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Die Welt · 1898-12-09 · 49 (9.12.1898) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
49 (9.12.1898)
Article
Jüdische Turnvereine
Date
1898-12-09
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Ätr. 49 WdC Seite 9 diese ulkige Anschauung sogar gedruckt niedergelegt — die Juden lassen etwas von ihrer Religion, die Christen etwas von ihren Grundlehren ab; ein allgemeiner Boden für die Verständigung und den Frieden ist gegeben und — wie der Berliner zu sagen pflegt — fertig ist die Laube. Alles andere findet sich dann von selbst. Und das andere? David Friedländer — das muss ihm der Neid lasten — einer der ruhigsten, klügsten und fernblickendsten Heiligen aus der Reformzeit, sprach es mit nüchternen Worten aus: »In die bürgerliche Gesellschaft ausgenommen, würde der Jude dümmer und stärker werden.' Hat nun die Judenheit gehalten, was Friedländer versprochen hat? Wenn die Fortsetzer seiner Verdummungsarbeit, die officiellen Vertreter seiner Institutionen, die Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinden als Exempel genommen würden, dann können wir mit einem weithinaustönenden I a antworten. Sie haben's geschafft. Sie find erschrecklich dümmer geworden. Und durch ein kleines Missverstehen der Forderungen haben sie auch das Zweite erreicht: sie sind zwar nicht stärker — aber dafür dicker geworden. Wie aber steht es um die jüdische Gesammtheit? Das neunzehnte Jahrhundert hat seine Spuren auch bei uns Hinterlasten. Der Geist der von Dampf und Elektricität getriebenen eisernen Koloste, er spricht auch zu unS. Das Leben huscht schneller dahin, und auch wir müssen dem wilden Schritte folgen. Umgestaltet wie die anderen Menschen wurden auch wir. Aber die neue Entwicklung hat in uns nur den alten Juden weitergeführt. Alte Schwächen, früher latent, sind jetzt hervorgetreten. Wir sind nicht stärker geworden Die Jahrhunderte des Ghettos mit all ihren Folterqualen, der stehenden Ungewissheit, was an Uebeln der neue Tag bringen werde, haben die Nerven zerrieben. Und die neue Zeit, der Kampf ums Dasein, hat die Juden schneller, leichter als die übrigen zu einem unsteten Volke von Neurasthenikern gemacht. Ein Heer von Krankheiten, zwar alte Feinde von uns, haben nun den Siegeszug in den jüdischen Masten angetreten. Die Folgen der Civilisation — man denke an das geistreiche Wort Krafft-Ebings — haben ungleich tiefere uud gefährlichere Wunden unserem Volksorganismus geschlagen. Das lehren erschreckend unsere modernen Psychiater. Und geistig? Gottlob,' wir sind die Alten noch. Noch regt sich die jüdische Intelligenz; noch schaffen unsere Dichter und Denker; noch sind unsere Brüder empfänglich für Gedanken und Weisheitslehren. Der jüdische Geist lebt noch im sprudelnden Feuerweck des Witzes. Friedländer hat sich arg verrechnet. Mit uns kämpfen selbst die Götter — nicht vergeblich. Im Gegentheil. Das normale Verhältnis zwischen Körper und Geist fehlt den Juden. Es ist ein erschreckendes Ueberwiegen der Geistigkeit bei den Juden die Norm. Leicht ecklärlich durch die ganze Erziehungsrichtung, die Schule und Leben dem jüdischem Jüngling und Manne gaben und geben. Die mangelnde Bewegungsfreiheit fesselte ihn an sein enges Gemach. Das Haus ist seine Burg. Wie sich hier die edelsten Triebe der Gesittung, Familiensinn, Eltern- und Kindesliebe bei dem Aufeinanderangewiesensein enrwickeln müssten, so müsste natürlich — zumal bei der Bolksanlage und der jüdischen Tradition — die Pflege der Wistenschasten, das Studium der Lehre ihre schönsten Blüten treiben in dieser Einsamkeit und Stille. Lernen und den Geist üben in der „Fcchterschule" des Talmud — das war die Muße nach den Mühen des Tages, der Woche. Der höchste Stolz der Eltern waren kluge Kinder; ihr kostbarstes Gut denkstarke Söhne. Und wenn auch heule vieles anders geworden, die Freude an gebildeten Kindern charakterisiert mehr denn bei anderen Völkern die jüdischen Eltern. Die Pflege des Geistes und Bildung ist selbst beim ärmsten Juden das Ziel seiner Erziehungskunst, btr Gegenstand seiner Sehnsucht. Es ist statistisch erwiesen, dass ein gewalttger — ein erschreckend hoher — Procentsatz der „Wunderkinder" Juden sind. Und es ist nicht eine der schlechtesten Bemeckungen unserer Gegner, dass man Christenkinder nicht mit Judenkindern veckehren lasse, weil sie zu frühreif keine Jugend und keine Freude besäßen. Was uns fehlt, ist Jugend, Freude, Natur. Unser Geist ist geschraubt, nicht geradlinig. Unser Sparsinn hat einen Stich ins Spitzfindige. Der Zweifel, oft freilich der Anreiz zum Fori.' schritt, ist bei uns stationär geworden. Wir setzen nach jedem Gedanken — meist schon davor — ein Fragezeichen. Ein Dialog in jüdisch-deutscher Mundart geführt, lehrt das eindringlichst. Jubelnde, übcrschäumende Lust ist uns ein Fernes: aus den unendlich zahlreichen Melodien, die wir im Laufe der Jahrhunderte gehört, sind nur die melancholisch-düstern in unser Besitzthum übergegangen. Das neunzehnte Jahrhundert hat darin keinen Wandel geschaffen: es hat unfern Volksorganismus noch mehr zerfreffen. Selbst unsere ethischen Qualitäten, Geradheit des Sinnes, Offenheit, Glaubensmuth, Dulderstärke, Stolzgefühl und Selbstachtung, sie ziehen von uns. Hier setzt der Zionismus ein, unser Zionismus, der mehr ist als ein Königspielen, ein Ministerpostenvertheilen, wie sich die „vielgewandte" oberflächliche Nahida Ruth Lazarus, die in romantischem Dusel zum Judenthum floh, wohl vorstellen mag. Der Zionismus ist die physische und sittliche Regeneration unseres Volkes. . Wenn das alte Lateinerwort seinen inneren Wert noch nicht verloren hat, dass nur in gesundem Leibe ein gesunder Geist wächst, so ist uns der Weg gezeichnet. Profeffor Mandelstamm — ein Mann, dessen wissenschaftliche Arbeiten gelehrt, dass er beobachten, dass er eine Diagnose stellen kann — sprach cs aus, was uns Noth thut: Turnen. Aus dem gebeugten Körper muss die bucklige Seele heraus... Es war die Zeit tiefsten Niederganges für Deutschland. Alle Eigenheit hatte der gewaltige Korse zertreten. Seine eiserne Faust hielt die Nationen im Zaume. Jede freie Regung war erstickt. Der Knechtsinn und die Heuchelei feierten ihre Triumphe. Da trat ein Mann aus, der ein Mittel zur Neuerstackung nationalen Sinnes wusste: Friedrich Jahn. Man lächelte im besten Falle über sein Treiben. Er aber behielt Recht. Erst gerade gehen, dann gerade denken lernen. „Die Turnkunst — so sagt er einmal — soll die verloren gegangene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung wieder Herstellen, der bloß einseitigen Vergeistung die wahre Leibhaftigkeit zuordnen; der Ueberfeinerung in der wiedergcwonnenen Mannhaftigkeit das nothwendige Gegengewicht geben und im jugendlichen Zusammenleben den ganzen Menschen umfassen und wiedergeben." Und an anderer Stelle sagt er dann: „Das Turnen erweckt alle schlummernden Kräfte, verleiht Selbstvertrauen und Zuversicht, die den Muth niemals im Elend lassen. Er bringt das Wollen durch die Jrrgänge der Willelei zum folgerechten Willen, zum Aus harren, worin aller Sieg ruh t." Diese goldenen Worte — mir ist es, als hätte sic Jahn nicht vor neunzig Jahren und nicht zu den Deutschen gesprochen. Als lebte er unter uns und sähe unser Leid und zergte uns einen Heilsweg. Neubelebung nationalen Sinnes, Erziehung zum ehrlichen Willen das ists, was uns Juden fehlt. Gelingt uns aber diese innere Umwandlung durchs Turnen — dann wird auch uns ein Freiheitsmorgen tagen, wie 1814 dem deutschen Volke Wir stehen heute nicht mehr bei theoretischen Ueberlegungen. Mit den Kenntniffen, die wir der Geschichte, die wir der deutschen Cultur nicht zum mindesten verdanken, gehen wir ans Werk. Das Ziel ist gegeben; der Weg ist klar. Die ganze jüdische Jugend rufen wir auf mit uns zu turnen, alle die jüdischen Sinnes sind. Wir wollen eine Tummelstätte schaffen für alle, die stolz ihr Judenthum tragen. Wer aber nur zu uns kommt, weil ihn die „andern" nicht ausnehmen, für diese Abgewiesenen und Unbehaglichen mögen andere sorgen. Nicht separieren — als Juden selbstgewollt uns zu organisieren, das ist die Parole. In den Turnvereinen sah Jahn einen Weg, den Jüngling „aus dem öden Elend wahrgeschaffener Weltbürgerlichkeit", wo er „als Irrwisch umherschweift" zum Volksgenossen zu machen. Das sei auch uns ein Ideal... In Berlin wurde unter H er z l's erster Beglückwünschung der erste zionistische Turnverein gegründet. Man denke und staune: die Initiative ergriff — ein Rabbinatscandidat (wegen der

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