprach über die Nichtigkeit aller Dinge, so dass es niemals an Stoff, noch weniger an Lust, ihn im wechselnden Zwiegespräche zu verarbeiten, ermangelte. Vor Hersch Bärs Haus, woselbst Gittel mit zwei Nachbarinnen ihre Sitze aufgeschlagen hatte, sprach man über Kindererziehung. „Entweder es hilft nicht oder man braucht es nicht," sagte die eine gedehnten, gähnenden Tones. „Bei Selig sind herangewachsen Kinder ahne Lehrer und ohne Erziehung und alle sind Menschen geworden. Der älteste hat eine Pachtung, und allen unseren Freunden mag es so gut ergehen, ewiger Gott! Der zweite wird bald Rabbiner und selbst der jüngste verdient schon und die schönsten Heiratsgelegenheiten werden ihm angeboten." Hierauf folgte die Argumentatio a contrario: „Was hat Joel, der Taube, mit allen seinen Lehrern erzielt? Der eine Sohn musste sich von seiner Frau scheiden, jetzt gibt er Stunden und ist ein Niemand. Der /.weite Sohn studiert und man hört und sieht nicht, was aus ihm geworden ist. Er wird sich noch taufen lassen. Das Töchterchen aber," fügte sie verächtlich hinzu, „hat bereits einem Kinde das Leben geschenkt. Entweder es hilft nicht oder man braucht es nicht." „Wenn man ein Kind richtig in die Hand nimmt, rauss aus ihm ein Mensch werden," s-agte hierauf die andere. „Wer hätte geglaubt, dass aus unserem Schmiel noch etwas wird! Hier ist er barfuss herumgelaufen, hat Aepfel gestohlen und Pferde zur Tränke geführt. Seitdem ihn jedoch Jizchok nach Amerika hinübergenommen, ist er wie ausgewechselt. Er ist solid geworden, spart Geld und unterr stützt schon seine Mutter. Jetzt hat er seine Photographie hierher geschickt; wer sie sieht, sagt, es sei gar nicht dieser Schmiel. Man muss ein Kind in die Hand nehmen." „Kindererziehung ist eine Glückssache," sagte Gittel. welche, von beiden Argumenten ein wenig überzeugt, ihrer momentanen Ansicht in dieser allgemeinen Sentenz Ausdruck verlieh. Gegen eine solche liess sich schlechterdings nichts einwenden, und da inzwischen die Strasse wieder die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken begann, fand das Gespräch sein Ende. Nachlässigen, schleppenden Ganges kamen zwei Frauen heran mit der resignierten, ernüchterten Miene von Müttern, die, obwohl noch jung, die Nichtigkeit aller Dinge längst an sich erfahren und früher als sonst die Gefühle und Anschauungen der Alten in sich aufgenommen hatten. Sie mussten aus einem besonderen Grunde hier erschienen sein, denn sie trugen ihre gewöhnliche, bequeme Haustracht, den Kopf mit einem Tuche umhüllt, und deuteten damit jedermann an, dass sie mit der festtäglich aufgeputzten Jugend in keinen Wettbewerb getreten seien, bekundeten jedoch gleichzeitig durch ihre zwanglose, sich selbst genügende Haltung, dass sie dies nicht bedauern, dass si*> über jene gewissermassen erhaben seien, und hatten so etwas Herausforderndes an sich. In kurzer Entfernung von der einen trippelte in der geschlechtslosen Gewandung dieses Alters ein unförmlicher, tollkühner Knirps gleichsam für sich und selbständig dahei\ hob vorsichtig, mit einer Geberde von Schlauheit, als sei er bereits hinter das Geheimnis gekommen, die feisten Beinchen und stellte sie triumphierend, wie nach einer bestandenen Gefahr, wieder zur Erde. Die Frau hinter ihm folgte unausgesetzt mit dem müden, gelangweilten Blick einer gequälten Mutter seinen Bewegungen und hörte gleichzeitig zerstreut, mit halbem Ohre das eintönige Gehaspei der anderen, welche mit der Trockenheit, womit man Gebete murmelt, von dem Schicksal einer Witwe erzählte: „Fünfzig Gulden hat sie, hundert Gulden, haben wir gerechnet, wird ihr der Schwiegervater geben, und mit hundertfünfzig Gulden, haben wir gedacht, wird sie sich machen ein Geschäft . . ." Doch inzwischen waren sie vor Hersch Bärs Haus ins Bereich der Weiber gekommen, welche mit beredten Blicken ihnen voller Erwartung entgegen lächelten, und eine, welche sich gerne ironischer Wendungen bediente, bot in einer Art Sing-Sang, wodurch die Ironie noch mehr hervortrat, den Willkommensgruss: „Das nenn' ich gescheit. Spazieren! Natürlich. Nicht wie wir alten Weiber. . .'• Die Mutter lächelte gezwungen und erzählte, dass der Kleine die alleinige Ursache ihres Aufzuges sei. Er habe sie nicht ruhig sitzen lassen, sie unaufhörlich am Kleide gerissen, so dass man en«Wich mit ihm gehen musste. Die Nachbarin, die gerade mit ihr im Gespräche gewesen sei. habe t-ich angeschlossen .. . Alles blickte auf den kleinen Tyrannen, der zwei Menschen wider ihren Willen spazieren führte und der, ganz in seine Sache vertieft und unbekümmert um die Aufmerksamkeit, die er auf sich gelenkt, mit unermüdlicher Beharrlichkeit seine Marschübung fortsetzte. Die Frauen unterbrachen ungern das eben begonnene Gespräch. Die eine nahm mit der früheren gelangweilten Ruhe ihren Wachdienst wieder auf und die andere fuhr fort zu erzählen, wie der Schwiegervater kein Geld geben wollte. Die Frauen aber hinter ihnen beeilten sich zu constatieren. dass dieser Kleine deswegen eine solche Macht habe, weil bereits zwei ältere Geschwister an Scharlach gestorben seien. Bald darauf gerieth die Strasse in leichte Unruhe. Eine neue, auffallende Erscheinung war im Anzüge. Aus den drängenden, ineinander schiebenden Massen trat wie ein Gestirn aus Wolken die stolze, überragende Gestalt eines Mädchens, mit der Wucht einer die ganze Aufmerksamkeit auf sich ladenden Eleganz heranschreitend. Ein dunkelblaues reichbesetztes Kleid von auffallendem Schnitt umhüllte ihre schlanken, zu eleganten Rundungen eingepressten Formen, ihr. graziös zurückgeworfener Kopf mit den aschblonden üppigen Haarwellen trug die stolze Erhabenheit einer Persönlichkeit zur Schau, die sich ihres hohen, unersetzlichen Wertes vollkommen bewusst ist, das violett verschleierte, blass-durchschimmernde Gesicht barg geheimnisvollen Zauber, und die mächtig überragenden, sammtartigen Straussfedern nickten triumphirend ineinander, während der kunstvolle Bau des Oberkörpers wie um seine eigene Achse sich zu drehen begehrte. Ein sanfies, seidenartiges Rauschen wiederhallte in ihren Schritten und der Duft eines undefinierbaren, versengenden Parfüms zog als unsichtbarer Schweif hinter ihr einher.

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