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Die Welt · 1898-12-23 · 51 (23.12.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
51 (23.12.1898)
Article
Judenthum und Romantik
Date
1898-12-23
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. M Leite 3 Romantik entgegenstellte. dem Panslavismus einen Panislamismus. Und endlich legte die politische Methode der Romantik die Hand auch auf jenes kleine orientalische Volk, mit welchem die literarhistorische Romantik ursprünglich begonnen hatte. Im strengsten Zeitalter der Aufklärung war man auf die Juden sehr schlecht zu sprechen, weil sich der Kampf gegen die christliche Kirche unwillkürlich auch auf das alte Testament übertrug. Man verdächtigte das Judenthum, um dadurch die Tochterreligion zu discreditieren, und namentlich Voltaire war in dieser mit antichristlichen Nebenabsichten verbundenen Polemik unermüdlich, so dass es seltsamlich genug anmuthet, wenn sich mancher Christlichsociale aus diesen Gewährsmann zu berusen wagt. Damals war die Bibel nur ein dogmatisches Buch, nicht mehr und nicht weniger, so dass der Antidogmatiker sie rücksichtslos bekämpfte, während der Dogmatiker ebenso rücksichtslos für sie eintrat. Erst der große Vorläufer der deutschen Romantik, Johann Gottfried Herder, lehrte die Bibel zunächst als eine glänzende und gewaltige orientalische Volksdichtung erkennen und würdigen. Aus diesem Wege ihm zu folgen, hatten die deutschen Romantiker umsomehr Anlass, als sie in ihrem späteren reactionären Stadium sehr lebhaft die mittelalterliche Kirche vertheidigten, die ja das alte Testament als eine ihrer Urkunden anerkannte. Nur war diese Vertheidigung der Bibel nicht mehr von dogmatischer, sondern von ästhetischer Art. Das Hauptgewicht wurde nicht mehr auf die Offenbarung gelegt, sondern auf das organische Wachsthum aus dem Volksboden heraus, auf das gewaltige orientalische Nationalgedicht. Allerdings suchte eine kluge und geschmeidige Dialectik alle diese, im Grunde „weltlichen" Eigenschaften des alten Testamentes in den Dienst der Kirche zu stellen, und das gelang zu Anfang wider alles Erwarten — durch die Schuld der Juden selbst. Damals glaubte man in den jüdischen Kreisen noch ganz und gar an die Möglichkeit einer absoluten Assimilation, leugnete jede jüdische Nationalität und schloss sich den kosmopolitischen Liberalen an, so dass von einer Benutzung der romantischen Anregung zu nationaljüdischen Zwecken schlechterdings nicht die Rede war. Trotzdem aber eroberte sich, gleichsam durch eine Hinterthüre, die Romantik dennoch das jüdische Volk. In ihrem Gefolge waren eine Fülle neuer wissenschaftlicher Disciplinen emporgekommen, die mit liebevollem Verständnis in die Geheimnisse entlegener Völker und Literaturen einzudringen strebten. Indien wurde entdeckt, der Islam systematisch durchgepstügt, die Zarathustra-Religion unter die Lupe genommen, die Spruchdichtung und Lyrik des Orients formgetreu in die europäischen Sprachen übertragen, und die nationale Philosophie, in Deutschland die Germanistik, zu erstaunlicher Blüte entwickelt. Von hier aus gab es für die deutschen Juden nur noch einen Schritt zur Begründung der sogenannten „Wissenschaft des Judenthums", die in Wahrheit nichts war, als die Proclamierung einer nationalen Philologie zu einer Zeit, wo man das Judenthum als Nation noch-hartnäckig leugnete. Das bedeutete einen ersten Sieg und eine erste Einwirkung der universalen Romantik über den Rationalismus des achtzehnten Jahrhunderts innerhalb des Judenthums. Als sich dann später universale Romantik und Liberalismus wechselseitig durchdrangen und zuerst in Griechenland, später in Deutschland und Italien, die Nationalbewegung erzeugten, da trat auch der erste deutsche Zionist auf, Moses Hess, der ausdrücklich, als Analogie zu einer ähnlich gearteten jüdtschen Bewegung, auf Deutschland und Italien hinwies und demnach als erster die von der Romantik ausgestreute Gedankensaat für das Judenthum fruchtbar zu machen suchte. Freilich konnten diese westlichen Bestrebungen für sich allein keine bleibenden Resultate zeitigen, und erst, als auch der jüdische Osten von diesen geistigen Wellenkreisen erfasst und um und um gerüttelt wurde, erwachten die Lehren der deutschen Romantiker auch für das Judenthum zu blühendem Leben. Wie die Wissenschaft des Judenthums ein jüdischer Ableger der Germanistik war, so der Zionismus ursprünglich ein Ableger des Panslavismus. Man muss es demnach aussprechen, dass die moderne national-jüdische Bewegung einen letzten Wellenkreis jener großen Flut bedeutet, die zu Ende des vorigen Jahrhunderts als universale Romantik mit elementarer Gewalt aus dem deutschen Leben herausbrach, nachdem ihr das ganze achtzehnte Jahrhundert mit seiner Annäherung von Orient und Occident, mit seinem ethnographischen Kosmopolitismus schon vorgearbeitet hatte. Aber allerdings, und zum Glück für die nationaljüdische Bewegung, war diese Romantik, als sie endlich auch unser Volk erfasste, in einer eigenthümlichen, ganz modernen Umbildung begriffen. (Schluss folgt.) W Der sraniülischr DHUosemitismus. Von Jacques Bahar. Die angemeffensten Berichterstatter über die jetzigen französischen Zustände dürsten eigentlich nur aus dem Fache der Nervenheilkunde geworben werden. Für meinen Theil würde ich mit voller Zuversicht diese Berichterstattung an Herrn Prof. Nothnagel oder Krafst-Ebbing abtreten: denn wenn man von der Zerknirschung der Clericalen aus die Läsionen der Hirnrinde der Clerisei selbst schließen müsste, so würde eine sehr wehmüthige Diagnose daraus entstehen. Genau wie Mac-Mahon, der „eigenfüßig" sich in den berühmten Trichter von Sedan stürzte und sich dort „rossbächern" ließ, begieng der Generalstab den gewaltigen Jrrthum, die Dreyfus-Affaire, welche doch nur mit Ach und Krach vonstatten gieng, durch die Verfolgung des Obersten P i c q u a r t zu verclericalisieren. Sonnt wurde denjenigen, welche sich seit Monaten nach einem ehrbaren — respective unjüdischen (!) Borwand sehnten, um sich der Sache der Gerechtigkeit anzuschließen. die willkommenste Gelegenheit dazu geboten. Stromweise liefen die Protestunterschristen zugunsten P i c q u a r t's bei allen Zeitungen ein — die Juden natürlich obenan. Ein Professor für Sanskrit am College de France, Herr Silvain Levy, schrieb tapfer, dass er niemals für D r e y s u s hatte eintreten wollen, weil derselbe ein Jude war, und er dessen Sache sicherlich geschadet hatte; -— aber für Picquart zaudere er keinen Augenblick. „Länger schweigen", setzte er hinzu, „wäre Feigheit." Ich konnte nicht umhin, dem Herrn zu schreiben, dass länger schweigen schon mehr Schamgefühl wäre. Durch diese Massenkundgebungen -und die täglichen Volksversammlungen wurden die Clericalen eingeschüchtert. In ihren Blättern wurde es bald mausestill, der Cassationshos schöpfte hieraus Muth und arbeitete wacker weiter. Inzwischen wurde die positive Entdeckung gemacht, dass der Lieferant E st e rh az y'S niemand anderer als Henry selbst gewesen war. R e i n a ch verösfemlichte es unter der Form der Jnducrion im „ SiedeDas benützten die Clericalen, um der Sache wieder einen jüdischen Anstrich zu geben, indem sie Frau Henry dazu bewogen, Rein ach wegen Ehrverletzung zu verklagen. Die Klage ist juridisch unzulässig, weil das Gesetz nur die Absicht, die Hinterbliebenen zu beeinträchtigen, bei der Andenkenschändung der Todten im Auge hat, was hier aber nicht zurrifft. Das wissen die Clericalen sehr wohl, und speciell die Familie der Frau Henry, welche dieselbe scharf getadelt hat, dass sie sich zu solcher Posie hergegeben habe; — denn diese Familie ist dreysusistisch. Allein daraus kam es bei den Clericalen ni-cht an — sie brauchten eben eine Gegenkundgebung, um die Tausende von Unterschriften zugunsten P i c q u a r t s zu vernichten. Binnen f> Tagen sammelte die „Libro Paroie"

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