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Die Welt · 1900-01-12 · 2 (12.1.1900) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
2 (12.1.1900)
Article
Eine versprengte jüdische Colonie in China
Date
1900-01-12
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr.- 2 „Die 2^ Weif* Seite 7 Zeiten musste ein kaiserlicher Abgesandter vor derselben Weihrauch opfern. Zwei Jahre später wurde einem angesehenen Mitgliede der jüdischen Gemeinde ein hoher militärischer Rang verliehen. Im Jahre 1461 wurde die Synagoge durch des Uebertreten des (Felben Flusses über seine Ufer fast gänzlich vernichtet, doch baute man sie gegen das Ende des 15. Jahrhunderts wieder auf. und zwar in einem bedeutend grösseren Massstabe. Es muss überhaupt zu jener Zeit eine nicht unbedeutende Anzahl von Israeliten in den verschiedenen Theilen Chinas gelebt haben, da wir es z. B. verzeichnet finden, dass die Colonie zu Kaifengfu ihre durch die Ueberschwemmung vernichteten Thorarollen durch neue ersetzen konnte, die aus Ningpo (Vertragshafen. Seemeilen südlich von Shanghai gelegen) kamen. Audi in Nanking und Peking gab hs damals jüdische Colonien. Jahre li-Sl> war die Synagoge zu Kaifengfu wieder hergestellt worden, ein Vorfall, welchen man durch die Errichtung einer Steintafel in dem Gebäude verewigte. Eine zweite Steintafel stammt aus dem Jahre 151:2: sie gibt einen all gern einen Abriss der Religionsansichten der Juden Chinas jener Periode. Wir führen einen Passus aus dieser Tafel an: ,. Rücksichtlieh der Religion der Israeliten finden wir. dass Adam der erste Mensch war; der Gründer der Religion war Abraham, dann kam Moses, der uns Gesetz»' gab und die heiligen Schriften überlieferte. Alle diejenigen, welche versuchen. Gott mittelst Bildern oder sonstiger Nachbildungen darzustellen, beschäftigen sich vergeblieh, mit b-eren Formen: diejenigen, welche die heiligen Schriften ehren und sie befolgen, keimen den Ursprung aller Dinge: denn diese Schriften lehren uns. woher das Leben des Menschen stammt: ein jeder, der sich zu dieser Religion bekennt, strebt darnach, das Gute zu thun und das Böse zu meiden." Eine Feuersbrunst, welcher ein Theil der Synagoge zum Opfer fiel, vernichtete gegen Ende des XVI. Jahrhunderts die heiligen Schriften : sie wurden durch den Ankauf einer Thora ersetzt, die man von einem Muhamedaner in der Proviuz Schensi erstand: dieser hatte sie wiederum von einem Israeliten in Canton erhalten. Die Synagoge wurde wieder aufgebaut. Wenig«- Jahre nach diesem Brande erfuhren auch die .1 e s u i t e n, die sich soeben in Peking niedergelassen hatten, dass sich in Kaifengfu eine starke jüdische Colonie befinde. Ein Mitglied derselben war nämlich nach Peking gekommen, um sich um einen literarischen Grad zu bewerben. Er gab den Missionären Auskunft über alle zu jener Zeit existierenden israelitischen Colonien. gab dabei auch seinem Bedauern Ausdruck, dass die Mitgliederzahl allmählich sich mehr und mehr veringere. Der Jesuitenpater A 1 e n i war der erste Europäer, welcher Kaifengfu besuchte (ViUi): er fand die Gemeinde im Besitze einer Abschrift der fünf Bücher Mosis: der Text stimmte mit dem der hebräischen Bibel von Plantin vollkommen überein. Im Jahre \tii-2 wurde die Synagoge wieder durch das Uebertreten des gelben Flusses theilweise zerstört: hierbei gieng ein Theil der heiligen Schritten verloren. Da inzwischen eine neue Dynastie (die Mandschu) auf den Thron gekommen war. zerstreute sich die Colonie kurz darauf, doch kehrte ein grosser Theil derselben wenige Jahre später nach Kaifengfu zurück, wo man sie unter den Namen ..Hueitze™. das heisst sieben Stämme, kannte. Während des achtzehnten Jahrhunderts besuchten mehrere Europäer die Synagoge : sie war damals wieder vollständig hergestellt und sie besass dreizehn vollständige Abschritten des Pentateuch auf Pergament. Aus jener Zeit haben wir verschiedene Beschreibungen des Gebäudes, sowie der Riten der Se.-te. Diesen zulolge war der Platz, auf dem ili«- Synagoge stand, über :'.(Ki Fuss hing und etwa 150 Fuss breit. Es waren im ganzen vier Gebäude, die durch Höfe voneinander getrennt wurden. Zum ersten Hofe führte ein Thor, welches eine dem Schöpfer aller Dinge geweihte Inschrift trug: im zweiten Hofe standen die Gebäude für den Aufseher der Synagoge: im dritten Hofe waren zwei Kapellen zu Ehren gewisser Wohlthäter errichtet; im vierten Hofe stand ein ehernes Weihrauchgefäss. ferner befand sich dort der Platz, auf dem man den Thieren, die zu Nahrungszwecken gesehlachtet wurden, die „Sehnen ausriss". Am hinteren Ende dieses Hofes stand die eigentliche „Li Paitzea. d. h. Synagoge, ein Gebäude, welches sechzig Fuss lang war und um das herum ein Säulengang führte: die Säulen standen in doppelten Reihen. Mitten in dieser eigentlichen Halle stand der Thron Moses, ein kunstvoll geschnitzter hoher Stuhl, auf dem ein prachtvoll gesticktes Kissen lag: über demselben breitete sich ein Thronhimmel aus. An dem Throne war die kaiserliche Tafel, die wir schon erwähnt haben, angebracht: sie trug in goldenen Lettern den Namen des kaiserlichen Spenders und über demselben ein Citat aus dem Pentateuch in hebräischer Schrift; feiner stand in derselben ein Tisch, auf dem sechs Leuchter sich befanden, die rund um ein Weihrauchgetäss aufgereiht waren. An den Wänden hiensen lange Holztafeln, die in goldenen Buchstaben die zehn Gebote zur Schau trugen. - Die Mitglieder der Gemeinde beobachteten das Passah- und Laubhüttenfest, den Sabbath und einige andere Feiertage : die Beschneidung wurde nie unterlassen. Auch verheirateten sie sich nur mit Personen, die dem jüdischen Glauben angehörten. Von Christus war ihnen nichts bekannt. Die Londoner Gesellschaft zur Förderung des Christenthums unter den Juden entsandte im Jahre 1850 von Shanghai aus eineMission nach Kaifengfu. die sich aus zum Christenthum übergegangenen Chinesen zusammensetzte, um nähere Nachrichten über die dortige jüdische Gemeinde einzuziehen. Sie fanden daselbst noch mehrere Repräsentanten der „Sieben Stämmeansässig, doch lebten dieselben in äusserst ärmlichen Verhältnissen. Sie hatten bereits seit fünfzig Jahren keinen Rabbiner mehr gehabt, und mit dem Tode des Sohnes desselben war auch die Kenntnis des Hebräischen unter ihnen verloren gegangen. Die Synagoge stand noch da, aber sie war ganz zerfalleu: auch bewahrten sie noch die Thora. da sie jedoch die Schrift nicht mehr lesen konnten, verkauften sie Theile derselben an die oben genannte Londoner Missions-Gesellschaft. Die langjährige Taiping-Rebellion (1853—1864» hatte zur Folge, dass viele Mitglieder der Gemeinde Kaifengfu verliessen und sich in den umliegenden Provinzen ansiedelten. Im Jahre 1S67 wurde die Colonie von einem Wiener Kaufmanne namens J. L. Liebermann besucht; er ist auch der einzige europäische Israelit gewesen, welcher je nach Kaifengfu gekommen ist. Etwa zur selben Zeit stattete Dr. W. A. P. Martin. Präsident des Tungwen-Collegiums in Peking, der Colonie einen Besuch ab. Von der Synagoge war nichts mehr zu sehen, doch stand auf der Baustätte noch der Stein, welcher besagte, dass die Synagoge im Jahre 11*52 errichtet worden sei. Die Mitglieder der 300—400 Seeleu starken Gemeinde beschäftigten sich mit dem Verkaufe von alten Kleidungsstücken. Backwerk, Obst u. dgl., einige waren Geldwechsler, andere betrieben das Schuster- und Schneiderhandwerk. Sie hatten noch die typischen Gesichtszüge ihrer Rasse, trugen jedoch chinesische Kleidung und den Zopf. Sie versammelten sich nicht mehr zum gemeinschaftlichen Gottesdienste, erinnerten sich aber einiger Feste, welche die vorhergegangene Generation noch zu beobachten pflegte. Auch hatte sich eine Anzahl der Mitglieder mit. Chinesinnen verheiratet. Dreissig Jahre sind seit jenem Zeitpunkte verflossen. Heute werden auch wohl schon jene letzten Uehenvste einer

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