Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 50 (16.12.1898)
- Article
- David Levi, ein italienischer Dichterveteran
- Date
- 1898-12-16
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315793-3364939--09548-3365059- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
jtaCriwr Nr. bO Dichter gleich vielen arLeren Patrioten, die bis dahin in freiwilliger Verbannung gelebt hatten, in die Heimat zurückzukehreu, in welcher er sofort eine rege, journalistische Tätigkeit entfaltete. Als in dem „großen Jahre" 1848 die Lombardei und Venedig, ermuthigt durch den glücklichen Ausgang der Revolution von Palermo und Paris und ganz besonders durch die Nachrichten von den ersten Verlegenheiten, in denen sich die österreichische Regierung damals befand, und von den Zugeständnisien, zu denen sie sich infolge des Wiener Volksaufstandes hatte verstehen müsien, sich gegen die österreichische Herrschaft erhoben, griff Levi, der uns an Theodor Körner gemahnt, zu Leier und Schwert. Seinem Hymnus auf die Revolution von Palermo ließ er einen Kriegsgesaug „L’Italiana“ folgen, der von Toronini in Musik gesetzt, als eine Art italienischer Marseillaise, mit großem Beifall ausgenommen und vielfach gesungen wurde. Als nach dem Siege der Aufständischen und dem Rückzuge der österreichischen Besatzung die Böller Italiens unter den Auspicien des Papstes sich gleich gewaltigen Bergströmen in die lombardische Ebene ergoffen, veröffentlichte Levi, dem das Herz in der Erwartung des sicheren Sieges höher schlug, eine Sammlung von Gedichten unter dem Titel „Patria ed Afietti“. In der Einleitung begrüßt er freudig die neue Zeit und die Morgenröthe der Freiheit, die für das Vaterland angebrochen ist. Er sieht die Träume seiner ersten Jügendjahre in Erfüllung gehen. Der Sieg kann verzögert werden, aber nicht ausbleiben, denn wenn eine Nation will, gibt es keine menschliche Macht, die etwas gegen sie auszurichten vermöchte; wenn der Geist der Freiheit sich eines Volkes bemächtigt hat, wer könnte seinem gewaltigen Vordringen Einhalt thun? Wird es aber gelingen, den Traum der Jahrhunderte von einem freien und einigen Italien zu verwirklichen? Gewiss wird es dazu noch langer Zeit bedürfen, denn sellen oder niemals gelangt die Idee auf dem geradesten und kürzesten Wege zur Erfüllung. Die Wirklichkeit hat ihre Ansprüche, das praktische Leben fordert seine Opfer und der Erfolg feine Zugeständniffe. Allein das Ziel muss fest im Auge behalten werden. Einigkeit sei daher das Losungswort jedes guten Italieners. Levi's Siegeszuversicht erwies sich indes als trügerisch. Die italienischen Streitkräste unterlagen der Uebermacht der von Radetzky geführten österreichischen Truppen, welche in kurzer Zeit die Lombardei und Venedig wieder eroberten. Vergebens versuchte Carl Albert im März 1849 noch einmal das Waffenglück; durch die Schlacht bei Novara war der Krieg endgiltig zugunsten Oesterreichs entschieden. Die Folge davon war, dass sich in ganz Italien mit Ausnahme Piemonts, wo an Stelle des nach Portugal entflohenen Carl Albert der junge Victor Emanuel den Thron bestiegen hatte, die Reaction wieder breit machte. Die schmerzliche Enttäuschung, mit der die Liberalen' das so heißersehnte und so uahegeglaubte Ziel wieder in weite Ferne gerückt sahen, vermochte jedoch dem Dichter nicht die Hoffnnng auf den endlichen Sieg seiner Ideale zu rauben. Und um seine Landsleute zur Ausdauer anzufenern, schrieb er das Drama „Die Märtyrer von Neapel im Jahre 1799", welches in Turin wiederholt mit großem Erfolge aufgeführt wurde. Er gründete ferner im Vereine mit La Farina und Giorgio Pallavicini die „Nationale Bereinigung", welche bald der Brennpunkt für die Einheitsbestrebungen aller Liberalen wurde. Als im Jahre 1859 Italien neuerdings gegen Oesterreich Krieg führte, veröffentlichte er unter dem Titel „Msrtirio 6 Bedenzione“ eine Sammlung patriotischer Gesänge, welche Garibaldi gewidmet ist und mit einem Kriegsliede beginnt, das bereits vorher für die von Garibaldi befehligte Freiwilligen-Legion gedichtet und auf desien Beranlaffung in Musik gesetzt worden war. Den Sieg der Verbündeten begrüßte er mit einer neuen Sammlung patriotischer Gesänge, die er unter dem bezeichnenden Titel „Von Novara nach Magenta" herausgab. 1860 wurde er in das Parlament gewähtt. Hier trat er in enge freundschaftliche Beziehungen zu Ratazzi und Cavour, welch' letzterer ihn wiederholt mit wichtigen politischen Miffionen betraute. In der denkwürdigen März-Sitzung, in welcher Cavour zum erstenmal öffentlich Rom als zukünftige Hauptstadt Italiens proclamierte, betonte Levi die Nothwendigkeit, dem festgefügten kirchlichen Organismus einen einheitlichen Staatsorganismus gegenüberzustellen, der, seiner eigenen Kraft und seines eigenen Rechtes bewusst, kein anderes Gesetz über sich anerkenne, als das der ewigen Gerechtigkeit, und kein anderes Ziel habe, als die Wohlfahrt aller seiner Bürger. Es versteht sich von selbst, dass er sich als warmer Fürsprecher der Arbeiter und der Armen hervorthat. So brachte er 1862 einen Antrag auf Adoptierung der Kinder der im Kampfe gegen das Brigantenthum in Süditalien gefallenen Soldaten durch den Staat ein. Ebenso selbstverständlich ist es, dass er ein eifriger Anwalt der Jntereffen seiner Glaubensgenoffen war. Als solcher trat er für die einheitliche Regelung der Verfaffung aller israelitischen Gemeinden Italiens ein, deren Bestand und Autonomie er sichergestellt wiffen wollte. Als die römische Frage eine brennende wurde, veröffentlichte er in rascher Folge zwei Schriften, in denen er mit philosophischen Argumenten darzuthun suchte, dass die Fortdauer der weltlichen Herrschaft des Papstes sowohl für den Staat, als auch für den Katholicismus selbst, verderblich sei. Beide Schriften wurden von der päpstlichen Censur auf den Index gesetzt. Und doch hatte schon lange vor ihm . ein Jesuit, der Cardinal Bellarmin, das große Wort gelassen ausgesprochen, dass es an sich bester wäre, wenn die Päpste sich bloß mit den geistlichen Dingen und die Könige nur mit den weltlichen befaffen würden. Der Freimuth, mit dem Levi allen Liberalen aus der Seele redete, und namentlich seine scharfe Bekämpfung der September-Convention mit Frankreich, nach der Rom päpstlich bleiben und die Hauptstadt Italiens nach Florenz verlegt werden sollte, hatte für ihn den Verlust des Mandates zur Folge. Die Muße, die er nun genoss, benützte er zur Abfaffunz seiner gedankentiefen Selbstbiographie und zur Umarbeitung und Vollendung seines bereits in Venedig entworfenen dramatischen Hauptwerkes „II Profeta“, dessen tragischer Held der Methusalem unter den Völkern, Israel, ist, das gewiffermaßen den bleibenden Pol in des Erscheinungen Flucht bildet, gleich einer Ceutralachse die ganze Geschichte der Menschheit von deren einem Ende bis zum anderen durchläuft, trotz seines hohen Alters und seiner unzähligen Martyrien sich feine Jugendfrische bewahrt hat und nach jeder Katastrophe heller und glänzender als früher strahlt, weil es in ihr und durch sie sich immer wieder findet, sich der Eigenart seines hehren Lebensinhaltes inne wird und vermöge dieser Selbsterkenntnis sich von den ihm anhaftenden Schlacken reinigt. Es ist eben der Träger des Menfchheitsideals, welches trotz aller scheinbaren Niederlagen stetig die Natur umgestaltet. Der Dichter sieht den jüdischen Volksgeist in seinem schmerzvollen Ringen nach Läuterung und Selbstvervollkommnung am reinsten in dem Propheten I e r e m i a verkörpert, welcher in der That der größte tragische Charakter ist, den die Geschichte aufzuweisen hat, da er schuldlos leidet, nicht für sich, sondern für sein Volk leidet. Dazu kommt, dass die eigentliche Tragik seines Lebens nicht in seinen persönlichen Leiden, sondern in dem innigen Mitleid mit seinem Volke besteht, dessen selbstverschuldetes, jammervolles Schicksal er voraussieht und doch nicht abwenden kann, weil Israel trotz seiner eindringlichen Bitten und Drohungen nicht auf ihn hören, sich nicht bessern will. Im Jahre 1877 wurde Levi abermals in das Parlament gewählt. Als er jedoch bei den nächsten Wahlen im Kampfe gegen die clericale Partei unterlag, zog er sich definitiv von dem öffentlichen Schauplatze zurück und lebte fortan ausschließlich seinen literarischen Neigungen. In diese Zeit fallen die Werke: „La Mente di Michelangelo“ und „G-iordäno Bruno“, von denen das erstere bald nach seinem Erscheinen ins Französische übersetzt und von dem französichen Unterrichtsministerium „wegen der vielen neuen und originellen Ideen, die es enthalte," den Kunstakademikern zur Lectüre