Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-12-30 · 52 (30.12.1898) · p. 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
52 (30.12.1898)
Article
Unsere Palästinafahrt
Date
1898-12-30
Page
16 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315795-3365378--09937-3365460
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

&ftu 1(5 S>u bi ein gnädiges Gehör nnd seine hochherzige Hilfe leihen, ein gedrücktes Volk zur Freiheit auf eigener Scholle führen, im Lande ihrer Väter, vom Bache Egyptens bis zum Strome Phrat. Wir reichten uns schweigend die Hand. P Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (31. Fortsetzung.) IV. Buch. L Man schrieb den 6. Mai 1895. In seiner ganzen jungen Pracht war der Frühlingsgott in das Land gezogen und hielt nun mit seiner herrlichen Buhle Sonne prächtigen Hofhalt in der alten österreichischen Kaiserstadt. Bor dem Goldschild'schen Paramentengeschäfte hielt um die fünfte Nachmittagsstunde eine einspännige Droschke. Der Kutscher sprang vom Bocke und schickte sich an, dem müden Gaule einen Futtersack vorzubinden. Aber noch ehe das arme Thier sich an dem wohlverdienten Hafer gütlich thun konnte, wurde die breite Glasthüre des Ladens bereits geöffnet und eine kleine Gesellschaft trat auf die Straße. Die Gruppe bestand aus drei Männern und einer Frau. Von letzterer ließ sich nicht Erwähnenswertes sagen. Sie war ein großes, gesundes Weib, mir frischen Augen und weißen Zähnen, wie man sie in den Vorstädten Wiens auf Schritt und Tritt begegnet. Umso verschiedener aber waren die drei Männer geartet. Den einen von ihnen hätte man seines glatten Gesichtes und seiner Fettleibigkeit halber für einen gut dotierten katholischen Geistlichen halten können, wenn nicht der breite Ehering gegen den Junggesellenstand gezeugt hätte. Die hohe, kernige Gestalt und die breiten Schultern des zweiten verriethen eine in gesunder Arbeit verbrachte Jugend, während der Kopf des dritten einem Apostelbilde der italienischen Schule glich. Der Glattrasierte half seiner Frau umständlich in den Wagen, blieb dann unschlüssig auf dem Trottoir stehen und nahm erst, auf eine energische Aufforderung seiner Ehehälfte hin, neben ihr Platz. „Auf den Südbahnhos!" befahl diese ungeduldig dem Kutscher. Als das Pferd anzog, beugte sich der Gatte noch einmal aus dem Gefährte und rief dem einen der zurückbleibenden zwei Männer zu: „Georg — dass Du mir ja gut zusperrst!" Der Breitschultrige nickte. „Sei nur ganz ruhig! Du kannst Dich auf mich verlaßen!" Bon diesen vier Menschen hätte man Frau Lisi und ihren Bruder Georg — denn dieser war es, dem der Paramentenhändler die Sorge um seinen Laden noch einmal ans Herz gelegt — am raschesten wiedererkannt. Die 34 Jahre, die seit dem grauenhaften Tode der alten Sarah und des Rabbiners Rüben vergangen, mussten allerdings auch an ihnen ihre Spuren zurücklasien. Die Geschwister Holzer waren nun Leute, die die Höhe des Lebens um ein gutes Stück überschritten hatten. Aber sie hatten geblüht und waren verwelkt, wie es die Bäume thun. Die Säfte des Körpers waren allmählich vertrocknet und hiermit hatten Körper und Geist in stillere Bahnen eingelenkt. Dieses natürliche Altern war nicht mit den Veränderungen zu vergleichen, denen die Vettern Goldschild im Laufe der letzten drei Decennien unterlegen. Schwerlich würde sich jemand gefunden haben, der in dem fettleibigen, kahlköpfigen Paramentenhändler den Raphael von ehedem, den schwärmerischen Freund des Elieser wiedererkannt hätte. Im gleichen Maße, als sich Raphael zu seinem Nachtyeil, hatte sich Dr. David zu seinen Gunsten umgewandelt. Die langen weißen Haare und der weiße Bart milderten den leidenschaftlichen Ausdruck des geistreichen Gesichtes. Friede und Wohlwollen sprachen jetzt da, wo früher Kampfesfteudigkeit und Begeisterung geleuchtet. Er wies lächelnd auf seine Taschenuhr und meinte zu Georg: „Sie kommen viel zu früh auf den Bahnhof! Der Zug fährt erst in einer Stunde ein!" Lisis Bruder beschattete die Äugen mit dem breiten Handrücken und blickte dem Wagen nach. „Sie hatten doch keine Ruhe mehr, bis der Hochwürdige angekommen ist!" erwiderte er dann. „Ich glaube, die Schwester hat bereits die ganze Nacht nicht mehr geschlafen — aus lauter Freude!" So sprechend holte er einen, an einem langen Stocke befestigten Haken aus dem Gewölbe und schickte sich an, die eisernen Rollläden des Auslagefensters herabzuziehen. Denn für den Rest des Tages blieb das Goldschild'sche Geschäft geschloffen. Im Kalender fteilich stand heute nur ein Mittwoch, wie das Jahr deren in der Regel volle 52 zählt; für den engeren Familienkreis jedoch war dieser Tag das größte Fest seit 8 Jahren. Der „Hochwürdige," dessen Ankunft erwartet wurde, war niemand anderer, als das einzige Kind des Karl Raphael'schcn Ehepaares. Nach dem Großvater war der Knabe Josef benannt worden. Frühzeitig hatte das Kind Lust zum geistlichen Stande gezeigt. Niemand war darüber erfreuter, als der fromme Vater. Dr. David hatte seinen ganzen Einfluss geltend machen müssen, damit dieser den kleinen Josef nicht vorzeitig in ein Seminar stecke. Als aber der 16jährige Jüngling noch immer vom Berufe eines Seelenhirten schwärmte, war der Widerstand des Oheims gebrochen und der Jüngling schlug die geistliche Laufbahn ein. Im „Collegium Germanicum" zu Rom hatte Josef Goldschild seinen theologischen Studien obgelegen und schließlich auch im Jahre 1886 die Priesterweihe erhalten. Damals war Karl-Raphael nach der ewigen Stadt gepilgert, um der Primiz seines Sohnes beizuwohnen, während Frau Lisi daheim die frommen Geräthe hatte verkaufen muffen. Aber auch hernach war der junge Geistliche aus dem Hause Goldschild in Rom geblieben. Als Secretär des kunstsinnigen Cardinals Antonio Buonacordi hatte er große Reisen unternommen. Aber der Vatican war immer der Magnet geblieben, der ihn wieder anzog. Der Einfluss des Kirchenfürsten verschaffte dem jungen deutschen Priester schließlich eine Stellung in der päpstlchen Bücherei. Immer seltener hatten die Eltern Nachricht von ihrem Sohne erhalten. Da plötzlich kündete ihnen ein Brief sein Eintreffen in Wien an. Ja nicht nur das! Er sollte in Zukunft immer in ihrer Nähe weilen! Hatte er doch die Pfarrerftelle in dem nur eine Stunde'von Wien entfernten Dorfe Siegling angenommen. Das Ganze war so wunderbar gekommen, dass der kluge Dr. David nicht müde wurde, bedenklich die weißen Locken zu schütteln. Er ahnte, dass etwas ganz Besonderes hinter dieser plötzlich erwachten Heimathsliebe des Neffen verborgen sei. Denn dass man den italienischen Himmel, den Vatican und die päpstliche Bücherei so ganz aus fteien Stücken gegen eine unbedeutende Pfarre vertausche, das ließ sich der alte Fuchs nun denn doch nicht einreden. Während er nun langsam die breite Mariahilferstraße hinobschlenderte, legte er sich zum Hundertstenmale die Frage vor, welche Beweggründe wohl seinen Neffen Josef zu diesem entsagungsvollen Schritte getrieben. Aber so sehr er seinen sonst so erfinderischen Kopf auch anstrengte, er wurde aus der Sache nicht klng. Wer Dr. David begegnete, der hätte in dcm Greise mit den langen weißen Locken und dem krausen Barte weit eher einen fröhlichen Künstler, als einen berühmten Arzt vermuthet. (Fortsetzung folgt.) HerauSgeb«: V Lsvtzsnrr. «eranSo. Med.: DriStrarL. W^Wmc.BuchLruckerer.J»dnstri^ (b.Baogmaun). VUL, SchMe^rO

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.