Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 4 (26.1.1900)
- Article
- Der kleine Engel
- Date
- 1900-01-26
- Page
- 13 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 „Die $l Welt" Seite 13 ihm liegenden Päckchen zählend und registrierend, als sich ihm der Engel heimlich, leise näherte. „Eine Million — hundert Millionen — tausend Millionen," zählte er in Gedanken. „Die Zahl meiner Münzen übertrifft wohl die Anzahl der Sterne, die Gott im Himmel hat! Meine Gedanken erheben sich und schweben über der Erde, hoch, hoch — und wer-weiss, ob es mir durch Reichthum und Macht nicht glückt, mir auch auf der Oberfläche eines der fernen Sterne im Himmel ein Haus zu bauen! Als der Engel diese Worte hörte, dachte er: „Wenn dem so ist. so ist da ja der Mann, den ich gesucht! Wenn dieser Mann solch grosse, erhabene Gedanken denkt, die bis zu den Wolken steigen und zum Himmelsgewölbe sich erheben, so warte ich, bis ein solcher Gedanke aus seiner Seele aufzuckt, und fahre mit ihm in den Himmel hinauf.- Der Engel harrte und lauorte heimlich auf solch einen Gedanken. Kaum war dieser aus dem Millionenbesitzer aufgeblitzt, packte ihn der Engel und setzte sich reitend auf ihn und fuhr mit ihm hinauf, schwebend, fliegend — die Minuten wurden zu Stunden, die Stunden zu Tagen und noch hatten sie nicht aufgehört zu fliegen. Als sich jedoch der Engel da und dort umwandte, bemerkte er. dass sie nicht hinauf-, sondern hin abgefahren waren : sie hatten sich nicht erhoben, sondern waren gesunken, und es fehlte nicht viel, so hätten sie sich im Kehrichthaufen einer tiefen Senkgrube gewälzt, während sie in den Himmel zu steigen glaubten. Natürlich gelangten sie nicht zu den Sternen, sondern zu den Gold- und Silbersäcken, die auf der Erde ausgebreitet sind. Da stand der kleine Engel auf, ermunterte sieh und machte sich aus dem Staube. Bei sich aber dachte er: .,Nicht durch den Reiehthum werde ich in den Himmel steigen." Jetzt kam er zu einem Manne, dessen Gewand von Gold strotzte. Das Schwert. <his er an der Seite trug, war mit allerhand Edelsteinen besetzt, sein Antlitz flammend, voll Stolz und Hoheit. Und der Engel merkte, dass der Mann einer der grossen, ruhmreichen Helden sei. der durch seine Kraft Länder erobert und mit seiner eisernen Hand Völker unterjocht hat, ein Mann, vor dem die weltentrückten Inseln nicht geschützt, die Himmelssäulen nicht geborgen sind. Bei guter Stimmung pflegte er die Himmelsbalken zu erfassen und zu erschüttern und schüttelte von ihnen alle Sterne sammt allen Himmelsinächten herab. — Diesem wunderbaren Manne schloss sich der Engel an und harrte seiner. Als nun aus diesem Helden ein grosser, erhabener Gedanke aufzuckte, ergriff ihn der Engel hastig, setzte sich auf ihn und stieg mit ihm. schwebend, fliegend. Bald bemerkte jedoch der Engel, dass sein Weg nicht gen Himmel sei. sondern in der Richtung der Hölle. Auf dem rothen Meere, dessen blutige Wellen vor ihm ausgegossen waren, schwebten sie dahin in rothen Schiffen, in der Richtung zur Hölle. Da ermannte sich der kleine Engel, floh und rettete sich. Bei sich aber dachte er: „Nicht durch die Stärke werde ich in den Himmel steigen." Auf seiner Flucht kam er an einem grossen Hause vorbei, in dem viele Katheder waren. An diesen Kathedern standen Männer, vor denen grosse, dicke Folianten, philosophische und andere wissenschaftliche Bücher lagen. Kahlköpfige Männer mit mächtigen Stirnwülsten, standen sie vor ihren Hörern und docierten über die Mysterien der Weltentstehung und die Geheimnisse des Himmels. Nichts entgieng ihnen, alles wussten sie. Harrend stellte sich der Engel hin und lauerte auf einen grossen, erhabenen Gedanken, den sie etwa aussprechen würden. Er stand dort einen ganzen Tag, ja einige Tage, viele Wochen und Monate sogar, doch fand er hei ihnen weder eine Idee, noch eine einleuchtende Hypothese. ,Im Irrthum war ich ja begriffen." riet er dann aus, „ein gedankenloses Pack ist"s ja. und ich, ich habe vergebens gewartet." Er floh sodann, sicfi sagend: ..Nicht durch die Weisheit komme ich in den Himmel." „Wahrlich, die Sache ist bedeutend schwieriger, als ich anfangs geglaubt habe," sprach der Engel zu sich, liess den Kopf hängen und schlenderte dahin, das Gemüth voll Kummer und Betrübnis. Und er zog wandernd und wandernd, weit und breit, durchmass die Erde der Länge und Breite nach, wanderte von Volk zu Volk, von Land zu Land viele Tage und Wochen, und kam an den Ort, wo im Felde der Garten ist, der Ort, wo er zuerst aus dem Schlafe erwacht, nachdem er vom Himmel herniedergestiegen war. Sommer über dem ganzen Umkreise, und Glanz und Rosenduft auf der ganzen Erde, und Schmetterlinge und Bienen tanzen auch jetzt im warmen Aether, und die Vögel singen und zwitschern ihr Lied. — Und im Gartengrase liegt ein junger Mann, die Augen zum Himmel erhoben. Sein Blick gen Himmel, sein ganzer Gesichtsausdruck bezeugen, dass sein Geist jetzt der Erde entrückt, dieser irdischen Stelle und allem, was auf ihr geschieht, denn sein Geist schwebt in höheren Regionen. Und es steigt sein Geist hoch hinauf bis dahin, wo die Wolken sind, von den Wolken zum Himmel, vom Himmel zur Sonnenburg, von der Sonnenburg zum Herrlichkeitssitze, auf dem Gott der Heerscharen thront. Da blickt der Engel in die Augen des Jünglings und sieht, dass sie leuchten, diese Augen, wie Sonne, Mond und Sterne insgesammt, und schon zuckt ein Blitz aus dem Auge des Jünglings. Und der Blitz zuckt und steigt hinauf, immer höher und höher — da erfasst ihn der Engel und setzt sich reitend auf ihn. Und nach Verlauf einer Minute befindet sich der Engel im Himmel und stellt sich unter die tausende der Brüder, die seiner harren.-- ..Wahrlich, diesmal hast Du die Sache sehr gut gemacht," sprach Gott zum kleinen Engel, der von der Erde zurückgekehrt war, und klopfte ihm auf die Schulter. „Du kennst doch den Mann, der mit dem Strahl seines Auges alles, was er will, in den Himmel trägt, nicht wahr?" „Nein, ich kenne ihn nicht," erwiderte der kleine Engel. Da streichelt Gott mit seiner Hand die weichen Hauptlocken des Engels und spricht: „Dieser Mann ist — der Dichter/- Kleine Geschichten. (11. Serie.) 1. Eine gemischte Gesellschaft. Grethe Waring hatte einige Damen zur Jause geladen. Durchwegs junge Mädchen im Alter von 17—IS Jahren, Pensionatsfreundinnen. „Kinder, Ihr bleibt ganz ungestört durch die Anwesenheit alter Leute. Ihr könnt lachen und lustig sein, wie Ihr wollt," sagte läehelnd die Mutter Gretbes, Frau Iiegierungsralh Waring, eine noch blühende, schöne, jugendliche Frau, »ich bin nur einen Augenblick hereingekommen, um Euch zu begrüssen.- Die jungen Mädchen, es waren ihrer sechs, holde Repräsentantinnen der Weiblichkeit in allen Farben und Gestalten, willfahrten dieser Einladung mit umso grösserer Bereitwilligkeit, als sie wahrscheinlich auch ohne dieselbe so lustig und übermütlng gewesen wären, wie es eben das Alter von 17 —18 Jahren zu sein pflegt. Nur eine der jungen Damen, Mia Rcinwald, eine schlanke Mädchenersc.heinung mit blondem Haar und einem weissen Gesichte, welches durch einige Sommersprossen nichts an Schönheit verlor, blieb ernst und zurückhaltend. Sie war die einzige in dem Kreise, der man trotz ihres blonden Kopfes die semitische Abstammung ansah, und auch die einzige, die ein goldenes Kreuz am Merzen trug. Das Kreuz war noch ganz neu, denn Mia, oder - wie sie jetzt sich nannte — Maria war erst seit einem Jahre, gemeinschaftlich mit ihren Eltern, zum Christenthum bekehrt worden. »Was ist Dir, Mia? Du bist heute so verstimmt. Da, die Du sonst die Tollste von uns allen warst.- fragte Grethe Waring, die es als ihre Pflicht erachtete, jedem ihrer Gäste besondere Aufmerksamkeit zu schenken. „Nichts. Ich habe nur ein wenig Kopfweh." lautete die ein wenig kühle Antwort. „Deine Grossmama würde gewiss, wenn sie Dich jetzt sähe, besorgt ausrufen : »Man hat Dich beschrieen, mein Goldkind,* sagte leise, lächelnd Esther Mannheim, ein reizendes Schwarzköpfchen, die jeder für eine Italienerin gehalten hätte, obgleich ihr Vater, der Doctor Mannheim, in der Slovakei geboren war, und ihre Mutter in der Judengasse in Pressburg das Licht der Welt erblickt hatte. So harmlos die Worte Esthers gemeint waren, sie übten auf Mia, die allein sie gehört hatte, eine ausserordentliche Wirkung aus. Blass vor Zorn, erhob sie sich von ihrem Sitze und wendete sich mit einer brüsken Bewegung von Esther ab, ohne sie eines Wortes zu würdigen. Dann sagte sie laut: