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Die Welt · 1898-11-25 · 47 (25.11.1898) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
47 (25.11.1898)
Article
Ghettodichter
Date
1898-11-25
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Sette 14 Nr 47 englische Ghettodichter Zangwill erzählt, dass viele Juden, die ans dem Londoner Ghetto hervorgegangen, wenn sie draußen im Leben noch so reich geworden und prächtige Paläste bewohnten in den vornehmen Londoner Stadttheilen, am liebsten doch znrückkehrten in das finstere, unsäuberliche Ghetto, wie von einer magischen Kraft angezogen. Ueberall mag erst die zweite oder spätere Generation im besten Falle wirklich assiwilationsfähig sein; erst die Kinder, wenn die Eltern mit ihren christlichen Mitbürgern, mit den Beamten und dergleichen in einem unbefangenen Verkehr gestanden haben. Sonst friert es noch den Juden inmitten des fremden Lebens nach einer Wärme, welche ihn allein im Ghetto vorhanden dünkt; und ein verklärendes Licht leuchtet und ergießt sich schimmernd über das Ghetto. Gar diejenigen Juden, . welche die Tragik ihres individuellen und Bolkesschicksals erkannt haben und pefiimistisch nur noch an dieses Schicksal glauben, ganz gebrochen, aufgerieben, ermattet, sehen im Ghetto die goldene Ruhe, etwas gleichsam „Wiegenliedheimliches", die Möglichkeit, nach der Resignation ein stilles Sabbathnachmittagsdämmerglück zu finden; und abermals empfängt das Ghettto einen verklärenden, poeti- . scheu Schimmer. In Wahrheit mag aber das Ghetto, selbst wenn man von den großen nationalen Bezügen und Bedürfnissen absieht, nicht einmal eine private idyllische Traulichkeit und Wohnlichkeit in sich schließen. Die Armen, die dort zu einander gepfercht sind, wohnen so dicht beieinander, dass sich eine armselige Handlung an die andere, eine Brantweinschänke an die andere schließt. Und so schmal wie die Straßen sind und selbst der Marktplatz, beobachten sie die Ladenthürfenster bis ins Kleinste, den Geschäftsgang der Concnrrenzhaudlungen; und der gestalt wird alsdann ihr Neid großgezogen, dass sie selbst denjenigen, die mit einer anderen Ware handeln als sie, missgünstig werden, ja lieber einem Christen den Verdienst zugewandt sehen als einem Ghettogenossen und diese, wenn sie es vermögen, direct schädigen möchten. Aus solcherlei Ghettozügen mag sich vielleicht erklären, was man so oft beobachten kann bei recht gutherzigen Juden: Dass sie — wie unter einem instinktiven Zwange — den Gedanken nicht ertragen können, es solle von ihrem Thun ein Unbetheiligter einen Bortheil haben, auch wenn sie davon selber keinen Nachtheil hätten; also dass sie unliebenswürdig und in einem gewissen Sinne ungutmüthig sind. Und in dem . geradezu grausamen Fanatismus mancher Orthodoxen, in kleinlichem Moralismns und manch anderem erweisen sich wohl der unerfreulichen Züge genug. Doch von alledem weiß der nichts, der sich des Ghettos erinnert, wie der Mensch seine Kindcrjahre, auch wenn sie in den engsten Wänden dahingegangen sind, in der tiefsten Hülle der Erinnerung trägt, in einem so wundersamen und bedeutsamen Dämmer, welchen keine späteren Erlebnisse mehr annnehmen. Und in der That mochte das alte minder tragisch gewesen ftin als das .neue Ghetto.'" Es stellte doch eine sonderlich iu sich abgeschlossene Welt dar; und jegliche kleinste Welt birgt in sich, gemäß der wunderbaren Einheit der Natur, in einem concentrischen Verhältnis den selbigen Umkreis des Daseins, so dass es am Ende gar gleich erscheinen könnte, ob sich die eherne Welt Sheaksspeares, Göthens goldene . oder die Welt eines polnischen Ghettos darstclle. Sind des Ghettos Thore von innen fest verrammelt, dann wird der Jude wieder ein ganzer Mensch; der Reiche wird der Reiche schlechthin, und indem er doch nur zu den Ghettogenossen in ein Verhältnis tritt, darf er all das Charakteristische zeigen eines reichen Mannes draußen in der weiten Welt; der Ehrgeizige kann bereits in der Gemeinde befriedigt werden, so dass er keinen letzten Stachel mehr zu empfinden braucht. Dergestalt man wohl behaupten mog, dass die Juden im Mittelalter, wenn es in den Berichten zwischen den Lcidensjahren heißt, dass sie glückliche Jahre verlebten, wirklich in einem rein menschlichen, gleichsam privaten Sinne glücklich zu neunen waren, während in der Zeit des „neuen Ghettos" die schwärzeste Melancholie fort und immer breit ausfließt über sämmtliche Juden. Nun wurzelt Bernstein durchaus und tief in dem Ghetto, in welchem er all seine ersten Judendjahre verlebt hat und gar noch als „Bocher" der Rabbinatsschulen in Jnowrazlaw und Fordon. Anmuthige Schilderungen jener Zeit, die eine Dame gibt, die das Urbild des „Vögele" gewesen, lassen uns deutlich erkennen, wie unbefangen er in diesem Milieu lebte und mit Harm- und anspruchslosem Gemüthe des Lebens froh ward. „Sein Wesen war, was man excentrisch nennt, aber durch und durch liebenswürdig und voller Harmlosigkeit." Ohne jegliche Schwermuth; er zeigte nichts von der gewöhnlichen Streitsucht der „Bocher", „bei aller Gelehrsamkeit ein harmloses Kind und im Verkehr mit den Mädchen besonders reizend." Und gleich einer lieblichen Idylle liest sich dieser Bericht aus dem Ghetto, wenn in dem Jnowrazlawer Hause, in dem der Jüngling als Gast wohnte, drei Stühle zusammengeschoben und durch eiu paar Bettstücke zu einem Bette wrrrden, in dem er schlief, und die übermüthigen harmlosen Mädchen des Hauses frühmorgens in sein Zimmer schlichen und ihm die Stühle unter dem Körper fortzogen, so dass es in den Hemdchen eine ganze Jagd durch die Wohnung gab. Aber diese behaglich begabte Natnr wurde durchaus abstrakt, nachdem sie aus ihrem Milieu als demokratischer Publicist in ein fremdes übergetreten. Ihn .mochte doch kein inniges Herzensverhältuis zur preußischen Demokratie geführt haben, und so musste er dort bei einem abstrakten, gleichsam mathematischen Radikalismus anlangen, als welcher der schärfste Gegensatz aller Behaglichkeit und gesund realistischen Lebensfülle ist. Es berührt geradezu als ungeheuerlich, wenn er in einer Recension über die Franzosschen Culturbilder aus Halbasien meint, dass, wenn die Völker des Ostens kein parlamentarisches Regime ertragen könnten, sie zu „schmerzhaftem Absterben" verurtheilt wären. Und zugleich ist es durchaus offenbar, dass in solch abstraktem Leben sich dieser warmherzige Jude nicht wohl fühlen konnte und d afür sich Ersatz schaffte in einer dichterischen Beschäftigung, wie sie die Ghettouovellen Hervorbringen konnte. Franzos umschreibt Bernsteins „Gemüthsverhältnis zu seinem Stoffe" etwas unbestimmt, ja inhaltslos, so, dass er sich „in dieser neuen Zeit erinnern wollte der alten Jüdischkeit." Aber es dürfte wohl schärfer und bestimmter auszudrücken sein: jenes typische „Frieren" des Juden in einer fremden Welt, sofern er zu ihr nur durch Bildung gelaugt ist, also verstandesmäßig, und nicht bereits durch seines Herzens bestimmte Sehnsucht. Wie sehr die Novellen in der That der rückwärts gewandten Sehnsucht entstammen, dürfte daraus hervorgehen, dass Bernstein sie geschrieben in einer Zeit der tiefsten Trauer, um seine eben dahingeschiedene Gattin, welche dann auch das Urbild der „heiligen Golde" darstellt. Und es fügt sich als ein kleiner, aber kennzeichnender Zug auch ein, dass Bernstein den endgiltigen Entschluss „Vögele der Maggid" zu schreiben, auf einer Beschneidungsfeier fasst bei seinem Bruder. Aus all dem denn auch das beinahe erdrückende Uebermaß an Gemüthssülle stammen mag, welches ein christlicher Kritiker „ein tändelndes Uebermaß von Herzigkeit, Schönthun und Gescheidtreden" nennt. Die K'hilla wird stets die „gute" genannt und immer wieder und immer wieder heißt es „die heilige, liebe Schul", wie von den „lieben, heiligen Büchern" gesprochen wird. Die herzigen Namen: Vögelchen. Golde, Täubchen, Händele, Jendele. Bögelchens Hand macht „lichtig" das Beshamidrasch; ein Antlitz ist „lichtig" von frommen Handlungen; Mendel Gibbor spricht aus „wärmster Seele". Mit dieser Warmherzigkeit ist aufs engste verknüpft eine überaus tiefe Religiosität. Der Sabbath Nachmu wird bald „der liebe Sabbath Nachmu", bald der „gute Sabbath Nachmu" genannt; vom „lichtigeu" Pfiugst-Vorfeiertag wird gesprochen; „Gott, gelobt sei cr", wird immer wieder erwähnt; und pietätvoll heißt es „der Maggid, Friede sei mit ihm", „mein Vater, Friede sei mit ihm", „mein Vater, sein Angedenken sei gesegnet". Bor allem hängt gleichmäßig mit der Innigkeit des Gefühls wie m't der tiefen Religiosität der erstaunliche Familiensinn im Ghetto zusammen. Selbst die guten armen

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