Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 3 (19.1.1900)
- Article
- Der kleine Engel
- Date
- 1900-01-19
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 ,Die s£ Welt" Nr. 3 Tag nichts zu thun, als sich zu freuen und zu frohlocken, Gottes Majestät zu verkünden und seine Wunder zu preisen, zu danken und zu loben mit San/? und Klang. Und so oft sich der liebe Herrgott von seinem Platze erhebt, erheben auch sie sich und rufen vor ihm: Heilig, heilig, heilig! Das ist die einzige Obliegenheit, der sie den ganzen Tag zu genügen haben. Sind sie aber erschöpft von der anstrengenden Arbeit, so lassen sie sich alle gehen und erhalten die Erlaubnis zu thun. was ihnen beliebt. Da erheben sich nun alle und tollen und laufen und raufen und tanzen und scherzen und wälzen sich im Goldstaube, der auf dum Himmelsboden ist, oder kollern über die vielen Sternenbündel und fassen einander in heller Laune an den weissen Fittigen, oder ergreifen die glänzendsten Sterne und bombardieren einander damit, oder erhaschen die langen, dicken Lichtbündel und schleichen leise, lauernd aneinander heran und überrumpeln und fesseln einander, rettungslos, bevor sich's die Ueberraschten versehen. Sobald nun die Engelschar einen solchen Handstreich wahrnimmt, brechen sie alle in ein lautes Gelächter aus und jauchzen und schlagen schwirrend mit ihren weissen Flügeln, bis der Himmel von dem Lärmen bersten will. Ja, ja. so ist's, meine lieben Kinderchen I Wenn hier auf Erden die kleinen, wilden Knaben Lärm schlagen, birst die Erde, geschieht aber derlei im Himmel, dann birst der Himmel. Allein, wenn dort oben einer der kleinen Engel sich erkühnt, wüste Verwirrung anzurichten, ruft ihn der liebe Herrgott zur Seite, legt ihm mahnend den Zeigefinger an seine Nase, redet ihm zu, bald sanft, bald strenge, und ertheilt ihm eine Rüge. < )der der Engel bekommt auch manchmal eine kleine Strafe, er wird mutterseelenallein in einen der vier Kimnielswinkel gestellt und muss bleiben, bis ihm vergeben ist. Dann erst wird er zurückgerufen und darf sich wieder vor Gottes Thron hinstellen. — Und Ihr, meine lieben Täubchen, wenn Ihr aufmerksam und brav seid, werde ich Euch erzählen, was solch einem kleinen Engel passiert ist. Die Geschichte „Erzähle, erzähle, erzähle! Wir werden immer aufmerksam und brav sein!" „Es war einmal ein Engel im hohen Himmel, der hiess .... Ach! Sein Name ist mir entfallen, ich habe ihn ganz vergessen. Doch das hat nichts auf sich. Dieser Engel war klein und sehr schön. Sein Aeusseres liebreizend, etwa wie das Deine oder das Deine, meine lieben Kinderchen. Seine Wangen drall wie reife Aepfel, die Aeuglein blau, flammend wie Sonnenglut, die Lippen roth, wie der Purpur des Salomon, den ihm die Mutter am Hochzeitstage gefertigt, wie es im Hohenliede heisst. Die Flügel rein, schimmernd wie der Schnee, der auf dem Libanon lagert. Ihr erinnert Euch ja noch der Stelle vom Schnee auf dem Libanon? Dieser Engel war holdselig vom Scheitel bis zur Sohle, ohne Fehl und Makel. Sein Sinn gerade, sein Herz rein, ohne Schatten, denn seine Seele war eine — Engelsseele. Doch manchmal ist selbst der Himmel nicht fleckenlos, und auch die Engel sind zu tadeln. Und auch dieser kleine Engel war nicht ganz tadelfrei. Wohl wahr, an Unrecht hatte er nicht theil, auch Hess er sich nimmer eine Missethat zuschulden kommen, nur pflegte diesen Tändeiknaben. wenn er guter Laune war, die Lust anzuwandeln, Possen aufzuführen, und er trieb manchmal lose Streiche, die den Himmeisbewohnern ein Entsetzen waren. Gott jedoch stellte sich, als sähe er seine Thaten nicht und hatte Nachsicht mit dem reizenden Knaben; denn reizend war dieser kleine Engel selbst in seinen kleinen Irrungen und Wirrungen, und der Herr liebte ihn und lachte wiederholt recht herzlich über ihn und nannte ihn Kundas, denn so nennt man einen fröhlichen und neckischen Knaben. So z. B. konnte dieser reizende Engel Bücher, wie die „Proverbien". absolut nicht vertragen, denn das Buch ist mit pedantischem Ernste und beängstigender Gedankentiefe geschrieben, und er wurde immer ungeduldig, so oft er sich auf einen Augenblick hinsetzte, um aus dem Buche Vorschriften über Zucht zu lernen, wobei er sich sagte, solch schwere und ermüdende Bücher mögen vielleicht für Erdenkinder. Weibgeborene, geschrieben sein, welche Philosophen und Forscher sind und jeden Augenblick ihre Phantasie und Leidenschaft zügeln können, aber keinesfalls für zarte und junge Engel, die das Tanzen und Springen und die Lebensfreude lieben. Und wenn der Kobold in diesen kleinen, wilden Engel fuhr und ihn zu einem tollen Streiche anspornte, da erhob er sich, nahm heimlich den Schlüssel vom Schneemagazine und öffnete es in aller Stille: sah er nun, dass es auf Erden noch warm war, und die Menschen in leichten Sommerkleidern in den Strassen spazierten, dann warf er Schnee und Eisschollen auf die Erde, so dass plötzlich ein Frost entstand und die Menschen in Schrecken geriethen. da sie nicht wussten, wer über sie vorzeitig solch Unglück gebracht hatte. Oder: Wenn er vom Himmel auf die Erde niederblickte und die Juden in den Laubhütten sitzen sah. schmausend und das Fest feiernd nach Massgabe des himmlischen Segens, da fuhr plötzlich in ihn eine schalkhafte Laune und er wurde ein Wildfang, der überall seine Hände hineinsteckt. Hurtig lief er dann zum Ufer des himmlischen Sambatjon, nahm das Sternbild „Eimer", füllte ihn bis über den Rand mit Wasser und schüttete dies vom Himmel auf die Erde, so dass plötzlich Regen war auf der Erde und das in Laubhütten weilende Volk auseinanderstob, um sich vor dem Regen zu retten — hier einer, der noch die Fische zwischen den Fingern hatte, dort wieder einer mit dem Fletsche zwischen den Zähnen : so waren sie plötzlich aufgescheucht worden. Als nun der kleine Engel den grossen WirrwaiT sah. den er über die frommen Juden gebracht, jauchzte er auf und stampfte mit dem Fusse auf den blaueu Himmelsboden, und seine Seele füllte sich mit unendlichem Jubel. Einmal wieder stand er da, den Mond betrachtend, der da Licht spendet der Erde und ihren Bewohnern, und plötzlich erwachte in ihm eine leichtsinnige Regung, und er stürzte die grosse Himmelsschüssel um, so dass plötzlich eine grosse Finsternis auf der Erde war. Die Menschen wussten gar nicht, was ihnen geschehen sei. denn ihr Kalender hatte ihnen ganz andere Himmelserscheinungen prophezeit. Oder: manchmal verschloss Gott den Mond in einem Futteral, das er dann in seinem Geheimwinkel versteckte, damit finster wäre auf Erden und die matten und müden Menschen nach des Tages Strapazen dem süssen Schlafe sich hingeben könnten, da sprang der reizende, wilde Engel plötzlich auf, schlich heimlich an den Ort, wo der Mond versteckt war, nahm ihn in aller Stille aus seinem Futteral heraus, bohrte ein Loch in den Himmelsboden und setzte den Mond über das Loch, so dass plötzlich helles Licht auf der ganzen Erde wurde. Der kleine Engel hatte sich hinter das Loch gestellt und zur Erde niedergebückt, um zu sehen, was er durch sein tolles Treiben angerichtet, und siehe, es war ein wildes Durcheinander! Denn die Menschen hatten der Prognose ihres Kalenders geglaubt und waren vergnügt, dass es auf Erden finster sein würde : deshalb verübten sie auch allerlei Verbrechen und Missethaten. Menschen küssten und umarmten einander in glühender Liebe, Menschen, deren Küsse sittenwidrig waren; doch ohne Küsse und Umhalsungen blieben jene, die einander küssen und kosen sollten. Alles war zu unterst gekehrt und in erregtem Hader: Faustkämpfe zwischen Freund und Freund, Faustkämpfe zwischen Mann und Frau. Und viele Menschen hatten sich im Finstem erhoben, um Einbrüche zu verüben und grosse Verbrechen zu begehen, da liess plötzlich der Mond sein Licht auf sie strahlen und legte ihre Schande bloss. Als der kleine Engel ihre Blosse sah. lachte er laut auf und hüpfte und tanzte mit aller Kraft, bis der Himmel barst von seinem Dröhnen. Den kleinen Engel wandelte jedoch die Lust an, auch mit den Himmelsbewohnern sein Spiel zu treiben, und er verübte ur>gebürliche Thaten, so oft ihn der Uebermuth stachelte. Eines Tages sah er in einem Winkel den Propheten Elias sitzen, von dessen Augen zu lesen war, dass der Mann alt und müde wäre. Kaum hatte er sich auf einen Augenblick hingesetzt, um auszuruhen, übermannte ihn sofort der Schlaf. Als der kleine Engel an ihm vorbeigieng, bemerkte er in seiner Hand eine kleine Dose und entnahm ihr Schupftabak. Hurtig eilte er nun in die Himmelsküche, trat an den Kessel, in dem seit Jahrtausenden der Leviathan gesotten wird — dieser Leviathan ist gewürzt und gespickt mit viel Salz und Pfeffer, nach Art der Fische, die die Juden schmackhaft zubereiten — kehrt mit Salz und Pfeffer zur Stelle zurück, wo der Prophet Elias schlummert, öffnet leise die Dose, die er in der Hand hält, und schüttet in sie das Salz und den Pfeffer. Als nun der Greis aus dem Schlafe erwacht und der geöffneten Dose, wie gewöhnlich, eine Prise entnimmt, um sie zu schnupfen, da kribbelt das Salz und der Pfeffer in seine Nase hinauf und er niest einmal, zweimal, dreimal — unaufhörlich. Der Greis ward zum Gespötte bei allen jüngeren und älteren Engeln, sie lachten alle über sein jämmerliches Gehaben, und der kleine Engel triumphierte. Und wie dem Elias, so spielte er auch dem Abraham und der Sarah mit. Eines Tages spaziert; er fürbass im himmlischen Paradiese und erblickt Abraham und Sarah an'einem der Gartenbeete beisammen sitzen. Abraham lässt sein Haupt im Schosse seines greisen Liebchens ruhen und schlummert; Sarah hält einen Kamm zwischen den Fingern und .kämmt