Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 3 (19.1.1900)
- Article
- Der kleine Engel
- Date
- 1900-01-19
- Page
- 13 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3 ,Die Welt* Seite 13 sein Haupthaar, bis auch sie der Schlaf befällt. Jetzt schleicht der kleine Engel leise heran, bindet die Haarflechten der Alten an den langen Bart Abrahams, knotet sie fest zusammen, geht von dannen und entschlüpft. Als die beiden nach dem Erwachen sich aneinander gefesselt sahen, und vergebens auseinander zu kommen trachteten, wenn — wie es ja schon zwischen Ehegatten von altersher vorzukommen pflegt — Zank und Streit zwischen ihnen entstand, da wurden sie Gegenstand des Spottes und Gelächters im ganzen Himmel, von einem Ende bis zum anderen. Und die Engel, Seraphim und Cherubim, alle lachten sie einhellig, als sie dieses herrliche Schauspiel sahen, denn nicht war solches seit der Himmelsschöpfung gesehen, noch gehört worden. Alles, was sein kleiner Engel macht, sieht und hört Gott, doch ertheilt er ihm keine derbere Rüge, noch stört oder wehrt er ihm all diese Thaten, denn er liebt ihn. Ja. zuweilen freut sich im Stillen sein Herz, und er lacht sogar über all die muthwilligen Streiche, die dieser herzige, muntere Engel aufführt, und denkt sich: „Freu* Dich, Kundas, mit Deinen Kinderpossen." Denn wisset, meine lieben Knaben und Mädchen, unser lieber Herrgott ist kein zürnender, grimmiger Gott, der etwa stets einen unfreundlichen oder gar finsteren Blick zur Schau trägt, wie viele von ihm behaupten, nein, im Gegentheile, auch er sieht es gerne, wenn der Himmel lustig und das ganze Himmelsheer in steter Fröhlichkeit ist. Doch alles hat seine Zeit, jedes Ding, jedes Begehren, jede That! Als das tolle, böse Treiben des Engels überhand nahm und die Schicklichkeitsgrenze überschritt, da wusste auch Gott keinen anderen Rath, als den Engel ein wenig zu strafen, damit er zur Erkenntnis käme, dass ein Höherer über ihm sei." (Schluss folgt.) Ma milelu?*) Wir haben gelitten jahrtausendelang Durchlebten Stunden böse und bang, Wir wurden gehetzt von Land zu Land, Von jeder neuen Heimat verbannt. Und wie wir auch zu Gott gefleht. Der Himmel erhörte nicht unser Gebet. Nur Kummer und Leid ward uns gebracht. Rings um uns her war tiefe Nacht. Und immer dasselbe traurige Lied . . . Wir schauten uns die Augen müd: Wann endet uns're Noth und Pein? Wann wird das Golus zu Ende sein V Thürmer, ma muY:lu? Getäuscht vom Schicksal so lange Zeit. Des Sehens entwöhnt durch die Dunkelheit, Verflog das Vertrauen und sank uns der Muth, Verkannten wir unser Fleisch und Blut. .. Nun plötzlich am Himmel ein Frührothschein Bricht nicht der junge Tag herein? Am Firmament ein Streiflein Licht — Ist es der Freiheit Sonne nicht? Weicht endlich schon des Dunkels Bann? Dämmert der helle Morgen heran? Wir folgen mit Sehnsucht der Sterne Lauf Und schauen voll Hoffnung zum Thürmer auf: Sage, ma milelu? Jassy, im December 18'.»'.». N. AI. D. Ignaz Brüll. Ignaz Brüll ist am 7. November 1840 zu Prossnitz in Mähren geboren. Er stammt aus einer angesehenen Familie dieser alten Judengemeinde. Von seiner geistig hochstehenden Mutter hat er auch sein musikalisches Talent ererbt, das sich frühzeitig in der meister- *) Wie spät ist es in der Nacht? (Jesaias Cap. XXL) haften Beherrschung des Claviers äusserte. Schon in sehr jungen Jahren galt er als einer der hervorragendsten Glaviervirtuosen, dessen Name neben Liszt und Rubinstein genannt wurde. Durch seine Oper „Das goldene Kreuz" machte er sich zum erstenmale als Componist weitesten Kreisen bekannt. Eine Anekdote aus den napoleonischen Kriegen hatte dem jüdischen Textdichter Mosenthal das Sujet geliefert. Im Jahre 1 S7"> erlebte diese Oper auf der Bühne des königlichen Opernhauses in Berlin ihre Erstaufführung. Sie ward die Lieblingsoper des alten Kaisers Wilhelm. Seitdem gibt es keine Opernbühne, die diese reizende Oper nicht mit ungeschwächtem Erfolge aufführt. Später hat Brüll noch mehrere andere Opern voll feiner und vornehmer Musik componiert („Das steinerne Herz", -Der Landfrieden „Gringoire", „Schach dem König'4, »Der Husar"). Daneben gibt es keine musikalische Form, die Brüll nicht mit Meisterschaft beherrscht. Von seinen übrigen Conipositionen ragen insbesondere seine Suiten und Sonaten, sowie eine Rhapsodie für < '.lavier und Orchester hervor. Seine Lieder sind wegen ihrer Innigkeit und Tiefe der Empfindung beliebt und werden viel gesungen. Nebst Goldmark ist Brüll heute der hervorragendste lebende Vertreter der classischen Musik, ein Idealist von seltener Vornehmheit, die ihn aber nicht bloss in der Kunst, sondern auch im Leben auszeichnet. Ein Charakter und Talent zugleich ist er, wie er ein guter Sohn seiner Familie ist, auch ein treuer Sohn seines Volkes, dessen Leiden und Schmerzen er mitempfindet, dessen Wiedererwachen er mit froher Hoffnung und guten Wünschen verfolgt. Diese Gefühle drückt er in seiner Weise durch die herrliche Vertonung der nachstehenden kraftvollen Worte LeoRafaelsT aus. Diese Hymne wird ald populär sein: Wo Zionisten, wo gute Söhne Israels zusammenkommen werden, wird sie erklingen. Sie wird unser Wahlspruch sein und soll uns begleiten auf all unseren Wegen nach unserem Ziele. M. Psalm. Von Leo Rafaels. Es geht ein Hauch durch die Lande. Ein leiser, linder Wind. Er weckt die schlummernden Herzen. Er wecket Greis und Kind: Dein Odem, Du ewig junger, Du alter, starker Gott. Auf, auf, ihr säumigen Brüder, Und gürtet die Lenden mit Macht'. Er ruft! Lasst uns ihm folgen. Er führt uns durch Nebel und Nacht. Erleuchter. Du ewig junger. Du alter, starker Gott. Er trägt auf Adlersflügeln Den kleinen, den treuen Rest. Ueber Berge, Thäler und Meere Zum alten Felsennest. Vater, ewig junger. Du alter, starker Gott. Uns schrecken nicht die Felsen. Uns schreckt nicht der Wüste Glut. Wir netzen mit unserem Schweisse, Mit unserem Herzensblute. Deinen heiligen Boden. Du alter, starker Gott. Wir machen zum Paradiese Die öde Wüstenei: Ein Garten ist die Heimat. Sie sei, wie sie auch sei, Unsere, Deine Heimat, Du alter, starker Gott. Führ" uns zur alten Stätte, Die Dilso wohl gefällt. Wir machen sie zum Kleinod. Zur Krone der ganzen Welt. Führ" uns, Du ewig junger, Du alter, starker Gott.