Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Article
- Ghettodichter
- Date
- 1898-11-25
- Page
- 15 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 Seite 15 Leute nt „Vögele der Maggid" sind ausgezeichnet „durch das Verdienst der Vorväter" und dürfen „Ahnenstolz" hegen, indem der Red Chaim Mikwenitzer ein „directer Enkel des großen Maggid", und seine selige Frau „eine ebenso -in gerader Linie abstammende Urenkelin des großen Chasau" war. Und auch die reichen Leute in der Gemeinde dürfen dieses „ihr Herkommen doch nicht ganz außer Acht lassen. Besonders die steinalte blinde Malkoh (was Königin bedeutet) in „Mendel Gibbor" ist so recht die Repräsentantin jüdischen ghettomäßigeir „Stolzes von ihrem Herkommen." Sv oft sie des Namens eines ihrer Vorfahren gedenkt, macht sie in ihrem Lehnstuhl die Bewegung, als wolle sie sich erheben und verbeugen, weil sie sich nicht würdig fühlt, sitzend und ausrecht ihrer hohen Namen zn gedenken. Sie nennt sich „im Tone höchster Feierlichkeit" von „königlichem Geblüt", da nach der Tradition einer ihrer Vorfahren, namens Schoul Wahl, inmitten der polnischen Wahlkämpfe eine Nacht die Krone des Reiches getragen. Ihre „hohe Abkunft" ist Mendel Gibbor der Sage nach längst bekannt, und er empfindet den Abstand so groß, dass er „zu keiner Zeit vor die ehrfurchtgebietende Frau hätte hintreten können, ohne die tiefste Demuth zu empfinden und auszudrücken." Sie ist ihm die „vornehmste Frau, die er je gesehen." Aber auch abgesehen von allem Ghettosonderlichen, fällt die poetische Idealisierung eines sonnigen Dichters aus. Die Vorgänge sind gern auf einen „sonnenhellen" Tag gelegt; es wird gern vom „blühenden Gesicht der Jugend" gesprochen. Vögele nimmt „gar züchtig" das Brusttüchel von den Schultern ab; dieses verdeckte die „zierlichen" Flechten ihres Kopses, aber es enthüllte eben dadurch halb die ärmlich gekleidete „überaus schlanke und liebliche" Gestalt des jungen Kindes. Sie blickt „mit einem ebenso klugen als schalkhaften Blick" zu dem Zempelburger hin. Golde, ihre Schwester, ist die kleinere, aber noch schönere; sie „knüpft das Tüchel, welches ihren vollen Busen verhüllte, in frommer Andacht über den Kopfi defien schwarze Haare die natürlichsten Locken in der Welt bildeten." Dergestalt fehlt auch nicht ein gerüttelt Maß von Sentimentalität. Einmal heißt es: »Es fand in der That ein inniges Verhältnis zwischen dieser Frau und den beiden Mädchen statt. Die Kinderlosigkeit der Ersteren und die Mutterlosigkeit der Letzteren, war wohl der Hauptgrund; die ungemeine Herzensgüte aller aber das Siegel zu diesem Bunde." Wenn der Vater Vögeles und Goldes, während die beiden Verlobten am Sabbathnachmittag zugegen sind, über seinem Studium der heiligen Schrift einschläft, dann heißt es: „Schlafe ruhig, du alter guter Freund! Ueber deinen Kindern wacht die Seelenreinheit, der Väter Tugend, der Mütter Sitte." Und am Schluffe des einen Abschnittes: „Als die Engel des Sabbaths sahen, dass es Wehmuthsthränen waren, die in aller Augen schwebten, und als sie wahrnahmen, wie in jeder Thräne neue und neue Sabbathlichter brannten, da begannen sie den stillen Reigen wieder zu tanzen um jedes Haupt und um den Tisch und ringsum in der ganzen Stube, und bald waren ihrer wieder so viel, dass der Raum zu eng ward in dem Stübchen, und all die, welche noch immer hinznströmten, den dunklen Flur fiillten und bis zur Hausthnr hinaus, in welche der Mond gar hell hineinleuchtete. Aber nach einer ganzen Weile, da horchten sie alle auf, denn Vögele begann mit ihrer zarten Stimme das Sabbathlied „der Ruhe und der Freude" zu singen mit der Melodie, die der Vater heute erbeten. Sie sang allein, leise, wie es so recht znm Mitgesang einladet. Und als sie an den Vers kam: Der Himmel, Himmel, Erd' und Meer, Das ragend hohe Engel Heer — da trennten sich die Engel zu zwei Scharen; denn die des Sanges umringten Goldes Haupt, die mitzusingen begann, während die des Wortes sich treu zu Vögele hielten. Die Stimme. Goldes klang so glockenvoll, so glockenrein, so warm und so aus der Herzenstiefe, dass Jeder, der auch nur einen Ton ihres Mundes gehört.- ohne ihr reines Gesicht zu sehen, zu ihr hätten die Worte des hohen Liedes (2, 147) sprechen mögen: Wie süß die Stimme Dein, So hold muss Dein Antlitz sein. An Jean Paul ist bereits erinnert worden, von den meisten Kritikern. Und wie bei Jean Paul errtbebren in der weichen lyrischen Stimmungsatmosphäre auch die Gestalten der schärferen Charakteristik, wenn sie auch immerhin deutlich skizziert sind. Bor allem aber haben sie nicht die mindeste Entwicklung; und daher haben die Novellen entweder gar keine Handlung (wie „Vögele der Maggid") oder sie ist ganz willkürlich, ja geradezu in einem üblen Sinne romantisch mit dem Ueberfall der Räuber und der rechtzeitigen Befreiung des Gendarms durch Mendel Gibbor. Franzos erstaunt und wundert sich eigentlich, dass er gar tricht den religiösen Standpunkt erfahre, den der Dichter zu der kleinen Welt des Ghettos einnehme, während wir es bei „einem anderen Dichter schon nach wenigen Zeilen wüssten." Er hebt die Tendenzlosigkeit hervor und betont, dass Bernstein „als einziger unter den Ghettodichtern ein von Fanatismus und Aberglauben beschattetes Leben unpolemisch dargestellt habe." Aber dies ist mehr als begreiflich, wemr man festhält, dass er die Novellen in sehnsuchtsvoller, liebevoller Rückerinnerung geschrieben; und wenn die Liebe überall mehr sein mag als der Hass und das Herrlichste auf Erden, so ist sie gerade in der Poesie als der verklärende Schimmer, den sie über die Dinge der Welt legt, das Hinreißendste und Ueberwältigendste. V Dir Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (26. Fortsetzung.) Statt in den geheimnisvollen Büchern, die aus einsamen, waldumrauschten Lichtungen gelesen werden mussten, blätterte er nun in der Ruhepause nach dem Mittagmahle in den dicken Legenden der Heiligen. Und wenn die Wunderdinge, die darin berichtet wurden, seinen Geist genügend angeregt, dann besuchte er die Nachmittagsaltdacht ein-r benachbarten Kirche. Er konnte dies getrost thun. Denn während seiner Abwesenheit vertrat ihn Frau Lisi hinter dem Ladentische. Dr. David pflegte täglich, ehe ihn die Arbeit in die Redaction rief, ein Stündchen im Paramentengeschäft zu verplaudern. Für einen erzliberalen und atheistischen Redacteur bildete diese fromme Umgebung einen immerhin befremdenden Rahmen. Aber im Karl-Raphaelischen Kreise fand der Docior all die kleinen Freuden und Leiden des Familienlebens, das ihn selbst eigensinnig zu fliehen schien. 90£it der Regelmäßigkeit eines eingefleischten alten Junggesellen konnte man ihn Tag für Tag Schlag 3 Uhr nachmittags seine Wohnung in der Alserstraße verlaffen und. immer dieselben Gaffen durchschreitend, dem Paramentengeschäfte zusteuern sehen. Dort blieb er bis 5 Uhr, um welche Stunde er sein Stamm-Kaffeehaus aufzusuchen pflegte. Theater und Concertsäle sahen ihn nur selten. Die Abende wurden meist in der Redacrion des „Freien Blattes" zngebracht. Zur festgesetzten Stunde erwartete ihn dort sein „Einspänner" und führte ihn nach vollbrachtem Tagewerk in die Alserstraße zurück. Im Sommer war der Wagen offen, im Winter geschlossen. Das bildete so ziemlich die ganze Abwechslung der einförmigen Lebensführung. Die geringste Aenderung hätte David unangenehm berührt. Sein Tag war daraufhin eingetheilt, die möglichst größte Summe Arbeiten leisten zu können. Aber dieses schaffensfreudige, geregelte Dasein sollte am 5. April 1861 jäh und unerwartet unterbrochen werden. Die