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Die Welt · 1898-12-09 · 49 (9.12.1898) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
49 (9.12.1898)
Article
Zangwill in Amerika
Date
1898-12-09
Page
5 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 49 Seite 5 Zangwill in Amerika. Die ethischen und physischen Kräfte des Zionismus beginnen allmählich ihre absolute Kampfstellung aufzugeben. „Nicht rühme sich, wer Rüstung angelegt, nur der sie ablegt, ist des Preises wert," sagte ein Judenkönig der alten Zeit, und auch wir, Weltmenschen vom Tage und nüchterne Denker, die wir nns die Zukunft nicht anders, als im Bilde der Hand in Hand mit tüchtiger Arbeit gehenden Hoffnung vorstellen können, haben keine Neigung, Hallelujah zu singen, solange die menschlichen Siege von der niederträchtigen Art sind, die nur den Sieger zum Jubel aufruft. Unsere Bewegung macht in England natürliche Fortschritte. Nicht nur beginnt die Logik gegen das blutarme Phlegma Erfolge zu erringen, sondern auch das Manco an Logik auf Seiten unserer Gegner thut seine Wirkung und kommt widerwillig unserem Erfolg zuhilfe. Und das ist noch nicht alles. Wenn erst die Juden von England all das werden gehört haben, was ihr großer Liebling Zangwill den amerikanischen Juden zu Gemüthe geführt hat — bisher sind seine Reden noch nicht von der englisch-jüdischen Presse veröffentlicht worden — dann werden sie Dinge erfahren, die wirklich geeignet sind, sie aus ihrer Behaglichkeit aufzustören. * Schon lange zuvor habe ich in anderen Zeitschriften versucht, nachzuweisen, dass Zangwill nach der ganzen Tendenz seiner Bücher ein Zionist ist. Seine letzte pathetische Erzählung „Zu sterben in Jerusalem" beweist mir überzeugender denn je, dass Zangwill, belehrt durch sein eigenes Leitmotiv, sich mrn auch persönlich den tiefen Gedanken des Volkes nähert, das er meisterhaft wie kein Zweiter dargestellt hat. Dieser Umschwung ist auf die Rechnung der Amerikareise des Dichters zu setzen. Dort drüben hat er dieselbe, nicht bloß durch die Magnetnadel indicierte Scheidung in Ost- und Westseite der großen Städte vorgefunden, die er in der Heimat beobachtete, und in übereinstimmender Consequenz den Ruf nach dem Ghetto auf der einen, den lebhaften Drang, sich zu anglisieren oder amerikanisieren, auf der anderen Seite. Hier findet er die Orthodoxie zu streng und herbe, dort die Reform zu schwach. Die Reform weist er mit zornigen Worten ab, für die Poesie des Ghetto findet er die warmen Accente des Künstlers, und der Denker und Jude, in denen seine Persönlichkeit sich vollendet, fordert die Lösung der Judenfrage. „Diese Frage", sagt er, „muss gelöst werden, so oder so. Ich b i n b e r e i t, i n P a l ä st i n a zu leben oder in Roms Schoß zu sterben." Es ist kein Wunder, dass diese Worte eine ungeheure Sensation erregten. Es war die wohlhabende Judenschaft von New-Jork, die zu Tausenden gekommen war, Zangwill als Tischredner zu hören. Man gedachte, sich an den Capriolen eines weltberühmten Humors zu vergnügen. Aber Zangwill hielt nur zur Hälfte, was sich die Leute von ihm versprochen hatten. Er verhalf ihnen zu einem tüchtigen Lachen, aber als ein Schalksnarr, der nicht abgieng, ohne sich zu rächen. Narrenkappe und Schellen verschwanden und nahmen die liebe Heiterkeit mit sich fort, und an ihre Stelle trat der unbeliebte Ernst trüber Gedanken. Und nun ist die amerikanische Preffe von dem einen bis zum anderen Ende der Bereinigten Staaten — ein Ruf, ein Aufschrei. Die Couragiertesten unter den Reformern sagen: „Zangwill hat Recht! Wir Reformer müssen bis dorthin zurückgehen, wo wir vor zwanzig Jahren gestanden. Zurück! Der Ruf kommt von Chicago, wohlgemerkt, der Stadt der Neuerungen, der ethischen Cultur, der liberalen Gedanken! Und Zangwill ist der Frage nur von der religiösen Seite her an den Leib gerückt! Welcher Weg ist der richtige? Der zum unbestimmten Christenthum oder der zum bestimmten Judenthum führt? Judenthum oder Affimilation? .. . Wie ist es geschehen, dass Zangwill zu dieser Frage kam? Ich weiß darauf keine sichere Antwort. Aber triebhaft fühle ich, dass Zangwill in Amerika die radicale Form des Judenthums — der alten Reformbewegung logische Fortentwicklung — so unbestimmt, charakterlos, so vielen Gegensätzen des Juoenthums angenähert fand, dass seine Seele sich in Ekel und Schrecken von dem, was er sah, abwandte und dass er wieder zurückkehrte zu jenen Tagen, da er die „vorgeschrittenen" religiösen Männer der englischen Judenheit mit seinem feinen Spotte geißelte. Die alten, schier vergessenen Gedanken seh' ich ihn hervorholen und mit der Heftigkeit des Bereuenden lieben, ich sehe den Künstler in ihm krank vor Ekel über das neue Philisterthum, den Denker bestürzt durch den grotesken Marsch von Juden über die Eselsbrücke. Das alles hat ihn dazu gebracht, aus seiner ergriffenen und verletzten Subjectivität heraus die Frage des Eliah von neuem zu entrollen. Was Wunder, wenn nun zehntausende von Gewissen erschrecken, die in Wahrheit jene Frage niemals haben an sich herankommen lassen? Für die es bisher keinerlei Frage gab, außer etwa hie und da ein locales Problem, ein Gesalbader über sociale Gegenstände, ökonomische Methoden, ceremonielle Anschauungen? „England hat nichts mit Amerika zu thun, New-Iork braucht nichts von Chicago zu wissen, bleibe jedes hübsch für sich" : Die Hauptsätze einer ^.uisser-fuire-Politik, die einfach zu erlernen, leicht anzuwenden — und schwer gutzumachen ist. „Lasst nur gleiten die Sachen, es wird sich von selber machen" : der elende Kinderreim, nach dessen Takt Israel ein erstaunliches Stück Weg fortglitt — fortwurstelte, wie der gräflich-technische Ausdruck für diese traurigste Bewegungsart lautete. Es war aber der Schauplatz dieser Volkstragödie eine gefährliche Bahn. In dem Momente, da Israel in den Abgrund stürzen und in tausend unkenntliche Atome zerschmettert werden musste, hielt es voll Schrecken inne, enlfernte sich von der gefährlichen Stelle, begann mit einem letzten Reste verschonter Kraft den steilen Ausstieg. Noch sind wir nicht auf der Höhe, aber auch ein Zurückgleiten ist nicht mehr möglich. Die zionistische Bewegung ist eine, im politischen Idiom sogenannte „nach rechts gehende." Sie ergreift am ehesten diejenigen, die am weitesten nach links vorgegangen waren und deren Gewissen vor dem letzten Schritte zurückscheut, den die Logik ihres Programmes erfordern würde. Es liegt in der Natur der Menschen, dass sie individuell wichtige Entscheidungen zu vermeiden suchen. Lieber wollen wir das Schicksal über uns kommen lassen, als gezwungen werden, unser Leben selber zu formen. Das gehört zur Constitution unseres Geistes, während der Körper in gleicher Weise die Extreme von Kälte und Hitze scheut. Ja, hätten sie die sichere Methode und den fteien Weg vor sich, hätten diese modernen Rabbiner Gewalt, ihr sophistisches Chloroform nach Belieben zur Anwendung zu bringen — längst wären die üppig lebenden, plumpfingerigen Bekenner der mosaischen Confession alle schlafen gegangen. Aber da waren starke Charaktere, die Widerstand leisteten — und nun erleben geschwächte Gehirne den Zwang, denken zu müssen. Für diese Behaglichen steigert sich der intellectuelle Zwang zu einer fast körperlichen Pein. Die Alternative, der ssie jetzt drüben in Amerika ins Gesicht zu sehen haben, lautet: Hinab oder hinauf? Sich entgegenstemmen und hinauf zur sicheren Warte streben oder leichtmüthig weiter hinab — und in den Abgrund gleiten? Hier endet das Problem; nicht allein das jüdische, sondern in gewissen Linien das menschliche überhaupt. Drohend ist die Gefahr der Demoralisation, der geistigen Verkümmerung für die Juden, für die Juden noch mehr als für die anderen Völker. Auf dem Abhang lässt sich nicht leben. . . . Waren wir nicht, fragt sich das amerikanische Judenthum, noch vor 20 Jabren im sicheren Gleichgewicht? Und es ist die Stimme Zangwills, die die Traumseligen Israels aus dem Schlafe gerüttelt, geweckt hat. Und es ist wieder die treibende Kraft des Zionismus, die ihm im Nacken sitzt, diesem wundervollen Dichter, der an sich ein Epigramm ist: Hellenischer Künstler — und vermochte seine eigene jüdische Seele nicht zu erschlagen.

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