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Die Welt · 1900-01-26 · 4 (26.1.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
4 (26.1.1900)
Article
Lest Psalm 33!
Date
1900-01-26
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Saite 2 ,Die & Welt" Nr. 4 Sind's denn noch Juden, die nicht den Muth haben, sich zu bekennen? Die nichts wissen von der Geschichte ihrer Väter, nichts wollen, als von den anderen geduldet sein, nichts glauben, als was blosse Furcht vor sich selbst ihnen eingibt? Da blähen sich die „Anglo- Israeliten" mit ihrer vermeintlichen Herkunft von den zehn verlorenen Stämmen Israels. Heiliger Benjamin von Tudela, der du ausgiengst als armer kleiner Jude, um die verlorenen Stämme zu suchen, nach Afrika, nach Asien, im zwölften Jahrhundert, dem Jahrhundert des .schwarzen Todes", aber nicht, um dir einen mystischen Stammbaum zu erwandern, sondern um die Zahl und die Macht der Juden zu vermehren, wenn du sie fändest! Ein anderes Ziel hat uns jetzt das Schicksal gesetzt, aber wir sehen es nicht, ein reales, aller romantischen Abenteuerlichkeit und verschwimmenden Sentimentalität entkleidetes Ziel: Wir sollen wieder leben, als Volk leben unter den anderen Völkern! Und während wir der Gunst der Dinge vertrauen sollten, wie den Geboten unserer Geschichte, während wir zeigen sollten, dass wir alle eines Sinnes sind, damit uns nicht verweigert werde, was unser Recht ist und unsere Lebensnothwendigkeit erheischt, während wir in friedlichem Kampfe uns erproben sollten, rufen die anderen unseren Sänger an, beteuern, ermuthigen sie sich an ihm. Wir aber stehen zerstreut, entmannt, uneinig und zersplittert, denn uns ist unser Säuger in Vergessenheit gekommen, unser Sänger, unsere Geschichte, unser Ruhm und unser Leid. Wir haben nicht einmal mehr die Kraft der Sehnsucht. Wie beschämend für uns ist das Mahnwort des alten Krüger an seine Bauern: Lest Psalm 33! <3£ Antizionistische Strömungen im Ghetto. Von Prof. M. Mandelstamm. Ich wundere mich durchaus nicht, dass die meisten Juden des Westens sich kühl oder gar ablehnend dem Zionismus gegenüber verhalten. Menschen, die im Verlaufe von einem Jahrhundert in den Ideen des W e ltbü rgerthum s grossgezogen worden, die seit zwei bis drei Generationen den Ghettomauern bereits entsprungen und ihre Gehirnzellen und Nervenbahnen zur Beförderung der so verlockenden, herrlich ausschauenden Assimilationswaren gleichsam ausgeschliffen haben, können beim besten Wihen nicht in ein neues, ihnen fast fremdes Geleise, in das Geleise jüdischnationalen Denkens, und zwar in so kurzer Zeit einlenken, auf einmal zur „Umwertung aller Werte* sich bestimmen lassen. Was vor der Judenemancipation an den Juden gesündigt worden, zählt nicht mit, ist längst vergessen; was in den letztet« 50 Jahren zu ihren Gunsten geschehen — ist verhältnismässig enorm viel. Vur dem Gesetze sind sie gleichberechtigt; ihr Eigenthum ist geschützt; kein Gewerbszweig ist ihnen verschlossen; alle ßildungsanst?lten stehen ihnen offen; materiell sind sie nicht nur gut, sondern im Durchschnitte besser gestellt, als ihre arischen Nachbarn. Nimmt man noch dazu die kolossalen Vortheile, welche «.-ine mit Riesenschritten vorwärts eilende Gultur ihnen bietet, die grossen Geistesheroen der entsprechenden Vaterländer, von denen sie ihre Verstandesnahrung ziehen, den freien Wettbewerb in Kunst und Wissenschaften, den merklichen Einfluss, den sie schon jetzt auf die Fortentwicklung der westlichen Staaten üben — so ist es sehr natürlich, dass sich die Juden über so manche moralische Demütliigung hinwegsetzen, die ihnen hie und da zustösst. Dürfen sie auch die hohen und höchsten ötaü'eln der Staatsleiier nicht erklimmen, so können sie sich ja mit dem Gedanken trösten, dass auch der allergrösste Tiieil ihrer arischen Nachbarn davon ausgeschlossen bleibt;'verlangt man von dem Juden bei irgendeinem Wettbewerbe viel mehr Tüchtigkeit und Wissen, als von seinem arischen Concurrenten, desto besser für den Juden, da solche hochgeschraubte Ansprüche ihn umso tüchtiger machen: wird er auch von einem intimen Verkehre mit seinen arischen Landsleuten schnöde zurückgewiesen, so kann er sich mit d^m Gedanken vertrösten, dass er sich selbst genüge . . In der That muss man schon sehr fein, einer Aeolsharfe gleich, besaitet sein, um gegen solche Leiden „nebensächlicher Natur" gar zu empfindsam zu sein; bleibt ja der ökonomische Factor für die allermeisten Menschen, für den Durchschnitt, die Hauptsache. „Tout comprendre est — beaueoup pardonner ..." Unbegreiflich aber ist es mir, wenn Gheltojuden des Ostens der zionistischen Bewegung fast denselben - Widerstand leisten, wie ihre westlichen Glaubensgenossen. Welchen Grund haben diese denn, einer Bewegung entgegenzutreten, die nicht erst im Studierzimmer ersonnen, sondern durch das Leben selbst geschaffen und längst im Zuge ist, obzwar in falsche Bahnen geleitet! Factisch emigrieren ja aus dem Osten (aus Russland allein über 20.00U Menschen jährlich) massenhaft Juden nach Amerika, England, Afrika, und zwar bereits seit 20 Jahren. Ich frage nun, was veranlasst die Ghettojuden, dem Zionismus gegenüber sich kühl oder gar feindlich zu verhalten? Sind auch sie etwa gleichberechtigt? Ist auch ihr Eigenthum geschützt? Dürfen auch s i e sich ökonomisch frei entfalten? Stehen auch ihnen alle Bildungsstätten offen? Haben auch sie Freizügigkeit? Haben auch sie grosse Vorbilder in Kunst und Wissenschaft, denen zuliebe sie ilir.< eigene nationale Cultur leichten Herzens aufgeben könnten? Ist Aussicht vorhanden, dass in absehbarer Zeit ihre Lage sich radical umgestalte? Nein, und abermals nein! Und dennoch führen auch diese Unglücklichen Gründe an, Ausreden allerdings mehr als Gründe, die man kennen lernen muss, um einzusehen, wie tief der Helotensinn bei ihnen Wurzel gefasst und wie schwer sie sich zu einer freieren Lebensauffassung emporschwingen können. Eine ganze Anzahl Ghettojuden — und zwar den bes'en Ständen angehörend — perhorreseiert den Zionismus aus Zweckmässigkeitsgründen, aus Angst und Furcht, dass ihre arischen Nachbarn darüber die Nasen rümpfen könnten. „Man wird uns," sagen sie, „Mangel an Vaterlandsliebe, au Patriotismus zur Last legen, falls wir von einer rechtlich gesicherten Heimstätte ausserhalb der Ghettomauern reden werden. Wie dürfen wir in der Zukunft auf Gleichberechtigung iür die Zurückbleibenden Ansprüche erheben, wenn das Losungswort ausgegeben wird, unser jetziges Heim zu verlassen, um ein neues aufzusuchen? Leicht könnte es gescheiten, dass man uns neue Rechte nie mehr einräumen, die alten schmälern und zurufen werde: Packt Euch fort nach Jerusalem!" Als ob wir jetzt, wo wir auf Schritt und Tritt, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, unsere loyal-patriotischen Gefühle geradezu zur Schau tragen, mit geblähten Segeln dem Ufer der Gleichberechtigung entgegensteuerten; und als ob man sein Heim aus Mangel an Patriotismus, und nicht durch zwingende Noth getrieben, verlässt . . . Als die Engländer während ihrer Religionskriege England verliessen und zu tausenden in dem neuen Welttheile, in Amerika, ihre Zelte aufschlugen, da fiel es niemandem ein, diese Auswanderer eines Mangels an Patriotismus

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