Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (5.1.1900)
- Article
- Neue Colonialpolitik
- Date
- 1900-01-05
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die 2$ Welt' Nr. 1 werden wir gutthun. etwas weniger Individualitäten als der Discipiin zugängliche Männer zu erziehen. Selbstzucht und männliches Selbstgefühl muss geweckt werden, das Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber der Gesammtheit. aus dem die schönste aller Solidaritäten sich entwickelt. Nur wer selbst erzogen ist, kann andere erziehen, wir können die grosse Colonisationsidee nur dann durchführen, wenn wir Männer haben, die selbst durchtränkt sind vom Geiste echter Cultur, von Liebe zu ihrem Volke und absolutester Uneigennützigkeit. Heute gehört es zum Colonisationsprincipe, da „draussen" Männer hinzusenden, die entweder daheim nicht gut gethan haben oder aber doch solche, die lediglich die Geschäftsinteressen der Heimat vertreten. Das muss und wird bei uns anders sein, wir werden nicht Ausbeuter sein im Lande unserer Väter, sondern dessen Beglücker. Und die eingesessene Bevölkerung wird den Tag segnen, an dem wir ins Land kamen. Wir gehen mit grossen Hoffnungen in das neue Jahrhundert, möge es uns eine neue Zeit bedeuten. Der Jahrhunderte der Bedrückung und Qual waren so viele, dass wir den Glauben an Besserung fast verloren haben. Vielleicht wird er uns wieder gebracht. Wir hoffen, dass die Schmerzenslaute verstummen und die Sonne statt auf rauchende Trümmer friedlich herabscheine auf die grünen palmenbestandenen Wiesen von Beth-El, anf denen Israels Hirten glücklich in Freiheit ihre Herden weiden. „Echt jüdisch."*) Bekenntnisse. II. Unserer Verabredung gemäss wollen wir bei den krummen Beinen und bei der Feigheit beginnen. Wir könnten auch zuerst von etwas anderem sprechen, z. B. vom Schmutz, vom Wucher, vom Geiz, vom Protzenthum, vom Fanatismus oder von der Rachsucht. Das soll ja alles „echt jüdisch" sein und muss daher vorgenommen werden. Allein, wir haben nun einmal beschlossen, dass die krummen Beine den Vortritt haben sollen. So mögen sie denn zu Anfang kommen, und mit dem Uebrigen sei der Ordnung nach verfahren. Aber halt! Noch einen Augenblick. Mir fällt eben ein. dass von den krummen Nasen nicht die Rede war. Da könnte sich leicht jemand finden, der, nicht ohne einen Anschein von Berechtigung, den Vorwurf erheben dürfte, dass wir die krummen Nasen todtschweigen wollen, und er könnte, wiederum nicht ohne einen Anschein von Berechtigung, behaupten, es seien triftige Gründe dazu vorhanden. Am besten fährt man also mit der Aufrichtigkeit. Deshalb wollen wir lieber sofort gestehen : Ja, es gibt Juden mit krummen Nasen, und es gibt krumme Beine jüdischer Abstammung. Das erste ist eine Rasseeigenthümlichkeit, das zweite ein Schönheitsfehler. Aber nicht alle Juden haben krumme Nasen, und nicht alle Leute, die auf krummen Beinen spazieren gehen, sind Söhne Israels. Man muss uns das einräumen, da wir ja auch so unumwunden Geständnisse ablegen. Nicht wahr? Am einfachsten wäre es freilich, diesen Körperbildungen gegenüber zu sagen : „Was schadet's denn?" Ihr Nutzen oder Schaden jedoch ist eine ganz andere Frage. Wir wollen ja nur entscheiden, ob die krumme Linie wirklich „echt jüdisch" ist. Das Schicksal der krummen Nasen theilen wir Juden mit vielen anderen Völkern. Von den Arabern will ich gar nicht sprechen, von den Türken auch nicht. Das gehört so halb und halb noch zur Familie. Nicht einmal von den Spaniern sei hier die Rede, denn sie haben viel maurisches Blut in ihren Adern, und obwohl die krumme Nase des Ritters von la Mancha vielleicht manchem Kohn mildernde Umstände er- *) S. Nr. 45, Jahrg. 1899. wirken könnte, sei auf dieses billige Rechtfertigungsmittel verzichtet. Anders verhält es sich schon mit den Griechen, den Italienern und den Franzosen. Monsieur Guerin z. B. — ich erwähne ihn nur, weil er mir zufällig einfiel — besitzt eine Nase, die ihm seitens der Herren D6roulede und Rochefort die grössten Unannehmlichkeiten hätte zuziehen können, wenn er nicht andere Beweismittel für seine rein französische Abkunft beibringen würde. In Frankreich ist sogar das Drama der krummen Nase geschrieben worden, und sein Held, Cyrano von Bergerac, war authentischen Quellen zufolge ein christkatholischer Franzose. Dann wieder Ungarn. Es ist dort oft eine schwere Sache, einen Juden von einem Magnaten zu unterscheiden. Ich sage das nicht etwa aus einem lächerlichen Stolz auf derartige Aehnlichkeiten; ich möchte nur zeigen, dass sehr viele Menschen mit krummen Nasen herumlaufen. Das fällt natürlich in solchen Ländern, wo der hohe Nasenrücken sehr häufig ist, nicht weiter auf. In den arischen Gebieten wird dergleichen weniger getragen, weshalb die Juden hervorstechen. Das heisst, auch nur diejenigen Juden, die etwas zum Hervorstechen haben. Denn — um ganz genau zu sein — nochmals : nicht alle Juden sind so beschaffen. Es ist vielleicht die Hälfte, oder ein Viertel. Man müsste das einmal statistisch feststellen. Jedenfalls beruht die Anschauung, eine krumme Nase sei „echt jüdisch", nur auf einer kleinen Vergesslichkeit. Man gedenkt der anderen, ebenso reichlich damit gesegneten Völker nicht, und thut so diesen Völkern wie auch uns ein Unrecht damit. Jetzt also zu den Beinen. Hier waltet schon böser Wille. Denn es haben wirklich nicht alle Juden krumme Beine. Natürlich gibt es einige, denen die Natur gerade Glieder versagte, wie es auch einige Juden gibt, die bucklig sind. Aber die körperlichen Gebrechen sind ohne Unterschied der Confession, der Abstammung und des Ranges mit ziemlicher Gerechtigkeit unter alle Menschen vertheilt. Wenn die krummen Beine „echt jüdisch" wären, dann müssten die Juden sie für schön halten. Sie wären von den Psalmisten besungen worden, wie die „Mandelaugen" der Frauen Israels: man hätte dem König David Säbelbeine nachgesagt, König Salomo wäre auf X-Füssen der Königin von Saba entgegengeeilt. Aber in der Bibel heisst es von den jungen Helden, dass sie gewachsen waren, „schlank, wie die Cedern des Libanon". In Deutschland sagt man: „Gewachsen wie eine Tanne". Das bedeutet dasselbe. Wenn die Säbelbeine „echt jüdisch" wären, dann kämen sie bei anderen Völkern nur äusserst selten vor, gewissermassen als Rarität. Aber man mag sich umsehen, soweit die deutsche Zunge klingt, vom Fels zum Meer und noch weiter, ob krumme Beine bei Ariern wirklich als Rarität gelten. Man kann die Assentierungscommission fragen, die Aerzte, die sich mit den rhachitischen Kindern des hohen und niederen Proletariates befassen, und wird erfahren, dass es mehr krummbeinige Arier gibt, als Juden. Wer sich zu solchen Rundfragen nicht die Zeit nimmt, braucht nur seine eigenen Augen zu öffnen, und er wird auf kurzen Wanderungen durch die volkreichen Bezirke der Grossstädte Material genug finden. Da ist es denn wirklich eine unschöne Vertuschung eigener Gebreste, auf einen krummbeinigen Juden zu deuten, wo sich einer zeigt, und vorsichtig von sich ablenkend zusagen: „echtjüdisch". Ethnologische Unterschiede abgerechnet, die dem Laien aber nicht erkennbar sind, kann man es getrost für sicher nehmen, dass die Juden wie die anderen Menschen gebaut sind. Manchmal hässlich, manchmal schön, manchmal bucklig, manchmal gerade, manchmal krummbeinig, und manchmal wie „die Cedern des Libanon." Es gibt irgendwo einen Zusammenhang zwischen krummen Beinen und Feigherzigkeit. Natm'lich braucht das eine durchaus keine Folge des anderen zu sein. Man kann