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Die Welt · 1900-01-12 · 2 (12.1.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
2 (12.1.1900)
Article
Nationalität
Date
1900-01-12
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14191). Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration : Wien,: IX., Türkenstrasse Nr. 9. zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Munuseripte nicht zurückgesendet. Preise der Anzeigen: Die viermal Kespalten«? Petitzeil« 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Ii Kronen, halbjährig 0 Kronen. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. S5 Pf., England ganzjährig 14 Slig.. halbjährig 7 Shg.. Kussland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien. Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs.. halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. Nr. 2 Wien, 12. Jänner 1900. 4. Jahrgang Nationalität. Von G. Marcus. Das war die Woche der Epiloge und Präludien, der Finales und Ouvertüren, so dass mau vor lauter Jahrhunderten den eigenen Tag nicht sah. Was das neunzehnte Säculum, dem das Sterben so schwer gemacht wurde, gebracht und hinterlassen hat, was von dein zwanzigsten zu holten und zu fürchten ist. darüber gaben alle rück- und vorwärtsgekehrten Propheten ihren Spruch ab, und wenn nun einer die Verwegenheit besässe, steh für seinen simplen Hausgebrauch aus diesen tausend Sprüchen einen Vers inachen zu wollen, so würde es ihm vermuthlich ergehen, wie der bewussten Kuh vor dem Scheunenthor. Oder, um die Situation zwischen den zwei Jahrhunderten noch deutlicher zu veranschaulichen, wie dem Esel Buridans zwischen den zwei Heubündeln. Es ist eben sehr viel schwerer, die Bilanz eines verflossenen Jahrhunderls zu ziehen oder die Physiognomie eines künftigen zu ahnen, als in Leitartikeln oder Feuilletons sich mit der Stimmung des Tages abzufinden. Und wenn schon der Epi- oder .Nekrolog, wie auch am Sarge eines einzelnen Menschen, sich wenigstens auf bestimmte Thatsachen berufen, Lobenswertes vergrössern und über Tadelnswertes mit einem scheuen .De mortuis nil nisi bene" hinweggleiten kann, so ist doch an der Wiege eines Neugeborenen jede Prognose ein leeres Spiel. L)ie Vergangenheit kann man mehr oder weniger gründlich missverstehen, in die Zukunft dringt -kein erschaffner (ieist.- Wenn nun gesagt worden ist, das neunzehnte Jahrhundert hinterlasse dem zwanzigsten d;e Anweisung auf die sociale Revolution, so braucht man diese Anweisung nicht ohneweiters zu honorieren. Sociale Revolutionen können sich in sehr verschiedener Art vollziehen, und von den grossten haben sogar die Mitlebenden, diejenigen, die sie machten, nicht einmal eine Ahnung gehabt. Je nachdem der Historiker einen engeren oder weiteren Horizont überblickt, wird er in der Kunstblülc des -fünfzehnten, in der Reformation des sechzehnten, in dem dreissigjährigen Kriege des siebzehnten, in der ' Aufklärung des achtzehnten und in dem überwältigenden Aufschwünge der Naturwissenschaften während des neunzehnten Jahrhunderts mehr oder minder gewaltige sociale Revolutionen erblicken. Eine Umwälzung in den Anschauungen der Menschen, in ihren Lebensformen und Lebensbedingungen schafft jedes Jahrhundert, denn der grösste aller Revolutionäre ist die Zeit: aber so wenig, wie im Uobergange vom fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert, irgendwer geahnt hat, was für die Menschheit die Entdeckung Amerikas bedeute, so wenig kann sich in der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahnmderl irgendwer unterfangen, den Charakter der kommenden Revolution zu weissagen. Mit den Präludien und Ouvertüren ist es also nichts. Wie verhält es sieh nun mit den Epilogen und FinalesV Da ist, soweit unsere Umschau reicht, mit besonderem Gewichte die Präpotenz der Nationalitäten- Idee in den Vordergrund gerückt worden. Das stimmt. Napoleon III. bemächtigte sich der Nationalitäten-idee. weil er ein Mittel brauchte, um die steigende Flut, die sich gegen sein Kaiserthum heranwälzte, abzulenken: er dachte an die kleinen Nationalitäten nicht aus Mitgefühl mit denselben, sondern um die Franzosen in dem Wahne zu erhalten, dass sie die hochherzigen Schützer aller „mühsamen und beladenen" Völker wären. Aber dieses frivole Spiel mit dem Prestige Frankreichs richtete sich schliesslich gegen ihn selbst. Auf den Trümmern seiner Herrschaft erhoben sich die beiden grossen nationalen Einheitsstaaten Deutschland und Italien, und der erwachte nationale Selhstäudigkeitsdrang der Kleinen suchte fortan seine Sachwalter anderwärts als in Frankreich : die Polen, die sieh zu sehr in die französische Illusion verstrickt hatten, fanden überhaupt keinen mehr. Russland nahm sich derBalkanstaaten an. Rumänien hatte an Deutschland seinen Rückhalt. Man muss sich dies und noch einiges andere unter die Augen rücken, um zu verstehen, wie die Magyaren emporkamen, wie die C.zechen heute noch an dem Fundamente der österreichischen Monarchie rütteln. Die Erfolge der Nationalitäten-Idee hatten d.is Uebergewicht der continentalen Eifersuchts- und RivalitävenpolUik zur Voraussetzung: als die europäischen (rrossstaateu von dieser zur Cokmialpolitik sich wendeten, wurde die Erfüllung der letzten Xationalitätenwüns -he zu einer Frage des grossen civilisatorischen Programme*

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