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Die Welt · 1900-01-26 · 4 (26.1.1900) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
4 (26.1.1900)
Article
Der kleine Engel
Date
1900-01-26
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 ,Die 2$ Welt*» Nr. 4 dann die „Räder" (Ol'aiiim) und die „heiligen Thiere" (Chajoth hakodesch). läuft zu den zwölf Sternbildern hin. wählt von ihnen soviel, als ihm für sein Werk gut dünkt: den Ziegenbock, den Widder, den Steinbock und den Löwen, spannt sie an den Wagen, neigt auch den Bogen über die Vorderseite des Wagens, damit seine Form der eines russischen Wagens gleiche, setzt hierauf die „Zwillinge" vorne auf den Bock, er selbst nimmt im Wagen Platz und rollt nun mit tosendem Donnergepolter von einem Himmelsende zum anderen, bis er in die schönste und längste aller Himmelsstrassen, in die .Milchstrasse", kommt. Als plötzlich in dieser Strasse Peitschenknall, Rädergerassel und dröhnender Lärm laut wurden, erzitterten darob alle Himmelsbewohner, sie schnellten auf und blieben wie gelähmt stehen. Sie glaubten, der Feind sei plötzlichin dieHimmelsthore gedrungen. Alle Steine der „Milchstrasse" wurden von der Wucht des Wagens, der blitzschnell dahinflog, zertrümmert. Sie wurden zu Splittern und die Splitter zu Sternen — bis auf den heutigen Tag. Es jammerten alle Himmelsbewohner, denn es war dergleichen weder jemals gesehen noch gehört worden im Himmel. Bitter klagten die Greise und sprachen unter Thränen : „Ach, auch im Himmel wird uns noch keine Ruhe gegönnt!"' Und sie hatten die Absicht, vor Gottes Thron zu kommen, um zu erzählen, was ihnen zugestossen, und wie er sie zum besten gehalten und was er ihnen angethan, der kleine Engel: sie wollten ihn vor Gott übel beleumunden. Aber diese Greise reden nur, thun jedoch nichts. Allein im Himmel sitzt in einem Winkel am Ende der Milchstrasse die Jungfrau, jene Jungfrau nämlich, die auch untei die Zahl der zwölf Sternbilder gerechnet wird: sie ist eine alte Jungfer, dürr von der Fülle der Jahre, die noch keines Mannes Liebe beseligt hat, denn sie hatte keinen keuschen Jüngling gefunden, deshalb sitzt sie bis jetzt noch in ihrer Jungfernschaft da und harrt des Freiers, der da kommen würde. Ihr Gemüth ist voll Bitterkeit, alle Himmelsbewohner fürchten sie und die Fertigkeit ihrer spitzen Zunge, mit unendlichem Schrecken erfüllt sie ihr Zorn. Da erhebt sich die Jungfrau und läuft in grollendem Grimme bis vor den Gottesthron: und Gott, der sie von der Ferne kommen sieht, erschrickt — wenn der Ausdruck gestattet ist — ein wenig, denn er kennt diese ehrwürdige Jungfrau und weiss, dass selbst der Satan sich vor ihr inacht nimmt und versteckt. Allein diesmal hatte die Jungfrau recht, vollkommen recht. Denn Schauerliches ist im Himmel geschehen, verruchte Thaten wurden verübt; nun blieb nichts anderes übrig, als den Frevler ob seiner Unthat zu bestrafen. — Gott riet nun dem kleinen Engel und sprach zu ihm: „Hinab! Steig vom Himmel auf die Erde nieder und wohne daselbst mit den Menschen, damit Du nicht fürder den Himmel in Schrecken setzest. Dein Betragen war diesmal nicht wie das eines züchtigen Engels, wie ein Teufel warst Du. der das Heilige höhnt und sogar einer Jungfrau Ansehen nicht ehrt. Deshalb steig hinab vom Himmel zur Erde und bleibe daselbst bis verraucht ist der Zorn Deiner Feinde, dann kehre zu uns zurück. Doch wisse, nicht ich bringe Dich in den Himmel wieder. Du allein musst durch eigene Kraft und Vernunft zurückkehren, und keiner der Himmlischen darf Dir bei Deiner Rückkehr behilflich sein." Und Gott sandte einen tiefen Schlaf auf den Engel, so dass er einschlief. Auch seine weissen Flügel stutzte ihm Gott, damit ihm der Mangel an Flügeln eine augenblickliche Rückkehr unmöglich mache. Wie . nun der Engel erwachend die Augen aufschlägt, sieht er sich auf der Erde in einem Garten liegend, und er athmet Rosenduft ein. und glänzende Lichtstrahlen sind über den ganzen Umkreis ausgegossen und Käfer und Falter schwärmen und tanzen im warmen, milden Aether. und oben im Bl;ui des Himmels wiegen sich die liederschmetternden Vögel: da wendet ersieh hin und her und schaut und staunt, denn er kennt nicht den Ort, wo er ist. noch weiss er, wie er dorthin gekommen. Doch allmählich, allmählich werden Vorstellungen in ihm wach, er erinnert sich an die Geschehnisse der letzten Stunde: da wird er einen Augenblick missmuthig und begintit zu sinnen und nachzudenken. Aber tiefes Grübeln und Forschen hatte der kleine Engel von jeher gehasst, und auch jetzt fiel ihm das Nachdenken schwer. Er gibt deshalb das Sinnen und Grübeln auf und wendet seine Aufmerksamkeit der Umgebung zu. Der schöne Ort gefällt ihm. Er ermuntert sich und betrachtet den Bachesquell, die tanzenden Wellen und die Fische, die kleinen und grossen, die Knospen und Rosen, die seine Begierde erregen. Zitternd eilt er von Knospe zu Knospe, von Rose zu Rose und ist fröhlich und wohlgemuth, tausendmal mehr als früher. „Ihr reizenden Schmetterlinge!" ruft der kleine Engel, „wohin Ihr flieget, will auch ich fliegen, wohin Ihr hüpfet, will auch ich hüpfen!" Und er will sich hoch hinaufschwingen, um zu schweben1 mit den Schwebenden, aber — ach! -~ nicht weiss er, dass ihn Gott der Flügel beraubt hat. „Auch das ist zum Guten," denkt der kleine Engel und wischt sich zwei Thränen aus den Augen, aus dem rechten und dem linken; die eine war eine Freudenthräne, die andere eine Leidensthränc. ,Kann ich also nicht wieder in den Himmel kommen, bis mir Flügel gewachsen sind! Nun, auch die Erde gefällt mir, sie ist weder schlecht noch verachtenswert, wie alle Himmelsbewohner glauben, im Gegentheile, alles ringsum ist in heller Freude den ganzen Tag, und niemand verlangt hier von mir, dass ich fromm sei und brav und züchtig von früh bis abends." Das dachte sich der muntere, reizende Engel und begann sich an alle Wesen, die er traf, zu schmiegen: er tändelte in Liebe mit den summenden Bienen und surrenden Fliegen, mit den quackenden Fröschen und den flinken Eidechsen. Und Gott, der vom Himmel herniederblickte und alles sah, was sein lieber Engel trieb, freute sich sehr über ihn und schloss ihn innig in sein Herz, tausendmal mehr als ehedem. Am Morgen des nächsten Tages stand der Engel früh auf und gieng unter die Menschen. Und so verkehrte er mit ihnen Tage, Monate, und auch sie gefielen ihm. Als er sah, dass sie besser seien, als er gedacht hatte, da er noch im Himmel weilte, freute er sich, lächelte jedoch heimlich über sie, als er ihre Forschungen, Systeme und Philosopheme hörte, die sie einander über Himmel, Gott, Teufel un Hölle lehrten, wobei jeder glaubte, dass nur seine Lehre wahr sei, dass er allein den Wahrheitsweg entdeckt habe, während doch alle insgesammt im Irrthum befangen waren und ihre eigenen Worte nicht verstanden. Da lachte der kleine Engel über sie, sagte, ihnen aber nicht die Wahrheit, trotzdem er ihr Gerede gehört hatte. Viele Tage und Monate waren schon verstrichen und der Engel befand sich noch auf Erden. Nicht nur der Mensch war in seinen Augen Thor, seine grosse und tiefe Weisheit Dummheit und Unwissenheit, auch die Erde schien ihmeine Ouelle des Verderbens. Er empfand sie plötzlich als lästigen Druck, so dass er ihr entrinnen wollte, und er sann und sann und wurde melancholisch. „Könnt Ihr mich nicht emporheben zu Gott im Himmel?" fragte er die bis an die Wolken schwebenden Vögel. „Jawohl." antworteten die Vögel, „aber es ist noch eine weite Strecke von uns bis Gott, und wer, ausser uns, wird Dich dann weiter bis in den Himmel hinauftragen Allein die Schar der Vögel vermochte nicht, ihr Versprechen zu erfüllen. Kaum hatten sie den kleinen Engel bis oberhalb des Daches der hohen Synagoge emporgehoben, machten sie schon Halt, und da ihr Athem zu kurz war, so Hessen sie den kleinen Engel zur Erde sinken, und so befand er sich wieder unten, wie ehedem. „Ist kein Reisender hier, dessen Weg in den Himmel führt?" rief der Engel am nächsten Morgen, als er im freien Felde stand. „Ja, es ist einer da, spute Dich und komme mit mir." erwiderte ihm eine kräftig tönende Stimme. Und bald darauf erhob sich ein langbeschwingter Adler über sein Haupt, und der Engel erfasste des Adlers Fittiche und stieg mit ihm bis zu den Wolken hinauf. Vereint segelten sie durch die Lüfte und erreichten die höchsten Bergesgipfel, auf denen ewiger Schnee lagert und eisiger Frost starrt. Höher jedoch als über diese Berge konnte sich der Adler nicht erheben, und der Weg von hier bis in den Himmel ist ja noch weit, sehr weit. „Du Grosssprecher, Du! Du lügnerischer Prahler!-1 schrie der Engel, stieg vom Adler herab und gieng zu Fusse, in Gedanken vertieft. .Aich", wende Dich an die Menschen — Safsaf, Safsaf!" liess sich eine Schwalbe vernehmen. „Ich habe mit dem Menschen viele Jahre unter einem Dache gewohnt, kenne ihn und habe mich an seinen Umgang gewöhnt. Und ich sage Dir: „Der Mensch ist gescheiter"als alle Thiere, und sein Rath ist wundervoll : deshalb geh' auch Du zu ihm und thue, was er Dir sagt." „Der Mensch?" entgegnete der Kleine lachend. „Du hältst mich wohl zum besten, wenn Du meinst, er sei klug: ich habe nur das Gegentheil an ihm gesehen!" „Es war gewiss nur zufällig; Du hast wohl nur Thoren und Unwissende gefunden, denn zumeist geben sich nur Thoren und Unwissende mit Engeln ab," erwiderte die Schwalbe. „Versuche es ein zweitesmal und fahnde nach neuen, vernünftigen Menschen, da wirst Du wohl sehen, dass ich recht habe — Safsaf, Safsaf." „O, möchte es doch so sein!" antwortete der Engel, verliess den Ort und begab sich in eine grosse Stadt. Hier kam er zu einem Manne, der in einem prächtigen Palaste wohnte. Der Mann hatte eine grosse, breite Stirne, und der Engel dachte sich: „Nur grosse und erhabene Gedanken weben wohl hinter dieser Stirne." Der Mann sass gerade an seinem Schreibtische, die vor

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