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Die Welt · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (5.1.1900)
Article
Neue Colonialpolitik
Date
1900-01-05
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 1 ,Die $s Welt« Seihe?> Diesmal wird auf Schlachtfeldern gekämpft, die vor 100 Jahren noch nicht einmal dem Namen nach bekannt waren, und in London oder Berlin liest man nachmittags Schlachtenberichte vom Morgen, während man vor KXJ Jahren Berühmtheit erlangte, wenn man es einmal im Leben gewagt hatte, die viele Monde währende Reise nach dem Cap der guten Hoffnung zu unternehmen. Und der Durchschnittsphilister fühlt sein Herz bei dem Gedanken schwollen, wie herrlich doch die Technik sich entwickelt hat und wie weit wir es gebracht haben. Und wenn gar das Gespräch auf Samoa, Togo. Kamerun gebracht wird, dann röthen sich seine Wangen und er empfindet es tief, dass er als Steuerzahler diesen vaterländischen Glanz ermöglichte. Die Schaffung der Colonien ist eine Nothwendigkeit, aber man sollte doch diesen Stolz etwas dämpfen! Das Wort „Colonien" ist zur Phrase geworden, und es hat eine recht unliebsame Beimischung von Empfindungen der nationalen Ueberhehung, Selbstsucht und Gewinnsucht erhalten. Wenn man sich ehrlich fragt: Wozu schafft man fast durchweg Colonien? — so lautet wahrheitsgemäß die Antwort: Nicht etwa deshalb, weil man Cultur. Religion und Sitte verbreiten will, nicht deshalb, weil man die armen Wilden der Segnungen europäischer Civilisation theilhaftig machen will, sondern lediglich, weil das Capital neue Gebiete zur Ausbeulung braucht. Das muss man rein objectiv anerkenjnen, auch wenn man sich auf keinen Parteistandpunkt verschwört. Dass man sich gelegentlich mit einem tugendhaften Mäntelchen deckt, ändert an der Sache nichts. Es ist bekannt, dass das Ausbeutungssystem der East India Co. das friedlichste aller Völker, die Hindus, zum VerzweLflungskampfe trieb. Als China sich wehrte, seine Unterthanen durch die Opiumhändler von Hongkong vergiften zu lassen, überzog England es mit Krieg. Die französischen Raubkriege in Algier, Tonkin, die spanischen Greuel in Südamerika gehören der Geschichte an. Am besten wird das System vielleicht dadurch charakterisiert, dass, wenn der Pöbel in China einen Missionär ermordet, gewöhnlich als Sühne eine BergwerksoderEisenbahnconcession verlangt wird. Und nun der Krieg in Süd-Afrika! Wir Juden haben sicherlich wenig Grund, uns für die Boeren zu begeistern. Ihre Haltung gegenüber unseren Stammesgenossen ist wenig erfreulich, und England hat sich jedenfalls weit mehr Anspruch auf unsere Dankbarkeit erworben, als Transvaal. Und doch ist man einig in dem Urtheüe, dass dies unnöthige Blutvergiessen nur einer kleinen Kaste von Minenspeculanten zuliebe begonnen wurde und das Fiasco ein wohlverdientes ist. Auch im heiligen Russland ist man dieser Meinung und zeigt Interventionsgelüste. Und wie werden sie in den dortigen Blättern begründet? Nun, mit Russlands erheblichen Interessen im Goldlande. Und dass diese rein idealer Natur sind, erhellt aus dem Umstände, dass ja die russischen Unterthanen im Transvaal meistens Juden sind. Was thut man nicht alles für so bevorzugte Landeskinder? Es ist wirklich schade, dass Johannes Scherr die grosse Colonialepoche nicht mehr erlebt hat. Er hätte seiner „Tragikomödie" schöne Züge einverleiben können! Colonien sind also Geschäftssache und Colonialpolitik heisst Bestrebung zur Hebung der Industrie. Und mitten in dieser geschäftsfröhlichen Zeit kommt das "Volk, dem durch die Jahrhunderte das Odium des Interessenthums angeheftet wurde,und will auch colonisieren, und will das thun thatsächlich aus culturellem Interesse, thatsächlich, um den Frieden und der Freiheit einen Zufluchtsort zu öffnen. Es kommt ein Volk, das um verödetes Land bittet, um steinige Ebenen und entwaldete Berge, um daraus wieder das Land zu schaffen, in dem Milch und Honig fliesst. Das erscheint allen denen, die das Wort Realpolitik für sich missbrauchen, so ungeheuerlich, dass sie ein ganz besonders gutes Geschäftsunternehmen wittern und in grosse Erregung gerathen. Und doch werden sie sich mit der Zeit davon überzeugen, dass es sich wirklich um eine so ganz unsinnig idealistische That handelt, wie wir durch die ganze Weltgeschichte das einzige Volk gewesen sind, das aus idealistischen Motiven gehandelt und gelitten hat! Gerade weil wir an unsere Lebenshaltung und unsere Ziele nie den kleinen Massstab der „praktischen" Angenblickspolitik legten, sondern als wahre Idealisten einer Tdee folgten, vor der die Jahrhunderte winzig erscheinen wie vergehende Monde, vor der alles Leid zur Augenblicksempfindung verblasst. haben wir uns bis heute erhalten. Und darum wird das .ludenthum leben, wenn auch nur in dem Häuflein von Idealisten, die sich Zionisten nennen. Und weil wir Idealisten sind — das vielgeschmähte Wort nehmen wir mit Stolz für uns in Anspruch — darum wollen wir einmal versuchen, ob nicht wirklich eine Colonialpolitik denkbar ist, die Cultur zu den Wilden trägt, dem Recht und der Sitte eine Stätte öffnet und aus der Einöde Gärten schafft. Und wenn man uns entgegenhält: „Wie bitter werden dort die Bauern um das Leben ringen müssen", dann antworten wir: Das eben wollen wir, dass nur der isst. der im Schweisse seines Angesichtes sein Brot verdient. Wir sind keine sentimentalen Schwänner, die jedem ungetrübtes Wohlleben sichern möchten, sondern wir wollen gerade, dass jeder hart arbeitet, zum Wohle des Ganzen. Aber er soll nicht schaffen ohne Hoffnung, im grauen Einerlei verzweifelten Dahinsiechens, sondern gesund, fröhlich und geehrt wegen seiner Arbeit, anstatt verachtet. Wir wollen ein modernes Gemeinwesen. Aber in unseren dereinstigen Städten soll keine goldene Jugend Zeit und Gesundheit vergeuden, kein zuchtloses Geschwätz die Bühne entweihen. Die Gemeinschaft, die wir gründen wollen, soll nicht Gelderwerb und Geldherrschaft auf ihre Fahnen schreiben, sondern die Herrschaft der Geistesaristokratie. Vielleicht erfüllen wir so wirklich noch einmal eine Mission, schöner als die verschwommenen Träume, in dei.en man sich jetzt gefällt. Die Fortschritte der öffentlichen Moral sind bisher noch keine allzu bedeutenden gewesen. Das positive Handeln ist heute genau so scrupellos wie es vor Jahrhunderten gewesen ist. Aber es ist doch ein Unterschied im Emfinden. Das Rechtsgefühl ist doch so weit gesteigert worden, dass man alles das. was heute gegen die Gerechtigkeit gesündigt wird, nicht mehr der Oeffentlichkeit preiszugeben wagt, wie es so schamlos in früheren Zeiten geschah. Gewiss erwächst daraus häufig niedrigste Heuchelei, aber der Fortschritt ist doch unverkennbar. Vor hundert Jahren hätte der Dreyfus-Process nicht die ganze Welt erregt. Vor einem Jahrhundert hätte ein Raubkrieg nichi Kuropa in Entrüstung versetzt. Schamlose Rechtsbrüche wecken das schlummernde Gewissen der civilisierten Menschheit, und das bürgt uns dafür, dass doch bessere Zeiten kommen werden. Auch gegenüber uns Juden regt sich, bisweilen ganz muthig, das verletzte Gerechtigkeitsgefühl der Wahrheit, und das Interesse, das unsere Bewegung an massgebendsten Stellen geweckt hat. beweist, dass man uns gerne helfen würde — wenn man könnte. Denn auch die Macht der Grossen auf dieser Erde hat bisweilen recht enge Grenzen. An uns aber wird es sein, denen ihr Thun zu erleichtern, die uns wohlwollen. Auch die Könige helfen am liebsten denen, die sich selbst helfen. Wir wollen nicht rechts und nicht links sehen, sondern unser Volk erziehen und aufklären, damit der grosse Augenblick, den wir erhoffen, auch die rechten Männer finde. Bis dahin ist vielleicht noch ein weiter Weg. Es fehlt uns noch an allen Ecken und Enden. Viel Ghettoluft muss hinausgescheucht werden, und um grosse allumfassende Organisationen /ia schaffen.

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