Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Article
- Die Mission des jüdischen Volkes
- Date
- 1898-11-25
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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wirksamer Geist, der sich vom Centrum aus über die ganze Erde ergießen wird, wo Juden sind. Dann werden die Juden in Palästina und die Juden in den übrigen Ländern und Welttheilen ihre Mission erfüllen können. Es liegt also gerade im Interesse der Missionsrabbinen, dass der Zionismus die zerstreute Maffe der Inden physisch und moralisch, culturell und intellectuell einige, organisiere und centralisiere, denn ohne das wird ihre Missionsidee niemals realisiert werden. III. Wenn wir aber ganz aufrichtig sein wollen, so müssen wir hier den andern Hauptbeweggrund nicht bloß der Missionsrabbiner, sondern der deutschen Inden überhaupt aufsecken, der sic zur Opposition gegen den Zionismus antreibt. Es ist die Furcht, die Juden möchten durch den Zionismus ihre materiell und vorläufig auch politisch noch so günstige Position in den westeuropäischen Ländern verlieren. Die englischen Juden theilen dies- Furcht nicht; daher hat sich schon ein ganz bedeutender Theil der englischen Judenheit, und nicht der schlechteste, der zionistischen Bewegung angeschloffen, denn die englischen Juden kennen ihr englisches Volk, seine Achtung vor Recht und Gesetz, seinen weiten Bl'ck und seine Hochherzigkeit, seine Sympathie für Freiheit und Selbständigkeit und darum auch seine Sympathie für alle Freiheitsbewegungen unterdrückter Völker. Die englischen Juden haben das feste Vertrauen, dass das englische Volk im Zionismus absolut keinen Grund sieht, um die Judenemancipation rückgängig zu machen, und dass, wenn alle Juden Englands Zionisten würden, dies nicht den geringsten Anlass böte, ihnen auch nur eines der Rechte zu entziehen, die ihnen nun einmal gesetzlich und rechtlich zukommen. Die deutschen Juden haben nicht dasselbe gute und feste Vertrauen in die Hochherzigkeit des deutschen Volkes. Es ist ihnen dies auch nicht übel zu nehmen. Der deutsche Antisemitismus mahnt sie ja immer daran, wie precär ihre Stellung in Deutschland ist. Sie wißen zu gut, wie wenig beliebt sie trotz ihrer so inbrünstigen Afiimilationsbestrebungen oder gerade wegen derselben bei den Deutschen sind, sie wissen es, dass wenn sie auch Commercien- und Justizräthe, Sanitäts- und Stadträthe, Advocaten und Literaten sind, sie doch überall eine tiefe sociale Kluft vom deutschen Volke scheidet, und die Mehrzahl der Leute ihnen gerade nur das Allernothwcndigste an Achtung und Vertrauen zukommen lässt. Da ist es natürlich und wohl begreiflich, dass sie ihre Position nicht noch verschlechtern wollen, vielmehr alles meiden, was auch nur entsernt Anlass bieten könnte, um sie ganz an die Wand zu drücken. Sie fürchten also, dass die Nationalitätsbestrebungen der Zionisten Repressivmaßregeln von Seite der Antisemiten Hervorrufen könnten, dass der Antisemitismus auf Grund des Zionismus den Versuch machen könnte, die Refierung und die Parlamente zu bewegen, die Emancipation rückgängig zu machen. Es gibt ja Leute genug in Deutschland, welche die Judenemancipation für sie Ursache alles Uebels ansehen und sie darum je eher je lieber wieder aufheben möchten. Tie Furcht der deutschen Juden ist daher nicht sowohl elende Feigheit, als vielmehr vorsichtige Klugheit. Sie kennen den deutschen Michel und kennen ihre unsichere Lage ihm gegenüber. Wir verstehen also gar wohl, warum die deutschen Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit sich bisher in die Gefolgschaft ihrer Rabbiner stellen, und warunr es ihnen willkommen ist, dass diese die so schöne und erhabene Missionsidee als Sturmbock zum Angriff gegen die Zionisten und als Schild zur Abwehr gegen sie benützen. Wenn die Alliance zwischen Rabbinern und Banquiers nicht schon an sich eine natürliche und meist schon in familiären Verhältnissen begründete wäre, so müssten sie sich doch jetzt gegen die Zionisten alliieren, denn beide haben dieselben Jntereffen. Weil aber niemand den wahren Grund der Opposition gegen den Zionismus laut nennen will, so sind die andern froh, dass die Rabbiner einen so eminent religiösen Grund in den Vordergrund schieben, hinter den sie alle glauben, sich verschanzen zu können. Suchen wir also zuerst den geheimen, aber wahren Oppositionsgrund zu beseitigen und zu entkräften, dann wird der officiell und laut proclamierte Grund viel von seiner Kraft und seinem Ansehen verlieren; man wird sich leicht darüber verständigen und zu einer gemeinsamen Denkweise darüber kommen können. Ist dann dies erreicht, dann wird man sich auch über eine gemeinsame Actionsweise einigen können. Kann der Zionismus den deutschen Juden wirklich politisch und materiell schädigen? Wir glauben es nicht, find vielmehr vom Gegentheil überzeugt. Die deutschen Inden gehören jetzt in politischer Hinsicht meist den liberalen und fortschrittlichen Parteien an, ja ein Theil von ihnen zählt sich zu der längst von oben als staatsfeindlich bezeichneten Partei der Socialdemokraten. Darüber ist schon viel von den übrigen, den sogenannten staatserhaltenden Parteien geklagt und gezetert worden, aber hat man deswegen besondere Maßregeln gegen die Juden als solche in Scene gesetzt? Hätte jemand wagen dürfen, weil der Führer der Berliner Socialdemokraten ein Jude ist, den Vorschlag zu machen, den Berliner Juden das Stimmrecht zu entziehen? Es läge ja so nahe, gerade von dem Punkte aus den Hebel gegen die Emancipation einzusetzen, dass die Juden sich in die politischen Parteien der Deutschen eindrängen oder gar der staatsfeindlichen und religionsfeindlichen Socialdemokratie anhängen. Damit hätte man schon längst Stimmung gegen die Inden machen können in weiten Kreisen des deutschen Volkes, aber jede derartige Agitation ist misslungen und an den gesunden Volksinstincten gescheitert. Kein Mensch in ganz Deutschland, auch nicht der bornierteste Antisemit, wird den Zionismus für staatsgerährlich halten, oder könnte auf den Gedanken kommen, dass dadurch die deutsche Nation oder irgend eine politische Partei unter den Deutschen könnte geschädigt werden, weshalb man gegen die Zionisten oder überhaupt gegen die Juden Vorgehen müsste. Jedermann sieht auf den ersten Blick, dass der Zionismus weder mit der inneren Politik eines Landes noch mit seinen politischen Parteien irgend das Geringste zu thnn hat. Jur Gegentheil, alle politischen Parteien Deutschlands, vielleicht mit Ausnahme der socialdemokratischen, werden es mit Freude und Genugthuung begrüßen, wenn die Juden sich mit ihren eigenen, nationalen Angelegenheiten beschäftigen und von den ihrigen sich fernhalten; aber es wird deswegen niemandem einfallen, die Juden aus den anderen Parteien wegzuweisen oder ihnen den Zutritt zu verbieten. Sie gar deswegen rechtlich und gesetzlich beschuldigen zu wollen, dazu wird keine Regierung und keine Parlamentsmehrheit die Hand bieten. Ueberhaupt steht die Emancipation unerschütterlich fest: kein Regent und kein Parlament wird dazu bewogen werden können, sich mit der ewigen Schande in den Annalen der Weltgeschichte zu beflecken, dass sie ein ganzes Volk oder einen Theil ihrer Uuterthanen oder Mitbürger ihrer einzigen Rechte beraubt und sie der Willkür ihrer Feinde preisgegeben hätten. Selbst die größten Judenfeinde wissen ganz genau, dass es ganz unmöglich ist, die Jndenemancipaliou rückgängig zu machen oder in ihrem Umfang und ihrer Bedeutung zu beschränken. Man müsste zugleich die ganze Reichsverfaffung und die der Einzelstaateu Umstürzen und ändern: ja das gesammte Staatsrecht geriethe ins Wanken, wenn anerkannte Reichs- und Staatsbürger ihrer staatlichen und bürgerlichen Rechte einfach beraubt oder willkürlich darin beschränkt würden. Derartiges würde man nur gegen eine direct staatsfeindliche Partei wagen dürfen. Aber es wird auch dem größten Rabulisten der Welt nicht gelingen, die Zionisten als staatsfeindliche Partei darzustellen, die es auf Zerstörung oder Schädigung des deutschen Reiches oder irgend eines deutschen Staates oder auf Minderung ihrer Macht und ihres Ansehens abgesehen habe. An der politischen und rechtlichen Stellung der deutschen Juden wird also gar nichts sich ändern, wenn sie auch alle Zionisten werden. Und wiederum der Zionismus wird sie in keiner Weise daran hindern, solange sie deutsche Staatsbürger sind und bleiben wollen, von allen Rechten derselben Gebrauch zu machen und sich aller Bortheile dieser Stellung zu bedienen.