Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 46 (18.11.1898)
- Article
- Die zionistische Abordnung in Palästina
- Date
- 1898-11-18
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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GeUe 2 JpkOW* Nr. 46 Ja. wir glauben nach wie vor, und seit wir dort waren, stärker als je, dass dieses von der Natur so herrlich begabte Land ein Land der Zukunft ist. Diese bezaubernde Küste am blauen Meer kann zu einer Riviera gemacht werden, wenn die Culturmacht einer Colonifation im Großen dahinkommt. Es sind allerdings riesige Investitionen erforderlich, das Land muss mit allen neuen Verkehrs- und hygienischen Einrichtungen versehen werden. Aber welcher Spielraum für den beweglichen Unternehmungsgeist eines mit allen modernen Mitteln wohlvertrauten, in allen Culturländern erzogenen Volkes. Und welcher Lohn winkt am Ende dieser leicht verständlichen Unternehmungen. Es sind große Anlagen von Arbeit und Capital erforderlich, aber unter diesem herrlichen Himmelsstrich trägt die Arbeit goldene Früchte, und das Capital wird dabei seine Rechnung finden. Ebenen, die schnell fruchtbar werden, schöne Gebirge sahen wir im Vorübereilen. Ueberall wartet die Natur, warten die Zustände auf die helfende Menschenhand. die wieder Gärten und wohnliche Heimstätten für die Menschen schaffen soll und kann. Mächtig war der Eindruck von Jerusalem. Noch in ihrem heutigen Verfall sieht man die Spuren einstiger Schönheit. Und diese Stadt vieler Hügel, in manchem au Rom erinnernd, könnte wieder eine prachtvolle Weltstadt werden. Man sieht ordentlich das künftige Stadtbild vor sich, wenn man vom Oelberg hinunterblickt. Die ganze alte heilige Stadt müsste vom Tagesverkehr gereinigt werden. Alle diese unsauberen lärmenden Händler müssten hinaus aus den für alle Bekenntnisse ehrwürdigen Mauern. Arbeiterwohnungeu, billige Häuser, wären im weiteren Umkreis der Stadt anzulegen. Die Märkte müssten aus der alten Stadt hinaus nach passenden Punkten wegverlegt werden. Die i'o gereinigte alte Stadt verbliebe dann für die wohlthätigen und frommen Anstalten aller Confessionen, die ja die Theilung dieses Gebietes untereinander gütlich vornehmen könnten. Die ganze alte Stadt könnte allmälig im bisherigen Styl, aber unter gesunden Bedingungen reconstruiert werden, und sie wäre wie ein einziges Juwel, das sich dann mit dem Reichthum einer modernen und eleganten Stadt eins affen ließe. Wäre ein solcher Zustand nicht würdiger der Empfindungen, nicht dienlicher für die Bedürfnisse aller Menschen, die an Jerusalem hängen? All das wird Einem an Ort und Stelle sonnenklar, wie in einem Anschauungsunterricht im Freilichte. Und unsere Sache ist von solcher Art, dass wir sie geradeheraus mit allen Interessenten, mit Einem nach dem Anderen aufrichtig erörtern können. Wer hat gegen die Vermehrung der Cultur gerade, auf. diesem Äoden etwas Ernstes einzuwenden? Am allerwenigsten wohl die Türkei, wenn allen legitimen Bedenken, wie es unser stets erklärter Wunsch ist, nach jeder Richtung Rechnung getragen wird. Für die Türkei bedeutet die Ausführung des zionistischen Planes ganz zweifellos eine Vermehrung ihrer Macht und Wohlfahrt. Manches in der Art, wie die Colonifation früher betrieben wurde,, war geeignet, das Misstrauen und Üebelwollen der türkischen Regierung hervorzurufen. Aber wir haben immer gesagt und wiederholen es jetzt nachdrücklicher als je, dass wir eine Infiltration kleiner Menschengruppen, perhorreseieren. Niemand hat das Recht, diese Leute einem, ungewissen. Schicksal preiszugeben. Nur nach förmlichen. Verträgen mit der türkischen Regierung hat das Colonisieren. Aussicht auf ein rechtliches Gedeihen. Der Türkei können von dem jüdischen Volke solche Vortheile geboten werden, dass das Zustandebringen, dieser Abmachung nur eine Frage der Zeit ist. Aber selbst wenn die türkische Regierung die allmälige Einwanderung kleiner Gruppen ohne förmliches Uebereinkommen gern sähe, müssten mir uns ganz entschieden gegen solche Experimente aussprechen. Wir können nach gewonnener Einsicht in die Sachlage nach unserem besten Wissen und Gewissen nur sagen, dass die Colonifation im Kleinen unverantwortlich große Menschenopfer erfordern würde. Di? vereinsamten Colonisten, die sich ihr Terrain selbst suchen, sind verhältnismäßig noch besser daran, als die Gruppen, die auf ein für sie erworbenes nicht immer gesundes Gebiet geworfen werden. Dass jedes Stück Land entsumpft und urbar gemacht werden kann, ist nur den Nn wissen osten nicht bekannt. Aber die Genesung des Bodens kann nur im Zusammenhänge großer allgemeiner Arbeiten gelingen. Und für solche Arbeiten reichen die Mittel auch der großmüthigsten und reichsten Einzelnen nicht aus. können wir ein ganzes Volk dahintersetzeu: ein Volk, dessen Existenz wir durch unsere große zionistische Bewegung zeigen; ein Volk, das diesem verwahrlosten Boden die alte Zärtlichkeit bewahrt hat, wie einem kranken Angehörigen. So können wir auch ruhig, offen ohne alle diplomatischen Feinheiten verkünden, was wir mit diesem Boden Vorhaben. Denn Niemand ist bereit oder in der Lage, für die Wiederbelebung dieser Erde solche Opfer zu bringen, wie das jüdische Volk. Es wird uns Niemand zuvorkommen, es wird uns das Niemand wegnehmen, weil Niemand die hingebungsvolle Menschenkraft aufbringen kann, vom Gelde ganz zu geschweigen, wie die Juden. Bei den Juden in ihrer jetzigen Lage findet sich die politische Machtlosigkeit, die sie als ungefährlichsten Bewerber erscheinen lässt, mit der nothwendigen wirtschaftlichen Macht vereinigt. Wir haben die Frage hoch ausgerollt, und' sie fliegt auch schon über die Köpfe der Menschen. Wir sind voll guten Muthes und fester Zuversicht. Und man wird begreifen, dass wir dazu genug Ursache haben, da es uns gelungen ist, das Interesse zweier Herrscher für unsere gerechte Sache zu erwecken. Und sage oder glaube Niemand, dass diese Großen dabei etwas Unfreundliches im Sinne führen. Die öde Selbstbespöttelung mancher Juden, durch die wir alle in Verruf kommen, kann ja auch für eine solche Theilnahme die hämische Erklärung finden: Sie wollen uns los haben! Aber in Wirklichkeit liegt die großmüthigste Absicht vor, Cultur zu verbreiten, unglücklichen, umherirrenden Menschenmassen eine Heimstätte zu verschaffen, Wohlfahrt in eine verwahrloste Gegend zu bringen, und durch all dies den Besitzstand der Menschheit an Glück und Gesittung ein wenig zu vermehren. So ist die Theilnahme gemeint, und so haben wir sie dankbarst verstanden. D. Wolffsohn: Aus die Frage, was nun zunächst geschehen solle, kann ich kurz antworten: Während meiner einmonatlichen Abwesenheit haben die Arbeiten des Bankcomitös nicht geruht. Vielmehr wurden inzwischen in London alle Vorbereitungen getroffen, um das Jnslebentreten der jüdischen Colonialbank für die nächste Zukunft zu ermöglichen. Das vom Congresse eingesetzte Bankcomits wird sich binnen Kurzem versammeln, um die Statuten und den Prospect der Bank zur Veröffentlichung zu genehmigen. Bei der Wendung, welche die Dinge in letzter Zeit genommen haben, steht allerdings auch noch ein Weiteres bevor, nämlich die Bildung einer jüdischen Landgesellschaft, die einen anderen Wirkungskreis haben wird, als die Bank. Die Anpassung dieser beiden, für die Ausführung unseres Planes nothwendigen Anstalten aneinander wird