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Die Welt · 1898-11-18 · 46 (18.11.1898) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
46 (18.11.1898)
Article
Ein Antizionist
Date
1898-11-18
Page
9 (sequence 3)
Language
German
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yix. 46 ,Pfc#WdC öcitc 9 dem „Ruch Katolicky", einem berüchtigten antisemitisch-elcricalen Blatte entnommen haben will. In dieser Notiz crz'ihlt er, dass 72 Israeliten, welche zionistischen Vereinen angehören, in Lodz verhaftet worden seien. Auf unsere Anfrage erfuhren nur, was uns auch früher nicht einen Augenblick zweifelhaft war, dass an dieser ganzen Geschichte kein einziges wahres Wort sei. Die Antwortdepesche lautete kurz und kräftig: Lüg e. In dem darauffolgenden Expressschreibcn wurde nochmals ansgeführt, dass „selbstverständlich kein einziger Zionist verhaftet worden sei, da ja dieZionistenRufslands grundsätzlich alle geheimen Berbiudui'gen perhorreseieren, und da ja gerade die zionistische Bewegung die jüdische Jugend vor allen den Lockungen der geheimen Piopagauda in Russland für immer bewahrt habe." Wenn das Blatt des Herrn Dr. Bloch diese Nachricht nicht jenem antisemitischen Hetzblatte entnommen härte, so könnte cs wenigstens die bona lides vorgeben In diesem Falle ist aber ein solches Vorgehen umsomehr zu beklagen, weil ja bekanntlich in Russland auch eine solche falsche Nachricht leicht die traurigsten Folgen für die Juden haben kann. Sv weit sollte der Hass gegen die Zionisten nie und nimmer gehen, dass man unbedenklich eine solche Gefahr über Unschuldige heraufbeschwört. So sind die Notizen der Wochenschrift des Herrn Dr. Bloch beschaffen, wenn man sie auf ihren Inhalt prüft. Wir wollen an diese Berichtigungen weiter keinen Cvmmentar knüpfen. Nur eine Mahnung möchten wir aussprechen. Es liegt uns selbstverständlich ferne, uns durch die Angriffe des Herrn Dr. Bloch persönlich b.leidigt zu fühlen. Aber von der Sache, für die wir mit reinen Händen und mit dem Einsätze unserer Persönlichkeit, unserer Existenz und selbst unseres Lebens kämpfen, soll er seine Hände lassen. Wir haben zu arbeiten und meiden gerne jeden unnöthigen Kampf: aber nichts wird uns hindern, wenn es sein muss, auch mit aller Energie und aller Rücksichtslosigkeit in den antizionistischen Sumpf hineinzutreten, sei er nun in Wien oder anderswo. W Die Woche. Wien, 10. November. Die Prager Juden machen wieder einmal bei hellichtem Tage Feierabend. Was jedem anderen Geschäftsmanne nur an Sonn- und Feiertagen gegönnt ist, das leisten sich die Prager jüdischen Kaufleute an gewöhnlichen Werktagen. Sie schließeil ,hre Geschäftsläden und legen die Hände in den Schoß. Denn in Prag sind wieder gelegentlich Kriegszeiten. Und ein jüdisches Kaufgewölbe ist ein Art Janustempel. Nur in umgekehrtem Sinne: In FricdeuSzeiten ist es geöffnet, in Kriegszeiten ist cS geschloffen. Es hat große Denker gegeben, welche die absolute Richtigkeit des CausalitätSgesetzeS in Zweifel gezogen haben. Aber sie konnten für ihre Theorie nicht die entsprechenden schlagenden Beweise beibringen, weil sie es unvorsichtiger Weise unterlassen hatten, die jüdische Geschichte gründlich zu durchforschen, in der doch eine Fülle Material für alle philosophischen Probleme ruht. Sie hätten zum Beispiel, wenn sie es erlebt hätten, in folgendem logischen Gestrüpp einen klaren Beleg für ihre Lehre gefunden: Weil einerseits die Prager Deutschnationalen die Zugehörigkeit der Juden zum Deutschthnm energisch in Abrede stellen, und weil anderseits die Tschechen den Teutschnationalen, zu denen die Juden nicht gehören, feindlich gesinnt sind - - darum müssen.. die Prager Juden vor der Plünderlust der Tschechen begründete Furcht haben.-Das widersinnigste Paradoxon, die Quadratur des böhmischen Zirkels. Die Juden erwerben sich durch ihre abnorme Stellung unter den Völkern eine gewisse Gefühlsperversität. Sie müssen gerade für diejenigen, von denen sie gehasst werden, eine innige Liebe empfinden. Sie müssen für das Wohl ihrer Feinde beten, und ihnen alles Gute wünschen — aus Egoismus. Denn alles Böse, das den Judenfeinden widerfährt, kann eine Katastrophe sür die Juden nach sich ziehen. Wenn die Lage der Prager dcutschuationalen Antisemiten kritisch wird, so müssen die Juden, statt sich schadenfroh ins Fäustchen zu lachen, in ihren gesperrten Kaufgewölben Glück und Wohlergehen auf das Haupt der Deutschnationalen herabflehen. Die Wiener Juden müssen sich hüten, den Antisemiten die Pest an den Hals zu wünschen, die galizischen Juden haben allen Grund, der antisemitischen Landbevölkerung keinen Misswachs zu gönnen u. s. f. — Tie Worte der Bibel: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", „Liebe deine Feinde" haben für die Juden eine ganz besondere Bedeutung. In den Acten des Dreyfnsproccsses vermissen die Esterhazyleute noch ein sehr wichtiges Tocnment, und ihr Herzenswunsch ist es, dass dieses eine Schriftstück ausnahmsweise kein Falsificat sein möge: die Uhlancncliqne sehnt sich nach dem Todtenschein des unglücklichen Deportierten. Vorläufig begnügt man sich damit, gelegentlich den Excapitän wenigstens todtzusagen. Der Wunsch ist hier der Vater der falschen Hiobspost. Dabei probiert man, wie sich wohl die Oeffentlichkcit zum Tode des Deportierten verhalten würde. Und wenn die Probe befriedigend ausfällt, dann könnte man eventuell versuchen, ob sich der Wunsch nicht auch zum Vater eines Rasiermessers oder eines wahlverwandten Gebrauchsartikels machen ließe. Das sind bedenkliche Experimente. Man malt den Tod so lange an die Pallisadenwand der Teufelshütte, bis sich gewisse Gefangene, ginz ohne ihr Hinzuthun, ein böses Beispiel an Henry nehmen. Brave Burschen, diese Antirevisionisten! Sie wollen ja eigentlich nur den Treyfus, über den jetzt soviel Böse» gcmnnkelt wird, in eine Lage versetzen, in der sich über ihn iitl irsi bene lagen lässt. Nach einer afrikanischen Tt.caternachricht, die ans Eonstantine gemeldet wird, lässt sich schließen, dass der schwarze Welrihcil eine äußerst kunstsinnige Bevölkerung haben muss. Mit Neid werden unsere Theaterdirectoreu lesen, dass das Theater von Evnstautine an einem Tage eine Besucherzahl von 10.000 Personen aufweisen konnte. Und zudem stand im Programm nicht einmal ein regelrechtes Stück, sondern nur ein Prolog. Das Stück selbst werden die 10.000 Bürger, die im Theater eine antisemitische Wählcrversammlnng abgehalten haben, außerhalb des Kunsttempels inscenieren. Das nöthige Eoftnm wird sich jeder leicht beschaffen können, nachdem sich ja so ein Schlagring oder Bleistock überall unschwer anftreiben lässt, auch ohne Souffleur wird niemand in der kurzen Rolle, die sich auf vier Worte „Nieder mit den Inden" beschränkt, stecken bleiben, und an steifen Statisten wird cs sicherlich nicht fehlen, da hoffentlich auch diesmal Militär und Sichcrheitsvrgane ihre bewährte Mitwirkung nicht versagen dürften. Es hat sich gewiss schon mancher Jude die Frage vorgelegt, wie sich wohl die nichtjüdischen Mitbürger benehmen würden, wenn ihr freier Wille nicht durch die Polizei und ähnliche Institutionen in der nngehemmten Entfaltung behindert wäre. Nun, die Wiener jüdischen Studenten haben in den letzten Tagen auf diese Frage eine erschöpfende Antwort erhalten. Die Aula der Universität ist nämlich so eine Art Eiland, wo kein Wachmann ankern darf, und da die akademischen Behörden die Pflicht haben, sich ganz neutral zu verhalten, so konnten am letzten Samstag die akademischen christlichen Mitbürger durch drei Stunden hindurch ihren Standpunkt iu der Jndenfrage vollständig unbehindert betonen. Der Standpunkt war: die JudeuauStreibung.

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