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Die Welt · 1898-12-09 · 49 (9.12.1898) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
49 (9.12.1898)
Article
Jüdische Turnvereine
Date
1898-12-09
Page
10 (sequence 3)
Language
German
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Seite 10 Sfr. 49 Berliner Rabbinerverhältnisse betone ich: kein Ungar). Gleich als der junge Verein seine Augen öffnete, begab sich ein Wunder: der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde, die geistigen Nachfolger David Friedländers, die die Juden doch dümmer und stärker machen sollen, versagte die Turnhalle der jüdischen Schule. Wäre der jüdische Turnverein „Bar Kochba" aber ein christlicher — halt, Bauer, das ist was anders. Nun, wir ärgern uns zwar — aber wir haben doch unsere Freude. Wir freuen uns des Tages, da wir endlich einmal den ganzen rationalistischen Krempel über den Haufen werfen werden, da jene Sippe, die im Amt jede freie jüdische Regung zu erdrücken sucht, dahin geschafft ist, wo sie längst hingehören: znm Taufbecken. Wir wanken nicht. 2ticht rasten und nicht rosten, und dazu soll uns die Turnerei verhelfen. Der Anfang ist gemacht. Vivant ssciueutes'. P Jüdisches Elend. Dem Warschauer ..Ixi-nslitn" schreibt man: „Es ist nicht lange her seit der Zeit, wo in christlichen Kreisen jeder Jude als reicher Eapitalist galt, wo die Spalten der antisemitischen Presse mit schauerlichen Fabeln vom jüdischen Reichthum überfüllt waren. Auch jetzt noch herrscht ja in der großen Volksmasse die feste Ueberzeugung, dass jeder Pächter oder Makler im Besitze von ungeheuren geheimen Goldschätzen sei. Oft gibt dies Anlasszu Raub und Plünderung von Juden, oft sogar entstehen infolge des die Leidenschaft der Menge aufreizenden Märchens von den zahlreichen jüdischen Krösussen Excesse und feindselige Bewegungen. Die gebildeteren Elasten jedoch und Leute, welche die Dinge nüchterner beurtheilen, haben längst ihre Meinung von dem „Reichthum Israels" geändert. Das jüdische Elend wird immer auffallender und greifbarer : es lugt aus allen Ecken hervor, dringt in Kreise, wo es bisher ganz unbekannt war, schreitet mächtig vor in besorgniserregend raschem Tempo. Eine große Anzahl bis vor kurzem noch wohlhabender jüdischer Familien befindet sich in schwerem Verzweiflungskampfe für die Fristung einer elenden Existenz. Die schwierigen Existenzbedingungen üben einen niederdrückenden Einfluss aus auf jüdische Arbeit und Production, in dem engen Rahmen des Ansiedlungsrayons wird es immer drückender, die vom wüthigen Daseinskämpfe erfassten Leute entreißen einander in brutaler Weise die Erwerbsmittel, um sich nur erhalten, um nur ihre Familien ernähren zu können. Furchtbar sind die Verhältnisse, um so furchtbarer, als dies kein übertriebenes Bild der Phantasie ist, sondern traurige nüchterne Wahrheit. Die größten Judenfeinde, die fanatischestenAnhänger der Verfolgungslehren erkennen die Thatsache von der unter den jüdischen Masten um sich greifenden furchtbaren Noth an. Es ist dies ein trauriger Trost, aber immerhin der sicherste Gradmesser für die Wirklichkeit der gefährlichen Erscheinung. Die russische Presse lenkt immer häufiger die Aufmerksamkeit auf diese traurige Thatsache. Letzthin eitierte die Ehronik des „Woschod" zwei solcher Stimmen: „In Wilna, einer Gegend des Ansiedlungsrayons—schreibt Pruzanski in ..Syn. Otieczest\va~ — gibt es so viele Krämer, dass es fast den Anschein hat, dass ihrer fünf auf jeden einzelnen Einwohner entfallen. Unter solchen Umständen müffen Handel und Gewerbe naturgemäß an Noth grenzen, häufig mit derselben identisch sein. In den in verschiedenen Gässchen zu Hunderten befindlichen Läden gibt es fast keine Ware — zwei Pfund alter Nägel, ein zerbrochenes Hufeisen, ein paar verrostete Schlüssel — darin besteht das ganze „Warenlager". Daselbst tummeln sich dicht nebeneinander in Fetzen gehüllte Weiber mit Körben, die kaum für einige Groschen Bretzeln und Brotkuchcn enthalten. Das ist nicht mehr Armut — das ist die äußerste Noth. Wilna hat auch seine „Reichen", jene typischen „reichen Juden", von denen das Volkssprichwort sagt, dass man die Hälfle von dein glauben könne, was über ihre Capitalien erzählt werde, dass sie aber in Wirklichkeit nicht einmal den dritten Theil davon besäßen. Der Mangel an Bildung, die Unfähigkeit, das Capital productiv zu verwerten, vor allem aber die allgemeine Noth zwingt auch die Kleinsten, sich des Credites zu bedienen, ohne Rückflcht auf dessen Kosten und Bedingungen. Dies sind die Factoren, welche die „Reichen" zur Beschäftigung mit Wucher treiben, zu der einzigen Beschäftigung, die ihrer ethischen und geistigen Entwicklungsstufe zugänglich ist." Das zweite Bild ist einem im ..Xieckieli" aus Mohilew veröffentlichten Briefe entnommen: „An allem haftet der Stempel des Elends, der Finsternis und der Unterdrückung. Haufen von Juden irren tagelang wie Schattenbilder in den Straßen umher, im hastigen Jagen nach dem Erwerbe von wenigen Groschen, um nur nicht mit leeren Händen nach Hause zurückzukehren. Die zwangsweise Anhäufung von Mafien an bestimmten Orten ruft eine vernichtende Concurrenz hervor. Tausende von Leuten ohne jeden bestimmten Beruf sind nicht imstande anzugeben, wovon sie eigentlich leben. Es setzen sich da die mannigfachsten Krankheiten fest infolge schlechter Nahrung und feuchter Wohnungen, deren Luft mit Miasmen gefüllt ist." In dieser Weise wird das jüdische Elend von ganz objectiven Blättern beschrieben, die nur den Grundsätzen der Wahrheit und des Rechtes gehorchen. Diese Bilder erregen einen Schauer im Herzen des Lesers, es wirft sich die grauenvolle Frage auf, was denn die Zukunft bringen werde, was geschehen werde, wenn die Bedingungen nicht geändert werden, und das Elend immer weitere Kreise der jüdischen Bevölkerung umfassen werde. Horribile intellectu. Was fruchten die Versuche von Selbsthilfe unter den Juden, welche ist der letzten Zeit sich in der Gründung von jüdischen Armeninstituten äußern? Tie Zahl der Hilfsbedürftigen wächst rasch und unaufhörlich, der Kreis der Helfenden wird immer enger und kleiner . . . Die philanthropische Thätigkeit einzelner reicher Juden kann dem Massenelend nicht abhelfen, kann die allgemeine Gefahr der allgemeinen Verarmung nicht aufhalten . . . Eine Aenderung der gegenwärtigen Lage kann nur durch die Aenderung der Bedingungen herbeigeführt werden, unter welchen diese Mafien leben." P Meltchromk. Ein Buch des deutsche« Kaisers. Wie die deutschen Blätter melden, gedenkt Kaiser WÜHelm über die Reise nach Palästina ein Buch zu veröffentlichen. Aus dem schwarze» Welttheil. In Algier stehen neue judenfeindliche Ueberraschungen täglich in Aussicht. Der neue Stadttath hat unter dem Vorsitze seines Bürgermeisters Max R e g i § schon den Rabbinern den Besuch der Schlachthäuser untersagt; auch hat er der Polizei Bejehl gegeben, den Ruf: „Nieder mit den Juden!" zu überhören; er gilt nicht länger für aufrührerisch. Max R''gis legte kürzlich seine Haltung den Juden und' der Regierung gegenüber in öffentlicher Rede dar. Auf dem Velodrom zu Mustapha, wo sich an 10.000 Personen versammelt hatten, ward ihm eine große Huldigung zutheil; eine Abordnung von Damen aus Algier, Mustapha und Saint Eugene verehrte ihm eine dreifarbige Schärpe, sowie seine und seines Bruders B ü st e; er dankte und fügte hinzu, dass er nicht rasten werde, bis er die antijüdische Fahne auf den Trümmern der jüdischen Basttlleu aufgepflanzt habe; wenn die Regierung ihm nicht folgen wolle, so werde er sie dazu zwingen. Zugleich krttisierte er die Haltung des Statthalters Laferriere, der weder zu dem Feste gekommen sei, noch sich habe entschuldigen laffen. Der zartfühlende Regis empfindet nicht die starke Zumuthung, die darin liegt, dass der Statthalter einer Kundgebung gegen die Juden beiwohnen soll, zumal jetzt, da sein Sohn am Typhus gestorben und seine Tochter sich noch zwischen Leben und Tod befindet. ,,Oixi." Aufsehen erregt ein Artikel, der aus der bewährten Feder des bekannten Schriftstellers und Uhlanen Esterhazy im Londoner „Observer1* erschien und mit dem Pseudonym „Dm-4 unterzeichnet ist. In dem Arttkel wird angeführt, dass die Schriftstücke des geheimen Dossiers sämmtlich falsch sind und dass für dieselben ungeheure Summen bezahlt worden seien. Die Blätter besprechen diesen Arttkel sehr lebhaft. Die zahlreichen Andenken an die Palästinafahrt des deutschen Kaisers sind im Hohenzollern-Museum auf Schloss Monbijou untergebracht. Es sind namentlich die Ehrengeschenke, die von Behörden und Corporattoneu dem Kaiserpaare überreicht wurden. In das Museum kam auch die hebräisch geschriebene Adreffe auf einer weißen Seidenrolle, die von der jüdischen Gemeinde gewidmet wurde und eine Mappe mit Photographischen Ansichten der jüdischen Colonien in Palästina. Der deutsche Kaiser hat jüngst das Museum besucht und die dort untergebrachten Stücke in Augenschein genommen.

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