Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 4 (26.1.1900)
- Article
- Zwischenhandel
- Date
- 1900-01-26
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 ,Die 2$ Welt" Nr. 4 zwischen Producenten und Abnehmern eine wichtige Erwerbsquelle für viele tausende. Und der Vermittler nahm eine geachtete Stellung ein, denn den producierenden Ständen gieng es wohl. Sie sahen neidlos andere verdienen und verstanden, welchen Vortheil ihnen diese Vermittlung brachte. Die Juden waren, den wirtschaftlichen Verhältnissen nach, zum erheblichen Theile an diesem Handelszweige beschäftigt. Jahrzehn toi an g haben sie ihr anerzogenes Händlertalent so bethätigt, und vielleicht hat ihnen ihre Unentbehrlichkeit auf diesem Gebiete einen erheblichen Theil der Rechte verschafft, die sie in Westeuropa erwarben. Heute leiden die landwirtschaftlichen Producenten und der Handwerkerstand unter einer schweren Krisis. Es hiesse die Augen verschliessen, wollte man die Noth der Landwirtschaft und des kleinen Mittelstandes leugnen. In der Noth nun pflegen die Menschen einen Sündenbock zu suchen. Und da meint man, der Zwischenhandel sei schuld am eigenen Leide, weil er künstlich zu speculativen Zwecken die Preise drücke. Darum verfolgt man ihn und hasst noch mehr als sonst — die Juden. Wie sollen wir aus diesen Zuständen uns retten? Gewiss ist der Vorwurf hinfällig, aber er wird einmal erhoben und wir leiden bitter unter den Folgen. Man hat gut sagen, der Jude solle productiv thätig sein. Viele tausende von uns gehören den producierenden Ständen an, aber die Mehrzahl ist durch die trostlosen Verhältnisse, unter denen sie lebt, nicht weniger als durch vielhundertjährige (Gewöhnung auf die Thätigkeit im Zwischenhandel hingewiesen. Unter den bestellenden Lebensbedingungen kann sie nicht anders sein als sie ist, also muss man diese Bedingungen ändern, um zu helfen. Aus dieser Erkenntnis kamen Helfer, welche den Juden als Bauer an die Scholle fesseln wollten und ihn nach Amerika, Australien, dem Cap schafften, wo er plötzlich unter ganz fremden Verhältnissen, losgelöst von seiner historischen Entwicklung, den Boden bearbeiten sollte. Diese Versuche sind fehlgegangen, weil sie nicht mit der Menschennatur rechneten. Man kann nur dann von einem Durchschnittssterhlichen eine ganz ungewöhnliche Leistung erfordern, wenn man ihm auch gleichzeitig für diese gewaltige Anstrengung ein Aequivalent bietet. Dieses war in Palästina die Idee, den Boden sein eigen zu nennen, der geheiligt ist in unserer Geschichte, wie in der aller anderen Völker. Das Land, nach dem unsere Väter sich lxoo Jahre gesehnt hatten in bitterein Leide und unter heissen Gebeten. Darum kann der Jude in Kanaan Bauer sein, nirgendwo anders. Aber auch dort kann er nicht ausschliesslich Landmann sein. Gewiss steigt Erdsegen aus dem selbstgepflügten Acker auf und wir sehnen uns alle nach seinem belebenden Hauche. Mussten wir ihn doch unendliche Zeiten entbehren. Aber ein ganzes Volk kann nicht zum Ackerbau zurück, nur Bruchtheile können sich diesem vornehmsten aller Berufe zuwenden. Die anderen müssen wie bisher ihr Fortkommen finden, der bisherigen Erwerbsgewohnheit folgen, und diese liegt nun einmal bei uns auf dem Gebiete des Handels. Also gilt es, auch ihnen die Lebensmöglichkeit zu schaffen, und das im Lande der Väter, in dem allein die nationale Wiedergeburt erfolgen kann. Und da sagt man nun: Palästina ist ein Land ohne grosse Ein- und Ausfuhr, ein Land, das abseits liegt vom Weltverkehr. Was soll ein Volk von Händlern dort beginnen, wo man Industrien erst neuschaffen, Producenten von Früchten des Erdbodens erst ansiedeln und Absatzgebiete mühsam erschliessen rauss? Diese Argumentation ist unrichtig, so zwingend sie auf den ersten Blick erscheint. Gewiss, wenn heute grosse Volksmassen plötzlich nach Palästina kämen, so wäre das der schlimmste Unglücksfall, der sich ereignen könnte. Zu einer Massenansiedlung von Bauern bedürfen wir noch ernster Vorstudien, ausführlicher Versuche, die heute durch die Kleincolonisation geliefert werden. Auch die Bank wird da ein grosses Arbeitsfeld finden. Dann auch bedarf es der Erschliessung neuer grosser Verkehrswege. Heute liegt Palästina freilich noch abseits vom Weltverkehr, aber in wenigen Jahren wird das anders sein. Durch die wunderlichen Wege des Schicksals erlangt die Ostküste des Mittelmeeres gerade jetzt die Stellung wieder, die sie im späteren Mittelalter, die sie in der phönicischen Zeit besass. Vom Norden her wird nach Damaskus der Schienenstrang geführt werden, der Syrien mit der Bagdadbahn verbinden soll und vom Cap der guten Hoffnung will man zum Suezcanal, unserer natürlichen Südgrenze, jenen gewaltigen Eisenweg ziehen, der ganz Afrika vom Süden nach dem Norden durchschneiden soll. Freilich wird ein solches Werk nicht von heute zu morgen geschaffen. Aber gebaut wird die Bahn werden, auch wenn der jetzt tobende Krieg das Project noch ein paar Jahre hinausschiebt. Und welche Wirkungen wird sie alsdann ausüben! Der Afrikareisende Carl Peters hat angeblich jüngst am Zambesi ein Land entdeckt, das Afur genannt wird und dessen Bevölkerung er, dem Gesichtstypus nach, für ein jüdisches Mischvolk hält. Dortselbst fand er alte Bauwerke semitischen Ursprungs, auch in Betrieb befindliche Bergwerke. Er nimmt an, Afur sei das alte Ophir, aus dem Salomo Gold und Edelsteine gebracht wurden. Und die Ausbeute war so gross, dass der Ruhm des königlichen Reichthums sich in der ganzen Welt verbreitete. Heute versorgt der „Rand" die ganze Welt mit Gold. Natal hat unerschöpfliche Kohlenfelder, das Capland mit seinen Farmen liefert ungeheure Mengen von ländlichen Producten. die innerafrikanischen Gebiete mit ihrem Reichthum können heute noch fast gar nicht ausgebeutet werden, weil es an Verbindungen fehlt. Freilich wird auch später ein grosser Theil der Waren auf dem Senegal befördert werden, aber die Bahn wird doch ungeheure Gütermengen bewältigen. Und am Ostrande des Mittelländischen Meeres wird der Mittelpunkt sein für den ganzen Verkehr zwischen den drei alten Welttheilen. Wieviele Menschen können da ein sorgenfreies Dasein finden! Und nicht nur für uns, nein für die gesammte Menschheit würde die jüdische Einwanderung segenbringend sein. Wir sind in der harten europäischen Schule, die wir durchmachen mussten, ausserordentlich anpassungsfähig geworden, wie kein anderes Volk es ist. Wer ist berufener neben der materiellen, die geistige Vermittlerthätigkeit zu übernehmen, als wir Juden? Wenn man bedenkt, welch ungleichartige Culturmerkmale dort zusammentreffen werden, wenn man bedenkt, wie sehr es gilt, die scharfen Seiten jeden Volksthums abzuschleifen bei der Berührung, so wird man von den Vermittlern eine grosse Geschicklichkeit verlangen müssen. Diese fehlt der jetzigen Einwohnerschaft unserer Urheimat ganz. Der Araber ist langsam, geistig nicht allzu rege, überdies dem Culturstande nach durchaus ungeeignet, für die erforderte Thätigkeit. Der Jude besitzt alle nothwendigen Eigenschaften. Man pflegt zu sagen, Nationalität und Kosmopolitismus seien Gegensätze. Die Nationalidee verhindere, dass die Völker Brüder werden. Wir können den deutlichen Nachweis führen, wie irrig diese Anschauung ist. Einmal ist die Nationalität so wenig dem Menschheitsideale gefährlich, wie der Familiensinn dem Staate. Der beste Familienvater ist der beste Bürger, und die Völker nehmen ja in der Menschheit die Stellung der Familien ein! Dann aber würden wir als Vermittler zwischen Osten, Süden und Westen beweisen, dass unsere Sammlung als Nation durchaus nichts zur Trennung, sondern vielmehr zur Vereinigung der Menschheit beitrug.