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Die Welt · 1900-01-26 · 4 (26.1.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
4 (26.1.1900)
Article
Lest Psalm 33!
Date
1900-01-26
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Preise der Anzeigen: Die viermal irespalten-* Petitzeile 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Enzeine Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland __ ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. öOKop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. Nr. 4 Wien, 26. Jänner 1900. 4. Jahrgang S)p» Da Ende dieses Monats eine grössere Anzahl von Abonnements abläuft, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. „Lest Psalm 33!" Von G. Marcus. Fromme und tapfere Leut<> sind die holländischen Hauern in Südafrika. Sie kämpfen für die Unabhängigkeit ihrer beiden Republiken mit einem ausdauernden Muthe, den die ganze Welt bewundert Und zu dem Muthe gesellt sich ein unerschütterliches Gottvertrauen. Sie tragen das Schwert in der einen und die Bibel in der anderen Hand. Noch bevor der Krieg begann, citierte ein Redner im Volksraad von Prätoria das biblische Gleichnis vom „Weinberge des Naboth", und vor einigen Tagen rief der alte Präsident Krüger in einem Manifeste seinen Generälen zu: „Lest Psalm 33! Der Feind hat sein Vertrauen auf Psalm 83 gesetzt, der Feind verwüstet Gebiete, in die er kommt!" Lest Psalm 33! Was steht in diesem Psalm? Einem Könige hilft nicht seine grosse Macht, Ein Riese wird nicht errettet durch seine grosse Kraft. Rosse helfen auch nicht, und ihre grosse Stärke errettet nicht. Siehe, des Herrn Auge schauet auf die, So ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen, Dass er ihre Seele errette vom Tode Und ernähre sie in der Theuerung. Der alte Olim Paul kennt sich aus in den Liedern dos königlichen Sängers, er versteht sie zu deuten und zu beziehen. Und seine tapferen Bauern, von den Generälen Joubert, Schalk Burger und Cronje bis hinunter zum winzigsten Farmer, der zum Freiheitskampfe ausgezogen, sie alle legen in den Schanzgräben, auf den Kopjes, im Angesichte des Feindes den Finger auf die Psalmstelle, und sie schöpfen Muth und Vertrauen und Aufmunterung aus den Liedern des königlichen Sängers von Israel. Aber auch die Engländer sind fromm und tapfer. Wer weiss es nicht, dass Cromwells Reiter in den Kampf hinausstürmten mit dem Schwerte in der einen und der Bibel in der anderen Hand? Und auch die Engländer tragen Gottes Wort im Munde und schöpfen Muth und Ausdauer aus der Heiligen Schrift. Sollten sie wirklich, wie Ohm Paul sagt, ihr Vertrauen auf Psalm 83 setzen V Auf diesen Psalm, in dem es heisst: Sie machen listige Anschläge wider dein Volk. Wohlan, sprechen sie, lasst uns sie ausrotten, Dass sie kein Volk seien, dass des Namens Israel nicht mehr gedacht werde. Schämen müssen sie sich und erschrecken immer mehr und mehr. ITnd zu Schanden werden und umkommen. Wie dem sei, unser königlicher Liedersänger leiht zu diesem Kriege die Feld- und Schlachtrufe her, auf beiden Seiten festigt, ermuthigt, befeuert er die Geister. Und dieser Anblick macht uns den Krieg der Engländer und der Boeren so lehrreich. Hat denn, fragen wir uns, der königliche Sänger allen gesungen, nur nicht uns? Da ist ein kleines Volk von Bauern, die heldenmüthig ihre Scholle vertheidigen, und die Psalmen Davids sind ihr Schlachtgesang. Da holt das mächtige Albion mit seiner gewaltigen Tatze aus, und während seine Pranke blutet, tönt ergreifend das Wort des Psalmisten. Es ist doch auch für uns Juden eine Zeit gekommen, in der wir uns erinnern können des Sängers von Zion und uns zurufen: Lest Psalm 128! Da heisst es: Der Herr wird dich segnen aus Zion. Dass du sehest das Glück Jerusalems dein Lebelang. Lest Psalm 12S! Aber wir lesen nicht und rufen nicht, denn uns ist sie abhanden gekommen, die Liebe zu allem, was geschaffen ward, als wir ein grosses, erleuchtendes Volk waren, die Sehnsucht nach der Scholle, die unsere Heimat war, der Glaube an uns selbst und an unsere Ueberlieferungen. Und wir bilden uns ein, wenn wir vergessen, was uns vor allem heilige Sehnsucht sein sollte, so würden es uns auch die anderen vergessen! Sie thun es doch nicht, wie sehr wir uns von ihnen Kleider und Gedanken und Sprache leihen. Sie haben von uns Grosses empfangen, den einen Gott vor allem, und auch, woraus Boeren und Engländer singen und sagen, um sich in ihrer Tapferkeit zu stärken ünd in ihrer Bedrängnis aufzurichten, auch das Buch der Bücher und die Psalmen Davids haben sie von uns» Und sie wissen, was sie daran haben. Wir aber schreiten im fremden Putze einher und schämen uns dessen, warf unser eigen ist.

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