Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Article
- Nationalität
- Date
- 1900-01-12
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seit« 2 „Die <x Welt" dem heute die Cultur- und die Mens'ehheitsgedanken gewidmet sind. Die Nationalitäten-Idee hat aufgehört, etwa* specifisch Politisches, ein .Politicum" zu sein, wie Maria Theresia sagte. Sie kommt nur noch in Betracht, soferne sie sich den civilisatorischen Motiven einfügt, denen die Politik nicht mehr die Königin ist. sondern denen sie als Magd zu dienen hat. Dies und nur dies ist der Sinn des Physiognomienwechsels, den wir an der Welt in dieser Jahrhundertwende gewahren. Die Nationalsten, die lediglich für sich selbst kämpfen und nicht zugleich, um nach Erlangung ihrer Selbständigkeit sich in den Dienst der Gesammtheit zu stellen, ringen aussichtslos um die Zukunft. Die Polen sind in diesem Falle, die Czeehen sind es, und auch die Balkanstämme haben keine Hoffnung. Auf sie bezieht sich vor allem, was der englische Staatsmann gesagt hat: rDie Starken werden stärker und die Schwachen werden schwächer." In welchem Falle nun befinden wir Juden uns. da das Bewusstsein unserer Nationalität in uns lebendig geworden ist? Wir dürfen mit aller (Jewissheit behaupten, dass die geschichtliche Fügung uns lange vor der Erweckung der Nationalitäten-Idee dazu erzogen hat. der Gesammtheit zu dienen und uns dazu fähig zu machen. Wir waren bereits zu Streitern für die allgemeine Zivilisation, zu ihren Mitarbeitern und Werkzeugen gemarkt, bevor wir zu der Erkenntnis kamen, dass auch wir eine Nation sind. Als der Zionismus au unsere Gedanken und Empfindungen pochte, hatte uns der Gang unserer Geschicke' vorbereitet, uns und ihn. Aber vorbereitet nicht zu -einem Kampfe, wie ihn Czeehen und Polen kämpfen. Wir treiben weder Abstinenz noch Obstruction. unsere Heimatssehnsucht ist nicht ein brutales Herrschaftsverlangeu. Wir wollen nur ungehindert, in unserer selbständigen Entwicklung uns zugleich im Dienste der grossen civilisatorischen Gesammtziele bewähren, wir wollen dort, wohin uns das Heirngefühl drängt und lockt, wir selbst sein, um desto gewisser auch den anderen etwas zu sein. Uns soll die Anerkennung unseres nationalen Rechtes nur Selbstzweck sein, der sich willig, aber durch sich allein in den Gesammtzweck einfügt. Das ist der Nalionalilütsgedanke des Zionismus. Und so, denken wir, stimmt er vollkommen mit der ganzen historischen Physiognomie zusammen, welche die Welt im Jahrhundert Wechsel trägt: so ist er dazu berechtigt, zu horten, wo ander»- vielleicht zu fürchten haben. In sa^-eula saeculorum pflanzte sich unser Leid fort, ohne dass wir selbst seiner eigentlichen Quelle gewahr wurden. Es war das Leid, das aus der Verleugnung unserer Nationalität entsprang. Und doch war .auch das zum Guten", wie der Talmud sagt. Denn dieses Leid, welches uns nicht einmal vorn Mitleid erleichtert wurde, entwickelte in uns die Fähigkeit, von allen alles zu lernen. Jetzt gilt es, von dieser Fähigkeit den rechten Gebrauch zu machen, sie im Sinne unseres wiedererwachten Nationalbewußtseins zu verwenden. Dieses National bewusstsein, so wenig ambitiös, so wenig eifersüchtig, so ganz und gar nicht aufdringlich und andere beeinträchtigend, will nur erkannt und anerkannt, nur bewähr! und aus dem Bereiche des Ideals in den der praktischen Wohlthätigkeit. zugelassen sein. Es ringt um ein Eckchen Glück nach dem Meere von unverdientem Leid, das es in zwei Jahrtausenden erfühl-. Und das Eckchen Glück ist die Heimat. Was ist alle Ruhmredigkeit dieser Jahrhundert-Civilisation, wenn sie nicht das Unrecht an uns Juden gutzumachen vermag, das sie entstellt? Für die Diplomatie. Von Robert Jaffä. Wer mit grüblerischem Geiste den tieferen, nationalökonomischen und eulturhistorischen Zusammenhängen der politischen Begebenheiten nachsinnt, wird gewiss geringschätzig auf die Diplomaten herabschauen, die ihre spinnwebf'einen Netze, die sie von Land zu Land ziehen, vornehmlich durch kleine, zufällige, persönliche Beziehungen knüpfen. Er wird etwa Taine und Scribe in Antithese stellen. Aber abgesehen davon, dass dort auch Shakespeare die Synthese wäre, wird ihm die Riesengestalt Bismarcks entgegenstehen. Dieser wird sich schwerlich um tiefere Zusammenhänge bekümmert haben; aber er hat in den Tuilerien dem dritten Napoleon zugeflüstert: Ich bin ja gar kein Deutscher, ich bin ein Wende; er haT Ludwig den Zweiten von Bayern in seinem berühmten Briefe besonders damit für die Einigung Deutschlands zu gewinnen gewusst, dass er ihn daran erinnerte, dass das Bismarck "sehe Geschlecht einmal bereits dem Wittelsbach'schen Hause Vasall gewesen : er hat in seiner Rede vom .Jahre die Entwicklung der Sozialdemokratie nur so gesehen, dass sie mit Lassalle begann, und dann mit Mende und Schweitzer die ersten parlamentarischen Vertreter i n den Norddeutsehen Reichstag einzogen. Und dass es in der Politik (wie in jeder rinderen Kunst) mehr auf die aus den eonereten Erscheinungen geschöpfte, rasch und unmittelbar zugreifende Erkenntnis, als auf die die tiefsten Zusammenhänge begreifende ankomme, wird gar nicht best ritten werden können. Nur wird es den -luden unsäglich schwer, in der Wirklichkeit des Lebens irgendeine Stellung festzuhalten. Wenn in einem spiritistischen Vereine ein praktischer Arzt des Namens Dohn in aufklärerischem Eifer ein Medium entlarvt hat und etwa der Vorsitzende gegen ihn polemisiert, so wird auch in diesem Zirkel von gewiss harmlosen, wunderlichen Heiligen die Scene zu einer antisemitischen Versammlung. In der Reichsrathsdebatte über die mährischen •huienexeesse behauptete der Czeche. dass sie einzig auf das Bündnis der Juden mit den Deutschen zurückzuführen waren. Aber der deutschnationale Redner zeigte dieses Bündnis bald darauf — in zarter lndirectheit — In seiner innigen Gegenseitigkeit, indem er es bestritt und die Excesse als rein antisemitische hinstellte. In den unendlich mannigfach und vielfältig verschlungenen und widerstreitenden Verhältnissen moderner Wirklichkeit bleibt es eben den •luden nirgends möglich. Bündnisse zu schliessen oder auch nur den Schein derselben festzuhalten. Vielmehr wird dadurch auf eine tragikomische Weise seine Bedrängtheit nur so gesteigert, dass er es nun mit mehreren verdirbt und gleichsam, wie der allzu Bescheidene sogar in der Kirche, von allen Seiten Prügel erhält. Da jetzt der Krieg in Transvaal ausgebrochen, lassen sich die „Germania™, das Organ der deutschen Clericalen, und die „Freisinnige Zeitung" von dort melden, dass die daselbst ansässigen deutschen Juden die Urheber des Krieges wären. Andererseits fängt die Chauvinisten presse in England (z. B. die ..Justice") bereits leise an. zu munkeln, dnss die jüdischen Capitalisten in ihrem Goldhunger zum Kriege gedrängt hätten, und im Falle eines misslichen Ausganges wird man vielleicht versuchen, die Unzufriedenheit des Volkes auf die reichen Juden in England abzulenken. Diese zugleich komische, verwirrende und unselig machende Versohl ingung mag auch der Kern des jüdischen Unglü.-kes in der Diaspora sein. Bis die Verwirklichung ihres Zieles bereits eine Aufgabe der Diplomatie geworden, wirkt die zionistische Bewegung doch auch so auf das Judenthum, dass es sich in seinem Innersten wandelt gerade für dieses Ziel: und der grosse Moment findet kein kleines Geschlecht. Wenn mit dem Blau der zionistischen Embleme sich über dem hohlen