Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 45 (11.11.1898)
- Article
- Die Juden in Andersens Schriften
- Date
- 1898-11-11
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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»eile 14 45 dass man oft der Frage begegnet, ob denn Andersen seine Werke bewusst, dass das jüdische Bolksthum, welches sie inconsequenterauch deutsch abgefasst habe, wie Heinrich Heine einen Theil weise in Wort und Schrift verherrlichen, nnzerstörbar war. seiner Dichtungen selbst ins Französische übertrug. Und weil Andersen so ganz das Empfinden des deutschen Volkes in verflossenen Jahrzehnten wiederspiegelte, interessiert er den jüdischen Historiker. Wir ersehen aus ihm, wie man um die BLitte des Jahrhmiderts das Judenthum außerhalb des Parteigetriebes betrachtete, wie mau die Juden in einer Zeit beurtheilte, in der die Judenfrage durch die Fortschritte der Emancipationsbewegung endgilrig gelöst schien. Andersen entbehrt im modernen Sinne häufig der Technik. Man mag über die moderne Literatur denken wie man will, sie schätzen oder für „decadente“ erklären — in dieser Beziehung hat sie uns verwöhnt, und wir verniissen bei den älteren, bedeutenderen Autoren die Routine, welche die „Jungen" auszeichnet. Andersen fiel es ganz besonders schwer, ein Milieu zu geben, durch kleine characteristische Streiflichter und Schilderungen uns in dem geschilderten Kreise heimisch zu machen. Seine Hauptrollen sta'tete er mit liebevollster Sorgfalt aus, zeichnete jede ihrer Eigenschaften natürlich und mit großem Lebensverständnis, weil er sie dednctiv logisch entwickelte und aus sich selber schloss, wie jene sich unter gegebenen Verhältnissen verhalten müssten. Dagegen fehlt den Nebenpersonen völlig das Plastische. Sie wurden skizzenhaft auf das Papier gezeichnet, leicht hingeworfen, erscheinen in der Erzählung und verschwinden,' ohne uns erwärmen zu können. Und weil Andersen die Welt durch die Brille einer leichten, mit Sentimentalität gemengten Romantik sah, schuf er da, wo es ihm nur darauf ankam, Verhältnisse zu schildern, Typen, Menschen wie sie hätten sein können aber sicher nicht vorhanden waren, Personen, welchen jede Individualität abgeht. Und ganz besonders schilderte er in dieser romantischen Weise die jüdische Gesammthcit. Ihm war das Judenthum kein vielgliedriger Organismus, keine Fülle von Einzelwesen, die ein Recht auf Svnderentwicklnng und eigene Meinung haben, sondern der in starre Form gegossene, durch Leiden und stille Wehmuth verklärte Ueberrest eines Volkes, „dessen Haar schwarz wie Ebenholz, dessen Augen dunkel und doch voll Glanz uns Licht, wie es dem Orient eigen ist". Ein Ueberrest des biblischen Volkes, das wie ein Schatten seiner selbst über die Erde wandert, einer fernen Zukunft entgegen, und sich verzehrt in Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. Der alte Diener Joäl in „Nur ein Geiger" gibt dem in orientalisch blumenreicher Sprache Ausdruck, wenn ec an der Bahre des Herrn klagt: „Ach, keine Tochter Israels wird Deine Leiche waschen, die rothen Flammen haben es gethan; das Feuer war trockener als die Kräuter, rother als die Rosen, die wir in das Bad unserer Todten thun. Aber auf dem Beih hachaim *) soll Dein Grabstein doch sich erheben, Du sollst in Dein geweihtes Grab kommen, von wo der schwarze unterirdische Stroni Dich einst nach Jerusalem führt." Stets von neuem kehrt diese Sehnsucht nach Zion wieder in den Gesprächen, die er seine Juden führen lässt; selbst an den Thürpfosten ihrer Häuser steht es eingegraben : „Vergesse ich Deiner, Jerusalem, so werde ich meiner Rechten vergessen." So denken und sprechen Nationaljuden. Inmitten der Emancipattonsepoche, die den Juden Bürgerrechte verlieh, deren Bestrebungen Andersen verstand und billigte, erschien es ihm doch unfassbar, dass die Angehörigen des ältesten lebenden Culturvolkes freiwillig sich selbst, ihre Nattonalität opfern könnten, um der äußeren Gleichberechtigung willen. Hier kommt so recht zum Ausdruck, wie die Anhänger der Assimilation, Christen und Inden, sich über ihr eigenes Empfinden täuschen. Erstere wollten die Juden zu Deutschen, Franzosen, Engländern, Dänen machen und empfanden doch un- *) Haus der Lebenden—Friedhof. Und die Juden glauben mit der äußeren Anpassung auch die innerliche vollendet zu haben, während sie doch wie bisher eine Sonderexistenz im fremden Volkskörper führten, die damaligen Juden Westeuropas waren zweifellos mit dem Aufgehen in den Wirtsvölkern durchaus einverstanden. Andersen wusste das — und zeichnete doch nicht jüdische Dänen sondern dänische Juden, weil er mit dem Instinkte des Dichters den uralten Stolz des Juden auf feine Abkunft erfasste, der im letzten, verachteten und verspotteten Hausierer lebt und allein ihm das Selbstgefühl verleiht, das allen Kränkungen und Bitternissen einer jammervollen Alltäglichkeit Trotz bietet. Dieser Stolz verklärte sich dem Dichter zu einem Nationalgefühl, das thätsächlich zu seinen Lebzeiten nur latent vorhanden war, zu einer leidenschaftlichen Empfindung, wie er sie bei allen denen voraussetzte, die unschuldig, wegen ihrer Abkunft leiden. Diese Grundanschauungcu übertrug er auch auf die Hauptcharaktere seiner Schriften, mit deren Individualisierungen er sich ehrlich und eingehend beschäftigte. Aus Naomi, der Heldin seines vorgenannten Romanes, lastet der Fluch missachteter Herkunft doppelt schwer. Der Dichter wollte wohl dem Leser das Verständnis dieser eigenartigen Frauennatur erleichtern, indem er ihr doppelte Ursache gab, mit dem Geschicke wegen ihrer Geburt zu hadern. Ihr Leben entspringt einem Verbrechen, das ein Norweger an ihrer Mutter verübte, und diese war eine Jüdin. Der 'Manu, bei deur sie aufwächst, hat die Todte einst geliebt, sie aber dann verachtet, weil er an ihre Unschuld nicht glauben konnte. Ein letzter Rest des einstigen Gefühls ließ ihn die heimatlose Waise zu sich nehmen. Und Naomi empfindet jedes Wort, das gegen die nie von ihr gekannte Mutter gesprochen wird, jedes Schimpfwort, das ein Gassenjunge dem vorüberwandernden Handelsjuden nachjohlt, wie einen Stich im eigenen Herzen. Das sanfte Kind wird kalt und hochmüthig gegen die verständnislose Umgebung, ungerecht gegen diejenigen, welche ihr am nächsten stehen, und denen sie Wvhlthatcn verdankt. Sie fühlt sich hiugezogen zu den Armen und Bedrückten, deren Blut in ihren Adern rollt und die sie doch öffentlich nicht anerkennen kann und darf, will sie der Familie ihres adeligen Pflegevaters länger angehören. Erschütternd kommt der Ausdruck zwischen Gefühl und Nothwendigkeit zum Ausdrucke am Sterbelager des alten Joel, der ihrem Vater so treu gedient hat. Noch in Thränen sagt sie der alten Bauersfrau, die das vornehme Fräulein erstaunt betrachtet: „Woher sollte ich den alten Juden kennen?" In einsamer Kammer birgt sie ihren Schmerz. „Der Instinkt sagte ihr, dass Thränen nur Mitgefühl bei denen finden, welche glauben, dass man wie sie selbst leidet. Und sie las in denk alten Testamente mit einer Begierde, wie der Adelsstölze in seiner Stammtafel liest. Ihr Herz schlug laut bei den kühnen Frauen, von denen die Schrift spricht, der muthigen Judith urrd der klugen Esther: „Meiner Mutter Volk war ein erleuchtetes, siegreiches Volk, als der Norden nur wilde Horden kannte." Da es zu Andersens Zeiten noch keinen Zionismus gab, dem er bei seiner Neigung für große, weitausschauende Ideen sicher Sympathie entgegengebracht hätte, konnte er seine Heldin, im Bewusstsein der Ohnmacht gegenüber einer Welt, Vergessenheit nur im 'Genuss suchen lassen. Aber ihre Empfindungen sind dieselben, die dreißig Jahre später beim Entstehen des Antisemitismus die Judenheit thätsächlich beseelten. Wir alle kennen das Gefühl der Verlassenheit, machtlosen Trotzes, das jeden Ehrliebenden erfüllte, bevor der zionistische Zukuuftsgedanke die nervöse Spannung von unseren Gemüthern nahm. Beim Anblick all des Leides um uns her, begannen wir uns auf uns selbst zu besinnen, mit Sehnsucht der Zeit zu gedenken, in der unser Voll einst groß gewesen, in welcher die