Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (5.1.1900)
- Article
- Unterwegs
- Date
- 1900-01-05
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite? „Die # Welt" Nr. 1 veyt-auenswürdig vor /e möcEten sgb^.Äb-iaöh das Fahrzeug erprcx ol) es ord*nffich gesteuert wird. Die dritten/15*011 ^en Abgang des Schiffes in Southanpton y^um* oder sie wussten vorher gar nicht, dtss es ^e s°lehe Fahrgelegenheit gebe. Und so lassen sich n<^ mancherlei Gründe dafür finden, dass nicht alle \<?k schliesslich in dem ostwärts eilenden Dampfer Ve*"1^ sem werden, schon in Southampton an Bord ^en- Die einen kommen mit der Bahn durch Frankrei^1 nach und schiffen sich in Marseille ein. Die anderer^teigen erst in Genua oder noch südlicher in Neap/ein .. . /An diese Häfen der Orientfahrt und an ihre verspäteten Passagiere muss ich denken, wenn ich sehe, vie allmählich Leute nachkommen und sich uns an- ,schliessen, die im Southampton des Zionismus noch * nichts von unserem guten Schiffe wissen wollten. Wir heissen sie alle willkommen. Es gibt Platz und Arbeit für alle. Eine Freude ist es namentlich, wenn wir Männer, die wir selbst in ihrer Gegnerschaft achten mussten, näherkommen sehen. Noch gehören sie nicht zu uns, noch sind sie nicht an unserem Borde; aber es ist unverkennbar, dass sie uns nachreisen, und wenn sie das Schiff nicht mehr in Marseille erreichen, in Genua oder Neapel treffen wir uns gewiss. Solche Genossen sehen wir in den Ghovevi Zion der älteren Schule. Aber es gibt noch andere Erscheinungen von so befriedigender Art Zwei der besten Juden Englands, die uns früher geradezu feindlich entgegentraten — Claude Montefiore und Oswald John Simon — haben in der letzten ZeitErklärungen abgegeben, wesentlich verschieden von ihren vormaligen Aeusserungen. Oswald John Simon schrieb in einem grossen englischen Blatte nach dem dritten Baseler Gongresse in den freundlichsten Worten über unsere Bestrebungen. Claude Montefiore, mit dem ich vor Jahr und Tag leider eine Zeitungspolemik fuhren musste, hat unlängst als Präsident der ansehnlichen Londoner Gesellschaft für jüdische Geschichte in einer uns geradezu sympathisch berührenden Weise die Frage des jüdischen Volksthums besprochen. Es ist kein Zweifel, dass Claude Montefiore, der auch an der Leitung der grössten anglo-jüdischen Hilfsgeselischaften theilnimmt und da vielfache Gelegenheit hat, alle moralischen und materiellen Nothstände kennen zu lernen, unserer Lösung immer herzlicher zustimmen wird. Der Platz dieses vornehm denkenden Mannes ist nicht bei den Protestrabbinern. Er beginnt es wohl schon einzusehen. Was haben die Protestler, Socialisten und Assimilanten, und wie die Gegner unseres politischen Zionismus sonst noch heissen, in den Jahren unserer vielgeschmähten Bewegung denn bewirkt? Welche Lösung der Judenfrage haben sie an Stelle der unserigen durchgesetzt, ja auch nur proponiert? Nichts haben sie gethan und nichts erreicht Eine demoralisierende und im Verhältnisse zu der zu lindernden Noth geradezu *ächerlich unzulängliche Wohlthätigkeit wird von den- •Higen versucht die überhaupt ein Herz für ihre unglücklichen Brüder haben. Aber man heilt die grosse Kraßheit, wie Heine sagte, nicht mit Rosenöl und Mosch^. Gerade in den letzten Jahren hat es fürchterliche l^agödien des Judenthums gegeben. Unseren jüdischen Widersachern könnten doch schon die Augen aufgehen, venn sie Ereignisse miterleben, wie die Affaire Drey»1Sj die Judenhetzen in Algier, die Ritualmord-Ausschreiungen in Oesterreich, die jetzige schreckliche Krise in Rtnaänien, die tausende nach dem Bettel- und Wanderstabe greifen lässt Und wer ist kühn oder kurzsichtig genug, u*i zu behamoten. dass die Leidensgeschichte unseres Volkes schon zu Ende sei? Nein, wir müssen fort und fort gewärtig sein, dass auf neuen oder auf den alten Punkten Ausbrüche des Judenhasses erfolgen und die Zustände sich abermals verschlimmern. Um wieviel weiter könnten wir. bereits halten, wenn alle opferwilligen guten Juden sich uns angeschlossen hätten. Je schneller sie zu uns kommen, umso schneller und wirksamer können wir bis ans Ziel vordringen. Und dennoch, wie schmerzlich die inneren Widerstände uns manchmal berühren mögen, müssen wir uns doch sagen: Auch das ist zum Guten! Jawohl, es ist zum Guten, dass es in der zionistischen Bewegung nicht so ganz glatt abgeht, dass die Bäume nicht gleich in den Himmel wachsen und die gekatenen Tauben uns nicht in den Mund fliegen. In dieser uns auferlegten Wartezeit können und müssen wir Selbstzucht üben und das Werk der nationalen Erziehung fortführen. Es ist auch nicht schlecht, dass die Strtber und Professionspolitiker von unserer Bewegung fernbleiben. Es gibt da nichts zu holen, nichts zu gerönnen mit der Betheuerung einer Ueberzeugung. Einter unserer Freunde in Köln pflegt Bettlern, die sich ihr|i;ils Zionisten vorstellen, zu antworten: „ So? Ein Ziorist sind Sie? Dann geben Sie etwas her für die Bewegung. Wir können nur Leute brauchen, die bereit sind, Opfer zu bringen." Es ist ein drastischer Humor darin, aber auch die volle Wahrheit Und das ist zum Guten. Eine Prüfungszeit ist nöthig für diejenigen, die einmal die Angelegenheiten des jüdischen Gemeinwesens zu verwalten haben werden. Und dass die Prüfungszeit von unbestimmter Dauer ist, das wird nur umso tüchtigere Charaktere liefern. Wenn wir am Ziele sein werden, wird man, wie gesagt, unendlich vfele Aufgaben zu lösen haben. Man wird auch entsprechend viele Menschen brauchen. Von den ersten Leitern der Bewegung werden sich bis dahin manche abgenützt haben. Andere, und das sind vielleicht nicht die Schlechtesten, wollen sich zurückziehen, sobald die gröbste Arbeit gethan sein wird. Hingegen wird es dann, wenn das Schwerste glücklich überwunden ist von TRettern des Volkes" wimmeln. Das Volk aber wird wissen, wo es seine wahren Freunde zu suchen hat: untei jenen, die in der zionistischen Bewegung keine persänlichen Interessen befriedigen wollten. Unter jenen, die für die Sache stritten und litten, als man damit keine Ehren, sondern Beschimpfungen erntete; als man dafür keine Vortheile einstrich, sondern Opfer bringen musste. Die Leute, die nachweisen können, dass sie aif dem ersten Schiffe waren, und ihrer sind glücklicherweise genug, werden die besten Garantien für die Zukunft bieten. Wenn erst die Landung gesichert ist, werden ja viele Schiffe nachkommen. Neue Colonialpolitik. Von IV- Adolf Friederaann (Berlin). Das neue Jahrhundert hat begonnen. Hoffnungsfi eudig ist es .sicher von überall her begrüsst worden, aber es scheint fast, als ob es voreilig gewesen wäre, von ihm. das Hereinbrechen besserer Zustände zu erwarten. Der alte Kronos hat mit den irdischen Monarchen die Sitte gemein, dass die Kanonen donnern müssen, wenn er seinen Geburtstag feiert. Und die Worte, mit denen Schilfer den Jahrhundertswechsel begrüsste, scheinen noch immer nicht veraltet: „Wo öffnet sich dem Frieden, Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort? Das Jahrhundert ist im Sturm geschieder., Und das neue öffnet sich mit Mord."