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Die Welt · 1898-12-30 · 52 (30.12.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
52 (30.12.1898)
Article
Unsere Palästinafahrt
Date
1898-12-30
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. S2 Seile 15 alle Meere durchkreuzten und die köstlichen Naturproducte Chinas und Afrikas mit den Erzeugnissen der Kunst und des Gewerbefleißes Europas austauschten. Aber wird es auch möglich sein, die Stützpunkte jenes Handels, Hafenstädte, wie Alexandrette, Saida, Beyrut, Haifa und Jaffa, unserem Volke zn sichern? Und ganz abgesehen davon, sind wir wirklich ein seefahrendes Volk? Weder im Alterthum, noch in der Neuzeit haben die Juden eine besondere Freude an dem Leben zur See bekundet. Me war das jüdische Volk eine seefahrende Nation, und nur in der kurzen Zeit der Regierung Salomos wurden Flotten ausgerüstet, die einen Theil der jüdischen Bevölkerung an das freie Leben des Schiffers gewöhnten. Das jüdische Volk war ein Bauernvolk, und nicht der Handel oder die Seefahrt kann der Ausgangspunkt einer Neugestaltung des jüdischen Volkslebens werden, so verlockend uns auch die silberglänzenden Kämme der Wellen im mittelländischen Meere zuwinken, sondern einzig und allein die Ueberleitung zur Landwirtschaft, die Besiedelung des festen Landes mit bäuerlichen Colomen. Dieser Gedanke findet Zustimmung, und ein anderer meinte, trotzdem es schwer fiele, wenn man auf hoher See so angenehm dahinschaukle, sich aufs Land zu versetzen, so halte er es doch für richtig, dass wir uns ein wenig mit unserem Lande Erez Jisroel beschäftigten. Ein Dritter ftagte: „Wenn nun alle unsere Träume plötzlich in Erfüllung giengen und wir durch die Gnade des Sultans unter Zustimmung der maßgebenden Factoren der europäischen Politik das Recht erhielten, ein Gemeinwesen für unser Volk auf dem Boden Palästinas zu errichten, welches, ohne die Souveränität des Osmanenkaisers irgendwie zu beeinträchtigen, sich ftei verwalten und entwickeln könnte, was hätten wir zunächst zu thun, um von diesem Rechte den richtigen Gebrauch zu machen?" Um sich an dieser Discuffion auch zu betheiligen, bemerkte hierzu der Vierte: Man könnte etwa ein Uebergangsstadium schaffen. Der zur Besiedelung bestimmte Bezirk würde in einzelne Kreise eingetheilt. Neben den bestehenden türkischen Behörden würde eine von der hohen Pforte zu bestätigende jüdische Colonialregierung mit einem Gouverneur an der Spitze geschaffen. Dieselbe beginnt mit der Colonisation in den Kreisen, welche hierzu am ehesten geeignet erscheinen. Die Colomen verwalten sich selbständig, wie die anderen Dorf- und Stadtgemeinden. Sobald drei Viertel der Bevölkerung in den colonisierten Kreisen der jüdischen Nation angehören, geht dieser Kreis in die Verwaltung der jüdischen Centralbehörde über. Dieser Gedanke fand aber wenig Beifall. Die Discuffion nahm einen fast erregten Charakter an, so dass die übrigen Passagiere sich baß verwundern mochten, was der Anlass so heftigen Streites innerhalb unseres sonst stets einträchtigen Kreises sein könne. Endlich erhob sich der Fünfte, streckte, triumphierend seine Rechte nach jener Gegend aus, wo wir das Land vermutheten: „Heureka/ rief er, „ich hab's gefunden, wir brauchen eine jüdische Landgesellschaft." Der Helle Ton der Glocke, die uns zu Tische ries, veranlasste uns jedoch, die Gründung der jüdischen Landgesellschaft zu vertagen, bis wir bei unserer Taffe Kaffee k la turca (schwarzer Kaffee, der mit dem Satze serviert und getrunken wird) wieder heftig aneinandergerielhen. Der Erste verfocht immer noch seine Theorie von dem seefahrenden Volke. Der Zweite war für die Landgesellschaft. Man gründet doch kein Gemeinwesen, in dem ein Volk seine Fähigkeiten frei entwickeln soll, vom grünen Tische aus! Nichts anderes heißt es aber, wenn man nach einem vorher ausgeklügelten Systeme eine Bureaukratie schafft, noch ehe die Menschen da sind, zu deren Verwaltung und Regierung sie bestimmt ist. Es ist auch geradezu widersinnig, ein Land durch mathematische Linien ohne Rücksicht auf ein vorhandenes Bedürfnis, in Bezirke einzutheilen, loenn keine Grundsätze existieren, nach welchen die Eintheilung erfolgen könnte. Außerdem, bemerkte der Dritte, würde hierdurch ein Anlass zn beständigen Competenzstreittgkeiten zwischen den jüdischen und den nichtjüdischeu Beamten geschaffen. Das Schlimmste ist aber,, setzte der Fünfte hinzu, dass noch keine Körperschaft existier^ welche diese jüdische Regierungsbehörde Ichaffe:'., die: Beamten anstellen und dem Sultan zur Sanction präsentieren/önnte. „Glaubt Ihr denn." warf nun. der Vierte ein, „Eure Landgesellschaft sei ein so vollkommenes Instrument für die Besiedelung des Landes, dass man dagegen gar keine Einwendungen machen könnte? Ich meine, wenn man einen solchen Vorschlag macht, sollte man erst doch ganz genau erklären, was man unter solch einer Landgesellschaft versteht. Für die Schaffung von Gewerbe und Industrie, für die Gründung ' landwirtschaftlicher Colonien haben wir doch die jüdische Bank in Aussicht genommen, wozu also die Landgesellschaft?" „Meine Herren," begann da der Fünfte, „ich sehe schon, ich muss mich deutlicher erklären. Die Errichtung einer Landgesellschast kann die Gründung der jüdischen Bank so wenig äusschließen, dass es vielmehr die erste Ausgabe der Landgesellschaft sein müsste, eine jüdische Bank zu gründen, wenn sie noch nicht bestände. Die jüdische Landgesellschast soll eine von; dem Zionistencongress oder dem Actionscomite eingesetzte Corporation sein, welche mit der türkischen Regierung in Verhandlung tritt, um sich gegen gewisse Leistungen von derselben Privilegien zur Besiedelung eines bestimmten Landgebietes gewähren zu lassen. Hierzu würde beispielsweise gehören: das ausschließliche Recht, in diesem Gebiete zu colonisieren, Straßen, Eisenbahnen, Häfen zu bauen, Bergwerke auszubeuten, die hierfür nöthigen Enteignungen vorzunehmen :c. Der Landgesellschast müsste das Recht übertragen werden. Zölle und Steuern zu erheben und gemäß vorher getroffener Vereinbarung einen Pauschalbetrag von denselben für die allgemeinen Ausgaben des Staatshaushaltes an die türkische Regierung abzuführen. Gesundheits- und Sicherheitspolizei, sowie alle diejenigen Rechte, welche unter dem Namen Regalien verstanden werden, würden von dieser Landgesellschast ausgeübt. Zur Durchführung aller dieser Aufgaben bedarf diese Landgesellschast in erster Linie eines Fiuanzinstrumentes, einer Bank, welche eine Anleihe gegen genügende Sicherheft zu gewähren oder zu emittieren in der Lage ist." „Ich sehe schon," bemerkte da der Vierte, „wie man sich in Europa um die Obligationen der jüdischen Landgesellschaft reißen wird." Die Discussion wurde wieder lebhaft und erregt. Die Sonne hatte sich zum Horizonte herniedergesenkt und in Flammenglut leuchtete das Meer im Westen. Rosige Wölkchen zogen wie Lämmerherdeu reihenweise über das blaue Himmelszelt. Ein tteser Friede lag über das Meer gebreitet. Da bat der Erste um Gehör und sagte: ' „In dem Gefühle der hohen Schönheit dieses Meeres, welches uns nach jeder Richtung einen unbegrenzten Ausblick gewähtt und den Gedanken gar nicht aufkommen lässt, dass unserem Wollen oder Können Schranken gesetzt sind, erfasst mich immer wieder der. Gedanke, dass das jüdische Volk das Gefühl der-Frriheft-aus. dem. Meere am mächtigsten empfinden würde; kurz und gut, dass wir ein seefahrendes Volk sind. Allein ich sehe ein, dass die Ausführung dieser Idee einer fernerer Zukunft Vorbehalten bleiben muss, und dass wft zuerst, tteu unserem Programme, die rechtlichen Garantten für eine Colonisation im großen Stile auf Grundlage des Gewerbefleißes; und Ackerbaues schaffen müssen. Zu diesem Zwecke erscheint mir die Bildung einer Landgesellschast unter der Billigung und Souveränität der hohen Psorte als das geeignetste Mittels Heute schon die Functionen dieser Gesellschaft abzugrenzen ist unmöglich, aber der Gedanke dieser. Landgesellschast wird und muss eine werbende Kraft haben, denn er ist der knappe Ausdruck dafür, wie lvir unsere Ideen, die so oft als Utopien und phantastische Schwärmereien verschrieen werden, in die Praxis übersetzen wollen. Hier ist der archimedische Punkt, uo der Hebel angesetzt werden muss, um dem jüdischen Volke srine gesicherte Heimstätte zu schaffen. Energie und Begeisterung »erden uns weiterhelfen." In stiller Pracht leuchtete der Sternenhimmel. Millionen Augen schienen von oben auf uns herabzublicken. Hier und dort sank wie eine fallende Rakete eine Sternschnuppe ins Meer. Fromme Wünsche folgten ihrem Fluge ftr unS und unser Vplk. Möge der mächtige Kaiser, der sireund des Sultans, dem wir entgegeneilen, unserem Wunsche

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