Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 45 (11.11.1898)
- Article
- Die Juden in Andersens Schriften
- Date
- 1898-11-11
- Page
- 15 (sequence 3)
- Language
- German
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Sir. 45 Vorfahren der armen gehetzten Parias den Pflug mit dem Schwerte vertauscht hatten, um nationale Ehre und Glauben zu schützen. Und mit dem Stolz auf die Vorfahren erwachte das Selbstgefühl, das uns zum Zionismus führte. Andersens Naomi ist ein Weib. Schwäche, Zaghaftigkeit und Erstarrung find rings um sie her. Ihr winkt keine Hoffnung und keine Rettung. Umsonst brennt in ihr des ganzen Volkes Sehnsucht nach einer glücklichen Heimat. Sie sucht glühend nach Liebe, nach einer verständnisvollen Seele, aber sie bleibt allein. Und dies Bewusstsein überkommt sie mit voller Schwere an ihrem Confirniationstage, der sie znr ersten großen Lüge ihres Lebens, znm Bekenntnis dessen zwingt, was sie nicht glaubt. „Oh Gott, ich bin auch so allein in dieser Welt", sagte sie und das Wasier drang ihr in die dunklen Wimpern. Ihr weiterer Entwicklungsgang überrascht kaum. Das Unstäte, Unbefriedigte, der scharfe, kritische Geist, alle diese Eigenschaften, die an ihr allmählich hervortreten, und deir salbungsvollen Ortspsarrer zu dem Aussprache veranlassen: „Kommt jemand in die Hölle, so ist sie es", sind uns leider an vielen Stammes gen offen wohlbekannt und die natürliche Folge einer solchen Existenz. Das krampfhafte Streben nach Befriedigung und Glück, die Nvthwendigkeit aus den unleidlichen Verhältnissen herauszukommen, lässt sie endlich den Fehltritt begehen, der sie für ihr ganzes späteres Leben unglücklich macht. Das ist absolut folgerichtig gedacht, denn für Andersen gab es nur zwei Möglichkeiten zur ehrlichen Lösung des Problems: die offen ausgesprochene Zugehörigkeit znm eigenen Stamme oder aber die Taufe. Er verstand unter der Bezeichnung „Taufe" selbstverständlich nur die Taufe ans lieberzeugung. Das braucht kauni betont zu werden, denn für jeden religiösen Christen hat der Uebertritt aus äußeren Gründen etwas unsagbar Verächtliches. Die Taufe allein führt nach Andersens lleberzengung zur inneren Zusammengehörigkeit mit den Wirtsvölkern, mit denen der Prvselyt nun durch den gemeinsamen Joeeukreis, durch gleiche Lebensauffassung verbunden ist. Darum bilden überall da, wo nicht überzeugte Nationaljnden gezeichnet sind, svlche Juden die Helden semer Erzählungen, welche von Sehnsucht zum christlichen Glauben durchdrungen sind. Andersen war durchaus christlich fromm und sah im Christenthum, das ihm die himmlische Liebe verkörperte, einen Fortschritt gegenüber dem jüdischen Bekenntnis. Besonders scharf betont er das im „Ahasver". Er war eben auch ans religiösem Gebiete ein Romantiker. Darum musste stets da, wo der Widerstreit vom Nationaljudenthum und Christenthnm in die Gemüther seiner Helden den seelischen Cvnslict begründete, das erstere unterliegen. Seine Sarah — im Märchen vom Judenmädchen — ist ihrem Stamme verloren, sobald sie das Evangelium kennen lernt. Die kleine Jüdin darf, dein Gebote der sterbenden Mutter folgend, den Glauben nicht wechseln, aber sie erfüllt dem Empfinden nach nur die christliche Morallchre, wenn sie den Bedrängten und Schwachen znr Stütze wird. Sie hat innerlich völlig mit dem Glauben ihrer Väter gebrochen, obwohl sie aus kindlicher Pietät sich nicht als Christin bezeichnet. U:id als sie, überwältigt von Arbeit und Nachtwachen der kranken Dienstherrin den Trost der Bibel spendet, „da kommt über sie eine Taufe wie von Feuersflammen, so dass sie ohnmächtig zusammenbricht. Man muss sich immer vor Augen halten, dass es Andersen n'cht einsallen konnte, ernstlich nach einer Lösung der Judenfrage zu suchen, die nach seiner Anschauung ja schon gefunden war; dass er vielmehr mit rein künstlerischem Gefühl die tragischen Folgen jeder inneren Unwahrhastigkeit und die innere Befriedigung consequenter Selbsttreue empfand und wiedergab. Härte er den Rückgang der Emancrpativnsbewegung gesehen und Tendenzliteratur geschrieben, so hätte er nicht übersehen können, dass die Taufe doch immer nur für den Einzelnen die Lösung des Problems bedeutet, dass sie den Mapcn lediglich das Los eines zweiten Maranenthums bereiten würde. Der cinzelne Ueberlänscr kann sich znm Gegner hinüberretten und in den feindlicher! Linien verschwinden. Die Masse wird erkannt und bleibt den Angriffen ansgesetzt, auch wenn sie die Uniformen wechselt. Aber Andersen war kein Tendenzpoet, wenn dieses Wort nicht überhaupt einen Widerspruch in sich selbst birgt. Denn der wahre Dichter schreibt überhaupt nicht um andere zu belehren, sondern weil er den inneren Trieb empfindet, das was ihn an Ideen beschäftigt, in Worte zu fassen und zu Papier zu bringen. Gerade dieses Darstellen ungewollter eigener Empfindung bringt ihn uns menschlich nahe. ' Und dies Natürliche, Ungewollte, hat Andersens Schriften, auch seine Märchen, die fast alle Kritiken menschlicher Schwächen und gesellschaftlicher Verhältnisse enthalten, zu Volksbüchern gemacht. Gerade darum sind sie auch für uns Juden so lehrreich. Sie beweisen ungewollt und darum zwingend, dass man uns stets als einen Sonderbestandtheil im Volkskörper betrachtete, auch um die Mitte des Jahrhunderts, als es angeblich keinen Antisemitismus gab und das schöne, viel missbrauchte Wort „Realpolitik" noch nicht existierte. Sie beweisen uns weiter, dass mau irrstinctio als Folge äußeren Druckes und seelischer Vereinsamung eine stärkere Betonung des latenten Nativnalgeftihls bei uns voraussetzte und endlich, dass ein moralisches Verkommen da eintretcn muss, wo die Möglichkeit fehlt, dies Empfinden zu bethätigen und wahr gegen sich selbst zu sein. Man wird uns keinen Vorwurf daraus wachen dürfen, dass wir uns bemühen, aus dem Verständnis der Dichtung die Consequenz für die Wirklichkeit zu ziehen. Wer sich selbst treu bleibt, der kann untergeben, aber nie elend werden. W Die Goidschilds. Roman ans dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (25. Fortsetzung.) Der Frankfurter hielt sein Wort. Noch che die ausbedungene Bedenkzeit verstrichen war, gab ein Diener im Gasthose einen zierlich geschriebenen Brief ab, durch den Herr Jsak Goldschild znm Mittagstisch bei Herrn Kohn geladen w».rde. Tie schöne Tochter des Hauses hatte gehorchen gelernt. Zwei Tage daraus nahm sie die Glückwünsche ihrer Freundinnen zu ihrer Verlobung entgegen. Jsak gab sich alle Mühe, ein vortrefflicher Bräutigam zu sein. Er licß es weder an Aufmerksamkeit noch an schönen Reden fehlen. Niemals ließ er es Fräulein Arabella entgelten, dass sie ihn damals in Paris so hvchmüthig behandelt. Er war ihr eben schwach und gering erschienen. Daher hatte er die Demüthignug verdient. Seine Ausgabe blieb es, seiner Gattin von nun au als der Stärkste und Klügste zu gelten. Demi der merkwürdige kleine Jude forderte nur, dass ihm sein Recht wurde. Er hatte sich senre Frau durch seinen Verstand „erworben." Es war seine Sache, das Erworbene zu erhalten. Die Hochzeit wurde thunlichst beschleunigt, da die Geschäfte Jsak nach Paris riefen. Was er sich in jener denkwürdigen Battnacht vorgenommen, gieng buchstäblich in Erfüllung. Herr Osterheim war es bald^überdcüffig, sich von seinem neuen Cvmpagnvn demüthigen zu lasten. Nach einigen fruchtlosen Versuchen, sich vermöge der stärkeren Intelligenz zu behaupten, räumte er bedingungslos das Feld und zog sich nach dem friedlichen, nahen Passy zurück. Das Haus in der me Honore gieng in den Besitz des jungen Goldschild'schen Ehepaares über, das dort seine nüchternen, sorgenschweren Honigmonde verlebte.