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Die Welt · 1898-12-09 · 49 (9.12.1898) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
49 (9.12.1898)
Article
Zangwill in Amerika
Date
1898-12-09
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Sette 6 Rr. 49 Die Ultra-Reform kann ziemlich leicht umkehren, sie hat keine festen Principien aufzugeben. Sie ist eine von den Ideen, deren Waffe das hölzerne Schwert des Hanswurstes ist. Damit kann man gegen den Zeitgeist nicht ankämpfen. Aber auch die Orthodoxie wird sich in chrer heutigen Form nicht halten laffen. Endet die Reform mit der Negation, so ist die Orthodoxie unter den Berhältniffen, in denen wir leben, schwer prakticabel. Zangwill's Gedanken reichen weiter als seine Worte. Mit dem Auge der Seele sicht er weiter als mit dem des Körpers. Er fürchtet für die Zukunft des westlichen Judentums; wir warten auf das Tagdämmern des Ostens. Wandernd mit der kreisenden Zeit, kehren wir zurück zu schon gewesenen Knotenpunkten der Entwicklung. Lieber zur Stelle, die Zion heißt, als den Sprung gewagt ins Unbekannte, das noch keinen Namen hat, vielleicht weil es die Auflösung ist.. Zangwill's Stimme wird nicht verhallen. Das Judenthum beginnt zur Besinnung zu kommen! J. de Haas. P David Kevi, eia italienischer Dichtrrveteraa. In der trüben Zeit, in der wir leben, in der die epochale Entdeckung gemacht wurde, dass die Scheidung der Schulkinder nach Confessionen aus pädagogischen Gründen geboten sei, klingt es fast wie ein Märchen, dass ein Papst einem Juden, einem überzeugungstreuen, begeisterten Juden den apostolischen Segen entbot. Und doch hat sich dieses wunderliche Ereignis zugetragen. Die Zeit, in welcher es sich abspielte, liegt nicht weit hinter uns. Man zählte das Jahr 1847. Auf dem päpstlichen Stuhle saß Pius IX., und der Jude, den er segnete, war David Levi. Soeben dringt die Trauerkunde zu uns, dass David Levi von hinnen gegangen ist. Er ist bei uns wenig oder gar nicht gekannt, dagegen hat sein Name in dem Lande, wo die Citronen blühen, einen vollen Klang. Er nimmt einen Ehrenplatz unter den feurigen Dichtern und Patrioten ein, welche ihr Leben in den Dienst der Einigung Italiens gestellt haben, und wir sind dem Rabbiner in Florenz, Dr. S. Margulies, sehr dankbar, dass er uns in einer „Studie" über das Leben und die Werke D. Levi's (Trier 1897) seine Bekanntschaft vermittelt hat. Levi wurde im Jahre 1816 zu Chieri, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Turin, geboren. Auf den Juden in Piemont lastete damals ein fürchterlicher Druck. Die Reaction, die nach den Ereigniffen des Jahres 1815 in Italien ihren Einzug gehalten hatte, feierte in Piemont wahre Orgien. Victor Emanuel I. war zwar von den besten Absichten beseelt, aber er war zu schwach, um sie verwirklichen zu können. Er ward ein Werkzeug in den Händen des Adels und des Clerus, die alle ihre mittelalterlichen Vorrechte, welche sie unter der französischen Herrschaft eingebüßt hatten, wieder an sich riffen und das ganze öffentliche Leben beherrschten. Der Code Napoleon, welcher die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetze als obersten Grundsatz der Berfaffung und Rechtsprechung aufgestellt hatte, ^wurde abgeschafft und an dessen Stelle traten wieder die veralteten Gewohnheitsrechte, welche von der adeligen Bureaukratie zugunsten ihrer Kaste mit empörender Willkür gehandhabt wurden. Geistige Ueberlegenheit galt als ein Verbrechen und selbständiges Denken als staatsgesährlich. Die Intelligenz wurde von der Polizei argwöhnisch überwacht, und um das Volk in wohlthätigem Dunkel zu erhalten. wurde die Schule wieder der Geistlichkeit ausgeliefert, welche sich auf die Züchtung des beschränkten Unterthanenverstandes vortrefflich verstand. Wie es unter solchen Verhältnissen den Juden ergieng, kann man sich leicht ausmalen. Sie hatten unter der Berfolgungssucht, den gesetzlichen Beschränkungen und polizeilichen Nörgeleien, denen der Bürgerstand ausgesetzt war, natürlich am meisten zu leiden. Sie wurden politischen R:chte beraubt, von dem Besuche der öffent- B a isgisch'iffen utn neuerdings in das Ghetto eingesperrt. Der junge David wurde daher in eine von dem Rabbiner der kleinen Gemeinde geleitete Privatschule geschickt. Allein die geistige Nahrung, welche ihm dort gereicht wurde, vermochte seinen Wissensdrang nicht zu befriedigen. Mihr als in der Schule lernte er durch selbständige Lectüre der Bibel und anderer guter Bücher, die er in der kleinen, aber erlesenen Familienbibliothek vorfand. Dazu kam, dass sich die gebildeten Mitglieder der Gemeinde jeden Sabbath zu traulichem Gedankenaustausche in dem von patriarchalischem Geiste durchwehten Hause seiner Eltern vereinigten, wo außer der heiligen Schrift die besten Erzeugniffe der italienischen Literatur eifrig gelesen und besprochen und auch Gemeindeangelegenheiten berathen wurden. Hier verkehrten ferner fteiheitsliebende Männer, unter anderen auch ein Bruder des unglücklichen Dichters Silvio Pellico, der fünfzehn Jahre im Kerker auf dem Spielberge bei Brünn schmachtete. Die Gespräche, die in dem gastlichen Hause geführt wurden, blieben nicht ohne Einfluss auf das Gemüth des aufgeweckten Knaben, der schon frühzeitig ungewöhnliche Begabung und einen stolzen, unabhängigen Sinn verrieth. Die Eindrücke seiner Kinderjahre brachten ihm die Ueberzeugung bei, dass die Leiden seiner Glaubensgenoffen und die seines Vaterlandes aus derselben Quelle fließen, und so fasste mit dem Hasse gegen die Tyrannei die zwiefache Liebe zu Israel und zu Italien, die sein ganzes Leben und Wirken beherrschen sollte, feste Wurzeln in seinem jungen Herzen. Nach der in herkömmlicher Weise begangenen Feier des dreizehnten Geburtstages wurde David zu nahen Verwandten nach Bercelli geschickt, wo er das von dem Rabbiner Felice Tedeschi vortrefflich geleitete Institut „Colonna e Finzi“ besuchen sollte. Neben der Bibel und der hebräischen Grammatck wurden in der Anstalt auch profane Gegenstände, namentlich die lateinische Sprache und die italienische Literatur, mit Erfolg gepflegt. In der Handhabung der hebräischen Sprache brachte es Levi nach kurzer Zeit zu einer solchen Fertigkeit, dass er anlässlich des Todes seines Großvaters eine hebräische Elegie verfasste, die ihm das Lob der Lehrer und den Beifall aller Kenner eintrug. Seine ersten italienischen Verse galten der Verherrlichung eines wegen revolutionärer Umtriebe zum Tode verurtheilten jungen Landsmannes. Die ftecheitliche Bewegung zog damals in Italien so weite Kreise, dass selbst die unreife Jugend von derselben ergriffen wurde. Eines Tages, so erzählt der Dichter in seiner Selbstbiographie, welche in zwei Theile, die „Vita di Pensiero“ (Milano 1875) und die „Vita d'Azione“ (Torino 1882) zerfällt, kam ein aus Frankreich zurückkehrender piemontesischer Jüngling nach Bercelli. Alle seine Bücher und Schriften waren ibm an der Grenze abgenommen worden, aber die Gedichte Giovanni Berchet's, welche der Jüngling seinem Gedächtniffe eingeprägt hatte, konnten ihui von den Grenzwächtern nicht entriffen werden. So versammelte er denn eine Schar von Knaben, unter denen sich auch der kaum vierzehnjährige David befand, um sich und trug ihnen mit glühender Begeisterung die zündenden Verse des verbannten Freiheitssängers vor, welche die Gemüther der an seinen Lippen hängenden jugendlichen Zuhörer in stürmische Erregung versetzten. Derartige Vorgänge, sowie die Lectüre der Tragödien von Niccolini, Silvio Pellico, Manzoni und Marenco übten auf die Phantasie des heranreifenden Knaben einen mächtigen Eindruck. Nach dreijährigem Aufenthalte in Bercelli kehrte Levi aus Wunsch seiner Eltern nach der Heimat zurück. Seine Eltern hatten ihn für den Kaufmaunsstarw bestimmt. Er sollte einst das Geschäft seines Vaters übernehmen und wurde deshalb schon jetzt in dasselbe eingeführt. Allein, wie hätte sich^ der edle Jüngling, welchem die Trauer um Italien dw Seele ausfüllte und dem es überdies der Märtyrer Giordauo Bruno angethan hatte, mit dem Soll und Haben befteunden können? Da sich seine Eltern hartnäckig seinem Sehnen nach einer literarischen und gelehrten Laufbahn verschloffen, verließ er heimlich Chieri und begab sich nach Piacenza. Bon dort schrieb er den Eltern einen Brief, in dem er sie wegen seines eigen-

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