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Die Welt · 1900-01-26 · 4 (26.1.1900) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
4 (26.1.1900)
Article
Zwischenhandel
Date
1900-01-26
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 ,Die & Welt«4 Seite 5 Semiten haben einst Tyrus und Sidon erbaut, haben als Culturmittler die Anschauungen und die Technik des (Ostens nach Spanien, nach England und weiter getragen. Semiten werden es wieder sein, die in der grossen Zeit, der wir entgegengehen, Cultur zu den Niedrigerstehenden tragen, wenn auch diesmal von West nach Ost. Und in dem kleinen, steinigen Winkel am Libanon, der heute so wenig begehrenswert erscheint, wird eine Cultur erblühen, die von allen Himmelsstrichen her das Beste-in sich vereinigen wird. Dass wir dereinst nur das Uute verwenden zum Aufbau, dafür bürgt die Erfahrung, die wir mit den Rückseiten europäischer Cultur so traurig oft machen mussten. Und so werden wir den heute gehassten Namen des Vermittlers zu Ehren bringen. Die Woche. Wien, den "2U Jänner HR«). Beziehungen. In den böhmisch-mährisch-schlesischenKohlenrevieren strikt eine Legion Bergarbeiter. Als die erste Nachricht von dem Massenaustande in die Oeffentlichkeit drang, durfte man sich sogleich die Frage stellen : Auf welche Weise werden jetzt wohl die Juden in die Kohlenanaire verwickelt werden? Es ist ja eine Eigentümlichkeit der Juden — insbesondere der österreichischen Juden — dass sie mit jeder halbwegs hervorstechenden Erscheinung des öffentlichen Lebens ein Verhältnis anknüpfen. Zwischen den Juden und den wichtigeren Zeitereignissen werden Beziehungen hergestellt, die für die Juden zumeist eomproniittierend sind. Am liebsten construiert man einen Zusammenhang zwischen Juden und Zeitereignissen, wenn letztere eine missliche, katastrophenartige Färbung haben. Die vulgärste, häufigste Form der Verkettung zwischen den Begebenheiten und den Juden ist die des Causalnexus: der Jude ist der L'rheber des Unglücksfalles. Er hat beispielsweise die Pest in einer Stadt erzeugt. Oder eine zweite Form der Verknüpfung: Der Jude ist zwar nicht der Urheber der Katastrophe, aber er weiss sie so zu drehen und zu wenden, dass sie ihre verhängnisvolle Spitze zugunsten der Juden gegen die Nicht-Juden kehrt. Er beutet das Zeitereignis, an dem er allerdings nicht schuld ist, zu seinem Vortheile aus. Das Fremdwort für diese Art der Verwertung möge nach Belieben gewählt werden. Als nun der Kohlenstrike am Horizonte erschien, musste auch schon die Gewissheit vorhanden sein, dass man die Juden über kurz oder hing in einem Athem mit dem Ereignisse nennen werde. Aber in welcher Form?! Es war genug Auswahl: Entweder, die jüdischen Arbeiterführer haben die Arbeiter verhetzt, oder die jüdischen Grubenbesitzer haben die Arbeiter durch Hungerlöhne zur Arbeitseinstellung gezwungen, oder der Strike ist eine Methode des-wirtschaftlichen Kampfes, die von Juden erfunden wurde, oder — kurz eine Reihe von Berührungspunkten stand in Aussicht. Aber die Phantasie eines antisemitischen Tintenmannes ist unberechenbar. Er weiss den Dingen die überraschendsten Wendungen zu geben : die jüdischen Kohlenhändler — so lauten die neuesten Zeitungsnachrichten — benützen den Strike, um die Kohlen preise zu ungeheuerlicher Höhe eniporzutreiben. Das antisemitische Presslümpchen stellt da einen ganz geschickten Streich an. Möglicherweise tritt Kohlenmangel ein, und das christliche Volk sitzt_bei den kalten Oefen und klappert* mit den Zähnen. Das christliche Volk wird dann wissen, wem es das Klappern zu danken hat. Mit blaugefrorenen Lippen wird es den Juden fluchen. Schwarzes. In Paris nimmt jetzt der Process gegen die Assumptionisten das Interesse in Anspruch. Die ehrwürdigen Patres von der Assumptionisten-Congregation haben sich mit einem derart heiligen Eifer dem Zusammenscharren von Geldern gewidmet, als hätten sie das Gelübde ewigen Reichthums erfüllen wollen. Woher das Geld kam, darüber Hessen sie sich rückwärts am Scheitel keine grauen Haare wachsen. Sie nahmen das goldene Kalb ausnahmslos mit offenen Armen auf, mochte es nun jüdischer, christlicher oder muhamedanischer Abkunft sein, und drückten es mit brüderlicher Wärme an ihr Herz. Denn die ehrwürdige Assumptionisten-Congregation hat bekanntlich einen guten Magen und verschlingt mit Vorliebe die oberwähnte Kalbsgattung. Obwohl nun den Assumptionisten keineswegs das Gebot der hartnäckigen Schweigsamkeit auferlegt ist. wie anderen Brüderschaften, so bewahrten sie dennoch über die Höhe ihres Vermögens ein unverbrüchliches Schweigen, das selbst die Steuerbehörde nicht zu brechen vermochte. Durch diese Tugend gelang es ihnen, den Fiscus ein wenig zu scheren. Der Fiscus aber, der nicht die Pflicht hat, ganz glatt rasiert zu sein, wollte sich nicht über den Löffel halbieren lassen und erhob gegen die Assumptionisten die Klage wegen Hintergehung des Staatssäckels und mangelhafter Steuerbethätigung. Man thäte aber den geistlichen Herren entschieden Unrecht, wollte man behaupten, dass sie ihr Geld dem Staate vollständig entzogen hätten: sie verwandten ihre (Kapitalien zur Demolierung des Staates. Zu jedem Streiche, der in letzter Zeit gegen die Republik geführt wurde, haben die Patres ihr Scherflein beigetragen, und über jede Judenhetze haben sie segnend und salbend die Hände gebreitet. So haben sie auch für Frankreich den Nachweis geliefert, dass ultramontanes Schaffen und Antisemitismus sehr nahe verwandt sind, dass die frommen Sprüchlein zumeist die Neigung haben, in ein ^Nieder mit den Juden!" auszuklagen. Ein Bruderkrieg. Im Lager der Wiener christlich-socialen Antisemiten ist ein brühend heisser Bruderkrieg entbrannt. Der böse Geist der Uneinigkeit, der bekanntlich schon so viel Unheil auf Erden gestiftet hat, ist in die christlich-socialen „Arbeitergefahren. Ks gibt jetzt in Wien seit neuester Zeit zwei Gruppen christlich-socialer Arbeiter, die durch eine gähnende Principienkiuft von einander getrennt sind und sich in Zeitungsspalten und Versammlungsloealen, wo sonst milder Kampf gegen Israel tobte, erbittert befehden. Dieser Zwist findet in betheiligten jüdischen Kreisen grosse Beachtung, er geniesst die Würdigung, die jedem bedeutsamen Ereignisse gebürt: jüdische Politiker, deren Horizont sich ein beträchtliches Stück über die Gemarkungen Wiens ausdehnt, betrachten nachdenklich die Zersetzung, die mit den gewissen Riesenschritten innerhalb des antisemitischen Lagers vorwärts schreitet; selbstverständlich hüten sich die erwähnten Politiker, in den Blättern über den christlichsocialen Bruderkrieg zu schreiben. Das wäre sehr unpolitisch. Das könnte den Zersetzungsprocess aufhalten, die feindlichen Brüder könnten sich flugs versöhnen, wenn sie sähen, dass der Jude der tertius gaudens ist. Darum unterdrücken die jüdischen Stefansthurmpolitiker das kleinste freudige Lächeln und sehen möglichst unbefangen drein. Der Zankapfel, der die Christlich-Socialen zu unseliger Zwietracht gereizt hat, ist die Judenfrage. Eine radicalere Arbeitergruppe wünscht, man möge alle Juden ohne Unterschied der Confession, nämlich getaufte oder ungetaufte Juden, unbarmherzig bekämpfen. Dieser Wunsch heisst: Rassenstandpunkt. Eine andere, bedeutend versöhnlicher gestimmte Arbeitergruppe wünscht, man möge hauptsächlich die Juden, die nicht die Taufe absolviert haben, mit Feuer und Schwert vorfolgen. Da die beiden Arbeiterfractionen sich nicht darüber einigen konnten, welche Juden in erster Linie mit Krieg zu überziehen wären, so wählten sie den praktischen dritten Aus-

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