Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Article
- Bei der Hexe von Endor
- Date
- 1898-12-23
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 51 jncfcwae Sette 5 Schwindlerin, und nur den braven Gerichtsärzten verdank' ich es, dass ich freigesprochen wurde. Die braven Gerichtsärzte! Sie hielten mich für —" Das Mütterchen lachte verschmitzt vor sich hin und blies sich in die runzeligen Hände. Es war auch wirklich sehr kalt in der niedrigen, ärmlichen Stube, das rußende Talglicht flackerte hin und her, wie von Frost geschüttelt, und das ausgestopfte Eichhörnchen auf dem braunen Schrein, das die Vorderpfötchen wie bittend in die Höhe hielt, schien zu sagen: „Bitte schön, ein wärmeres Kleid! Die paar Spinngewebe sind zu fadenscheinig. Und der rothe Pelzkittel, in den die Motten gekommen, der taugt auch nichts mehr. Bitte schön!-" „Lasten Sie den Richter sprechen, was er will", sagte ich zu dem Mütterchen, indem ich auf ihr Gerede eingieng. Man thut da immer am besten, wenn man nicht widerspricht. „Aber jetzt möcht' ich auch etwas hören und sehen, Mutterl, damit ich nicht umsonst dasitz' und frier'." Die Kartenschlägerin humpelte in einen Winkel der Stube, der bis zur Kniehöhe mit altem Gerümpel angefüllt war. Weiter oben war ein grüner Vorhang der irgendeinen Gegenstand verdeckte. Die „Wahrsagerin" zog den Vorhang beiseite, und ich musste im Stillen über den Hokuspokus und die wunderlichen Ceremonien lächeln, mit denen sie diese Enthüllung begleitete. Aeußerlich blieb ich ernst. Zum Vorschein kam ein gewöhnlicher Guckkasten, sowie man ihn in jeder Schaubude findet. Rechts und links waren an Schnüren zwei Hörmuscheln aus Horn, wie bei einem Telephon. „So", sagte das Mütterchen feierlich, „jetzt können Sie sich bedienen. Ich werde mich unterdessen mit meinem alten Kameraden unterhalten." Sie zog einen grauen Kater, den ich früher nicht bemerkt hatte, hinter dem Gerümpel hervor, setzte" ihn auf den Tisch, und streichelte ihn; der Kamerad begann zu schnurren; aber es ähnelte mehr dem grämlichen Murren eines Greises als dem Spinnen einer Katze. Ich gieng zum Apparate und „bediente" mich. Aus den Hvrnmuscheln drang mir ein unklares Rauschen in's Ohr. Vielleicht war es auch nur das Schnurren des Katers. Das Gesichtsfeld anfangs verschwommen, wie in einem schlecht gestellten Operngucker. Nach und nach klärte es sich.-— Zwei Männer auf einer Bank in einer Waldlichtung. Südliche Vegetation, Orangenbäume. Kastanien, sogar einige verkrüppelte Palmen. Die Gesichter der beiden zeigen edlen jüdischen Typus. Glänzendschwarze, lange Bärte, dunkle Glut in den Augen. Sie tragen die spanische Tracht des vierzehnten, fünfzehnten Jahrhunderts. Aber sonderbar! Diese auffallenden Löcher in dem seinen Stoff der Kleider! Wie hineingebrannt, durch Flammen oder Chemikalien. Und an den Händen die leichte rauchige Schwärzung. Kaum merklich, wie hingestäubt durch feinen Luftzug. Und der Bart des größeren Mannes, ist er nicht schwach versengt? Auch die Wimpern. — Wenn nur das Glas rein wäre! — Sie sprechen in einer unbekannten Sprache, die mir fremd ist; aber ich verstehe sie. Ter mit dem versengten Bart blickt nachdenklich zu Boden. Eine Zeitung ist seinen Händen entglitten, er hat achtlos den Fuß auf sie gesetzt, ein leiser Wind hat einzelne Blätter weggetragen. „Ist etwas Interessantes in dem Wisch?" fragte der andere. Der mit dem versengten Bart schiebt zerstreut die Zeitung im kreischenden Kies mit dem Fuße hin und her. Bei der Frage blickt er auf: „Eben denk' ich über etwas Komisches nach, das ich da gelesen habe. — In Deutschland regen sie sich auf, weil die Juden die Gewohnheit haben, bei der Hinrichtung der Gänse und Rinder gewisse Ceremonien anzuwenden." „Diese Idioten! —" „Und im deutschen Reichstag wollen sie jetzt ein Gesetz einbringen. welches den Juden zur Pflicht macht, die Rinder und Gänse vor der Hinrichtung zu betäuben." „Natürlich! Wozu hat die Menschheit denn jetzt das Lustgas und Chloroform — ja, tue Nichtjuden sind sehr mitleidig und gutherzig, wenn es sich um das Rindvieh handelr. — Uns hat man damals nicht narkotisiert, wie man uns vor vierhundert Jahren auf dem Scheiterhaufen verbr —" „Geh', lass' die alten Geschichten. Wozu immer davon reden. Ich will es endlich vergessen." Und er fuhr mit dem Handrücken hastig über sein Gewand, als wollte er die Brandflecken wegwischen. — — Nicht so laut, grauer Kater! Was ist das für eine Art! Man grollt doch nicht wie ein Unwetter fern hinter den Bergen, wenn man zart und sanft gestreichelt wird. — Eine weite Wasserfläche. Hie und da schnellt ein neugieriger Fisch aus den Wellen. — „Wie schaut's denn da oben aus? Brrr! Trocken!" Und der Fisch fällt wieder zurück. Dort liegen zwei Jnselchen, wie Oeltropfen auf einem riesigen Suppenteller. Sie sind ziemlich weit voneinander entfernt; auf jeder Insel steht ein Mann. Sie müssen große Sprachrohre nehmen, wenn sie sich verständigen wollen. — „Halloh, halloh!" — „Halloh, hier die Teufelsinsel." — „Hier St. Helena." — „Wer spricht?" — „Hier Napoleon 1." — „Hier Capitain Treyfus." — „Habe die Ehre, Herr Collega! Wie gehr's?" — „Ich darcke; wie ich soeben aus dem Morgenblatte erfahren habe, geht es mir gut. Wie geht es Ihnen?" — „Ich danke, so ziemlich. Ein kleiner chronischer Schnupfen vom letzten russischen Feldzug — sonst fühl' ich mich ganz wohl." — „Das freut mich — kleiner Corporal!" — „Ich bitt' Sie, machen Sie keine schlechten Witze. Schauen Sie sich Ihre großen Generäle an, was das für Knirpse sind." — „Sie haben recht, die Franzosen von heute haben thatsächlich eine winzige Statur." — „Wenn meine Soldaten so klein und federleicht gewesen wären, so wären sie gewiss nicht in der Beresina eingebrochen — weil sie gar nicht bis zur Beresina gekommen wären." — „Ha, ha, ha! Famoser Witz!" — „Wann hoffen Sie wieder in Paris zu sein?" — „Ueber kurz oderlang!" — „Na also, viel Glück! — Sehen Sie, das kommt davon, wenn man bei der Artillerie dient; ich war auch bei der Artillerie. Habe die Ehre!" — ,^abe die Ehre." — — Es schneit. Die Bäume des kleinen Gehölzes neigen sich resigniert unter der weißen Flockenlast. Du mein Gott, was lässt sich da thun? Man muss sich die rohen Scherze des Winters, der sich so gerne mit Coriandoliwersen beschäftigt, gefallen lassen. Oben in der Luft schreit eine Krähe, unten auf dem Waldwege schreit ein Jude. Er wird von zwei Bauern misshandelt. Diese Thatsache enthält noch keinen Anhaltspunkt für die geographische Lage des Gehölzes. So etwas kann überall Vorkommen, wo Gehölze, Bauern und Juden sind. Ich muss mir die Kleidung der Personen, die in diese Idylle verwickelt sind, näher betrachten und ihrer Sprache einige Aufmerksamkeit schenken. — Ah so! — Galizien! — Endlich lassen die Bauern von dem Juden ab, und er hinkt, indem er sich verschiedene Körperstellen prüfend betastet, von dannen. Der ältere Bauer lehnt sich athemlos an eine Föhre, der jüngere hat sich erschöpft auf einen Baumstumpf gesetzt und zündet sich die Pfeife wieder an. Zwei gutmüthig dumme Gesichter. Der Raucher pafft und pafft und faltet dabei die Stirne, als würde er über ein ungemein schwieriges Problem Nachdenken. Nach einer Weile sagt er: „Du, warum haben wir eigentlich den Juden geprügelt?" Der ältere Bauer gähnt und sagt nach vier Minuten in schläfrigem Tone: „Ja. warum haben wir eigentlich den Juden geprügelt". — Halb Antwort, halb Frage. Ter jüngere Bauer schaut grübelnd in den Tabakdampf und sagt dann wieder eintönig: „Du, warum haben wir den Juden eigentlich geprügelt?"— Der ältere Bauer nickt phlegmatisch. Dann schweigen beide und sehen der Krähe zu, die am Waldwege im gefrorenen Pferdemist herumpickt. Der ältere Bauer bückt sich, greift einen Stein auf und schleudert ihn nach der Krähe. Sie fliegt erschreckt auf: „Tu", sagt der jüngere Bauer wieder in demselben schläfrigen Tone, „warum hast Du nach der Krähe geworfen Ter alle Bauer nickt und gähnt. Dann nimmt er aus einer Schuapsflasche einen Schluck. „Woher hast Du den Schnaps". „Gestern sind wir beim Juden eingebrochen." „Gib her. -- Du, nächstens wird der Ausnahmszustand aufgehoben. — Ter Lehrer hat mir's gesagl." „Was ist das?" „Ich weiß nicht. — Der Lehrer hat mir's gesagl." — Die hungerige Krähe war wieder auf den Waldweg zurückgeflogen. Ter alte Bauer ergriff wieder einen Stein und schleuderte ihn nach dem Vogel. — „Verdammtes' Rabenvieh!" Der