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Die Welt · 1900-01-12 · 2 (12.1.1900) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
2 (12.1.1900)
Article
Eine versprengte jüdische Colonie in China
Date
1900-01-12
Page
8 (sequence 3)
Language
German
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Seite 8 „Die # Welt" Nr. 2 einst blühenden jüdischen Colonie im Herzen des chinesischen J {lesen reich es im Chinesenthum vollständig aufgefangen sein. Und wahrscheinlich ist nichts mehr übrig, als der einsame Gedenkstein auf der leeren Stätte, auf welcher einst die Synagoge stand. (,.Freidenker"-Milwaukee.) Petersburger Brief. Die professionellen Antisemiten in Russland erleben während der letzten Zeit Niederlagen auf Niederlagen. Die Predigten des Menschenhasses, welche unter Alexander III. Gehör fanden, erregen jetzt in der russischen Gesellschaft Widerwillen, sogar l*3kel. Diese Thatsache trat mit besonderem Nachdrucke in der Haltung zutage, welche die russische Presse in dem sensationellen Judenproccsse von Schklow eingenommen hatte. Dieser Process ist für die Ethik der professionellen Antisemiten Pusslands sehr charakteristisch. In dem im Gouvernement Mohilew liegenden Städchen Schklow. dessen Bevölkerung grösstenteils aus -luden besteht. fan<l eine Rauferei zwischen den dort garnisonierenden Soldaten und Juden statt. Die Ursache der Rauferei war darauf zurückzuführen, das einige betrunkene Soldaten viele jüdische Geschäfte, zumeist armselige Krämerladen, muthwillig plünderten und die Waren wegschleppten. Die Schklower Juden hielten die Soldaten an. um sie dem Commando zu überstellen, was zu einer Rauferei führte. Und niemand will es ableugnen, dass in dieser Rauferei die Söhne des Mars den Kürzeren zogen : die Soldaten wurden von den Juden tüchtig durchgeprügelt. Derlei Raufereien, welche im Czarenreiehe zwischen Rüssen und Russen gar nicht selten vorkommen, haben die öffentliche Meinung in Russland niemals ernstlich beschäftigt, geschweige denn beunruhigt. Aus der Rauferei von Schklow a'ber haben die professionellen Antisemiten Russlands eine förmliche Staatsfrage gemacht und die russische Gesellschaft zu beunruhigen gesucht. Sie schrieben diese Rauferei .dem religiösen Hasse gegen die Christen" zu. ein Gefühl, dessen Bethätigung in Russland mit schwerer Zuchthausstrafe geahndet wird. Aber nicht um die schwere Bestrafung der Schklower -luden war es diesen traurigen Rettern des modernen Menschenhasses zu thun, sondern um die schwere Comproinittierung der ganzen russischen Judenschaft. Denn was sollte Gesellschaft und Regierung in Russland von den jüdischen Mitbürgern halten, wenn diese ..aus religiösem Hasse gegen die Christen*', Russen und dazu noch Soldaten überfallen und prügeln? Der Gerichtshof zu Mohilew. vor dem die Schklower Juden unter der Anklage, „aus religiösem Hasse gegen die Chr isten die russischen Soldaten misshandelt zu haben", standen, theilte die Anschauung der professionellen Antisemiten und sprach die Juden in diesem Sinne auch schuldig. Die Aussagen des greisen orthodoxen ("leistlichen und des Friedensrichters von Schlkow, dass von religiösem Hasse bei den Juden keine Rede sein könne, dass die" Juden vielmehr von der Idee der weitestgehenden Toleranz getragen worden, blieben ohne Wirkung: Der Gerichtshof war so hypnotisiert, dass er gesunden Erwägungen nicht zugänglich zu sein schien. Umso grössere Wirkung riefen die Artikel hervor, welche die russischen Blätter dem Processe von Schklow widmeten. Die freisinnigen wie die conservativen Blätter Russlands einigten sich darin, dass der Schuldspruch von Mohilew eine flagrante Ungerechtigkeit sei. die durch nichts gerechtfertigt werden kann. Besonderen Eindruck rief der Artikel hervor, welchen Fürst B a r j a t i n s k i j, einer der hervorragendsten Publicisten des modernen Russland, dem Processe von Schklow widmete. In diesem im ..Sewernyi Kurjer" publicierten Artikel w ies Fürst B a r j a t i n s k i j nach, wie ungerecht und unbegründet es ist. den Juden feindselige Gefühle gegen die Christen aus religiösen Motiven zuschreiben zu wollen, wie parteiisch es war. die Aussagen des russischen Geistlichen und des russischen Richters von Schklow. die mehr als dreissig Jahre im Städtchen ansässig sind, gänzlich zu ignorieren. Und sogar die .Nowoje Wremja'-. die doch vom Antisemitismus lebt, musste den Artikel des von ihr nach Mohilew entsendeten Special- Berichterstatters abdrucken, in welchem die Legende von dem religiösen Hasse der Schklower Juden gegen die Christen bespöttelt und verhöhnt ward. Diese Haltung der russischen Presse hat auch das von den professionellen Antisemiten gesponnene Netz von Intriguen gegen die Juden durchlöchert und die Aufmerksamkeit des Senates, des obersten Hüters des Gesetzes in Russland, auf den seltsamen Process von Schklow gelenkt. Der Justizminister hat auch seinerseits die Processacten zur persönlichen Durchsicht abverlangt, so dass alle Anzeichen dafür sprechen, dass das empörende Urtheil von Mohilew einer Revision unterzogen werden dürfte. Aber nicht der Ausgang des Processes allein bietet Interesse, sondern die Thatsache, dass in ernsten Fragen, welche die Geschicke von ganzen Volksclassen berühren, die russische Gesellschaft mit der ganzen Wucht ihrer moralischen Kraft für das gebeugte Recht und für die verletzten ethischen Grundsätze eintritt. Wir Barbaren sind manchmal doch besser, als unsere civilisierten Nachbarn im Westen ... Dass diese unsere letzte Bemerkung ihre Begründung hat. beweisen auch Vorfälle, welche sich jüngst in Kiew und Odessa zugetragen haben. In Kiew wurde ein rechtgläubiger Russe vom Waisengerichte in einer Strafsache zur Verantwortung gezogen, und zum Vormunde seiner minderjährigen Kinder der jüdische Advocat Baratz ernannt. Diese Ernennung scheuchte die professionellen Antisemiten von Kiew auf, die sich sogar so weit vergassen. dass sie die Ernennung eines Juden zum Vormunde von christlichen Kindern als eine Gefahr für die orthodoxe Kirche bezeichneten. Diese Hetze veranlasste den rechtgläubigen Russen, ein Gesuch an das Waisengericht zu richten, in welchem die Rückgängigmachung der Ernennung verlangt wurde. Das Waisengericht wies dieses Gesuch zurück, indem es noch erklärte, dass das Waisengericht bei Ernennung von Vonnändern sich nur von den moralischen Eigenschaften des Ernannten leiten lasse. Der rechtgläubige Russe appellierte an die Ober-Voi-mundschaftsbehörde. deren Präsident der bekannte Kiewer Professor Eichwald ist, aber auch diese Behörde wies den Beschwerdeführer zurück. In seiner „Bedrängnis" wendete sich der rechtgläubige Russe an den Kiewer Correspondenten der „Nowoje Wremja", welcher sich auch beeilte, diese „empörende" Thatsache zur Kenntnis der öffentlichen Meinung zu bringen. Diese eher komische als tragische Episode erfuhr erst eine gewisse Bedeutung durch die Betrachtungen, welche die anständigen Blätter Russlands ihr widmeten. In diesen Betrachtungen drückte sich der sittliche Ernst des überwiegenden Theiles der russischen Presse deutlich aus. Einmüthig ermahnten diese Blätter die Regierung, es doch nicht zuzulassen, dass man den Juden sogar dort herabwürdige, wo sein moralischer Wert von staatlichen Institutionen anerkannt wird. Wohin soll das führen, ruft ein Moskauer national-russisches Blatt aus. wenn man pestatten wird, den Juden bloss deshalb anzugreifen und zu kränken, weil er Jude ist! Wie Sie sehen, hat die Episode von Kiew ihre gute Seite: sie hat nämlich bewiesen, dass es in Russland nicht Ieichl wird, Rassenantisemitismus zu treiben und alle verwerflichen Mittel zu heiligen, um die Juden in ihrer Gesammtheit zu treffen. Ja, wir Barbaren sind doch manchmal besser als unsere civilisierten Nachbarn in WTesten . . . Aber auch die Stadt Odessa hat für die Richtigkeit unserer letzten Bemerkung unlängst einen Beweis geliefert. Ein jüdischer Arzt Namens Buchstab hat an die Odessaer Universität die Bitte gestellt, ihn zu den Arbeiten in den Universitäts-Laboratorien zuzulassen. Nach der Ansicht des antisemitischen, weiland Osimidow"schen „Noworossiiskij Telegraph" hätte die Universität den jüdischen Bittsteller zurückweisen müssen, weil ein Jude nur als Student in den Universitäts-Laboratorien arbeiten kann. Die Universität mit Zustimmung des Cultusministeriums hat jedoch dem Gesuche des jüdischen Arztes Buchstab stattgegeben und ihm das Recht zum Besuche der Laboratorien eingeräumt. Damit allein aber hat jedoch die Sache ihren Abschluss nicht gefunden. Die sittlich ernsten Blätter von Odessa benützten die Al'faii-e Buchstab dazu, um ihrer Entrüstung darüber Ausdruck zu verleihen, dass die professionellen Antisemiten den Versuch machen, die Judenhetze auch in den Tempel der Wissenschaft zu tragen. Die Zeilen, wo Turgenjew, Kafkow, Botkin und viele andere Geisteshelden Russland gegen den Versuch eines Moskauer Blattes, die russischen Juden bloss zu verhöhnen, scharfen Protest erhoben, scheinen jetzt wiederzukehren. Jetzt wie damals vereinigen sich die besten Geister Russlands dazu, um gegen das Gift des Antisemitismus zu kämpfen. Ja, wir Barbaren sind doch manchmal besser als unsere civilisierten Nachbarn im Westen . . . Tribüne. (Für das in dieser Rubrik I'ublicierte ist die Rehaction nicht verantwortlich.) Gesinnungsgenossen! Der Einzelverein „Aisergrund" des Verbandes „Zion" veranstaltet Donnerstag, den IS. d. M. im Restaurant „Zur

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