Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 51 (23.12.1898)
- Article
- Judenthum und Romantik
- Date
- 1898-12-23
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315794-3365132--09675-3365247- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9tr. Ijeite -5 wurde Nordamerika begründet, damals tauchte China im geistigen Gesichtskreise Europas auf und begann Centralasten die gefährliche Aufmerksamkeit der russischen Politiker langsam zu erwecken. Gleichzeitig gerieth das Fundament der europäischen Gesellschaft durch die messerscharfe Kritik der Aufklärer in Erschütterung, und die zahllosen Unzufriedenen jener Tage schauten nach anderen Ländern und Völkern aus, um zu beweisen, dass die Wilden doch eigentlich bessere Menschen wären. Mit den europäischen Herren, Gesandtschaften und Missionen zogen wissenschaftlich dilletierende Abenteurer aus, welche theilweise Uebcrsetzungen des Zend-Avesta, der indischen Vedas und der arabischen Märchensammlung „Tausend und eine Nacht" nach Europa mit hinüberbrachten. Dadurch trat der Orient dem gebildeten Europa wieder näher, und was aus alter Zeit an orientalischen Bildungselementen zurückgeblieben war, erschien nun urplötzlich in einem ganz neuen Lichte. Aufgeklärte und feingeistige Theologen, wie Michaelis und Herder, betrachteten die Bibel nun nicht mehr als ein abstractes Religionsbuch, sondern als ein nationaljüdisches Heldengedicht. Gleichzeitig schilderten die großen Reifeschilderer Förster und Raynal in idyllischen Farben das Leben der Südsee und vermehrten dadurch dieNatur' undMenschheitsschwärmerei,die als ersterRouffeau entfachte. Dieser Humanitätsgedanke, der erwachsen war aus der Thatsache, dass die Scheidewand zwischen den Völkern und Continenten zu Fall kam, gewann freilich zuletzt eine so abstracte, allgemeine Formulierung, dass man in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die concreten ethnographischen Unterlagen dieses Gedankens völlig vergessen hatte. Erst die Romantiker nahmen diese abgerissenen Fäden wieder aus, wandten sich wieder dem Orient und dem fremden Völkerleben zu, wobei es ihnen zugute kam, dass die Literatur der classischen Zeit den ästhetischen Blick der deutschen geschärft und die Methoden wissenschaftlicher Forschung unendlich verfeinert hatte. Nun erst erkannte man die Fülle Indiens, die anmuthige Phantastik Arabiens, die todtenstarre Strenge Aegyptens, die Sittenstrenge und Gottessehnfucht Judäas. Außerdem wurden die politischen und commerciellen Fäden, die den Orient und Occident umwanden, immer fester und unzerreißlicher. England consolidierte sich in Indien, Napoleon zog nach Aegypten mit einem ganzen Stab von Gelehrten, und die wechselseitigen Uebersetzungen, der steigende geistige Verkehr nahmen einen immer größeren Umfang an. Die Romantik leitete alle diese Ströme in ihr Bett, sie befleißigte sich einer ungeheuren Religions¬ und Sprachmengerei und schien ein Seitenstück zum uralten Thurmbau zu Babel abgeben zu wollen. Da abertrat ein Ereignis ein, welches die Romantik in ihren Grundoesten erschütterte und sie aus dem universalen in das nationale Gebiet hinüberschleuderte. Nach der Schlacht bei Jena brach das alte deutsche Reich unter den fürchterlichen Schlägen des Corsen sterbend zusammen, und das gerade in einer Zeit, wo das deutsche Geistesleben im Zenith stand, wo es sich im jahrzentelangen Kampfe von dem übermächtigen französischen Cultureinfluye glänzend befreit hatte und zum Jkarusflug in die Sonne fröhlich die Schwingen regte. Und nun musste man erfahren, dass diese geistig und einst aus dem Schlachtfelde von Rossbach auch materiell überwundenen Franzosen wieder als hochmüthige, triumphierende Sieger durch das deutsche Gefilde ritten, und dass vor dem Hauch ihres Mundes uralte Reichsinstitutionen morsch zusammenbrachen. Diese furchtbare Erfahrung musste besonders auf die Literatur zurückwirken, die ja'so stolz gewesen war auf ihre Siege über den französischen Einfluss. Der romantische Universalismus brach zusammen, und die romantische Deutschthümelei schoss üppig in die Halme. Nun galt es nicht mehr, die concrete Unterlage für den Begriff „Gesammtmenschheit" herbeizuschaffen, sondern nur für den Begriff „deutsch-national." Dabei aber blieben die Romantiker doch ihrem alten Einheitsgedanken treu ergeben. Während sie früher die Verschiedenheiten des Raumes und der Zeit für die gesammte Menschheit aufgehoben hatten, indem sie aus aller Herren Ländern und aus allen Jahrhunderten culturhistorischen Stoff herbeischleppten, um durch Vergleiche das ewig Menschliche herauszuspüren, so thaten sie nun ein Aehnliches für das deutsche Volk und das ewig Deutsche. Sie entdeckten, dass es für einen historisch emporgekeimten Volksorganismus eigentlich keinen Unterschied zwischen Gegenwart und Vergangenheit gäbe, da sich ja doch der Nationalcharakter zu allen Zeiten in seinen Grundzügen wesentlich gleich bleibt. Wenn Deutschland in früheren Jahrhunderten unter den fränkischen und schwäbischen Kaisern an der Spitze Europas stand, so war nicht abzusehen, warum solche Tage nicht wiederkehren sollten, da ja der deutsche Volkscharakter der gleiche geblieben war. Freilich begiengen die Romantiker einen verhängnisvollen Jrrthum, indem sie den ewigen Grundkern der nationalen Natur mit seinen wechselnden zeitlichen Schalen verwechselten. Wenn sie auch nicht gerade verlangten, dass der Soldat der Freiheitskriege in Panzer und Helmsturz, mit der Lanze in der Faust, in die Reihen der „Welschen" zu ritterlichem Zweikampf einsprengen sollte, so suchten sie doch in socialer Beziehung mittelalterliche Institutionen, die schlechterdings todt waren, wieder zu beleben und gaben dadurch nachmals zu schweren Krisen und Revolutionen Veranlassung. Doch für den Anfang wirkte ihre Methode nur segensreich. Indem sie den Vorhang von einer glänzenden Vergangenheit wegzogen und einem entmuthigten, entwurzelten Geschlechts zuriefen: „Das bist Du selbst, das ist Fleisch von Deinem Fleisch", erfüllten sie die Herzen mit Feuer und Heldenstarke und führten die Epoche der Freiheitskriege herauf, welche der napoleonischen Herrlichkeit ein Ende mit Schrecken bereiteten. Die einst so universale Romantik schien ganz und gar im engsten Nationalismus und selbst Chauvinismus ausgemündet zu sein. Aber dieser Schein trog. Napoleon wollte ja allerdings eine Universalmonarchie errichten, aber keine menschheitliche, nur eine französische Universalmonarchie. Ein kleiner, winzig kleiner Bruchtheil sollte seine Cultur und Lebensführung, wenn nicht dem gesammten Erdball, so doch zum mindesten dem gesammten Europa aufzwingen. Darum war es nicht nur im nationalen, sondern in wahrhaft universalen Geiste gehandelt, wenn die deutschen Romantiker das napoleonische Joch zerbrachen. Nun war wieder die Bahn frei für die vergleichende Methode zugunsten der Gesammtmenschheit. Freilich war seit den Freiheitskriegen diese Methode aus den Studierstuben in ■ das praktische Leben übergetreten, und andere Nationen begannen es den Deutschen nachzumachen. Ohne Romantik und Vergangenheitsschwärmerei hätte Griechenland sich nicht erhoben, hätte Polen nicht fortwährend nach seiner Befreiung gerungen, hätte sich Russland nicht aus einem Kunstproduct des achtzehnten Jahrhunderts unter Nikolai Pawlowitsch zu einem wahren Nationalstaat umgewandelt, hätten endlich Deutschland und Italien sich nicht zu einheitlichen Großmächten zusammengeschlossen. Damit aber war die Wirksamkeit der universalen Romantik noch lange nicht erschöpft, sondern griff nunmehr erst, den Bahnen der europäischen Diplomatie sich anschmiegend, nach dem Orient hinüber. Schon die Nationalitätswirren in Oesterreich, das Wiedererwachen der Czechen, Slovenen und Croaten, die gesteigerte Empfindlichkeit der Deutschen und Magyaren, kommt auf Rechnung der Romantik und einer Vergangenheitsschwärmerei, die Prophetenblicke in die Zukunft wirst. Die mohammedanische Welt versuchte es durch Homöopathie, indem sie der christlichen eine türkische