Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 45 (11.11.1898)
- Article
- Assimilation oder Regeneration?
- Date
- 1898-11-11
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 J*$rtlWt Nr. 45 schon vom Hals zu halten weiß. Dies Beispiel muss von den Juden soviel als möglich nachzeahmt werden. Können sie geschlossenen Grundbesitz erwerben, in ganzen Bezirken, Comitaten oder Provinzen wirkliche Majoritäten erlangen, so ist der Regenerationsprocess, der ja nur Ruhe und Sicherheit des Lebens voraussetzt, noch in höherem Maße garantiert. Unter allen Umständen ist dann für später die Recrutierung erleichtert. Aber auch sonst muss die jüdische Bevölkerung sich besser ihrer Haut webren. Ich stelle mir beispielsweise vor, dass tobsüchtige Lümmel von der Qualität der Gregorig und Schneider in einer ungarischen parlamentarischen Körperschaft in ihrer Weise den Koth ihres Herzen über die Zunge laufen ließen, wie das in Wien geschieht: auf wieviel Fußtritte und gar nicht moralische Ohrfeigen hätten diese Zweihänder schon in der ersten Woche Vonseiten ihrer jüdischen Collegen zu rechnen? Ich bin wahrhaftig nicht für das parlamentarische Faustrecht, aber ich muss gestehen, solchen Individuen gegenüber scheint mir doch nur die ungarische Methode des Stiefelabsatzes am Platz. Das gehört nach meiner Ausiasiung mit zum Zionismus, dessen Endziel ja nicht erreicht werden kann ohne vorherige gründliche Stahlkur des in langem Elend degenerierten jüdischen Volkes. Der Kritik werde Kritik entgegengesetzt, der Insulte aber die Insulte; das mögen die Herren jüdischen Volksvertreter sich gesagt sein lasten, wenn sie dabei auch vielleicht ihre Physiognomie unangenehmeren Argumentationen aussetzen. Besser geschlagen werden, als angespieen. Beschimpfen lasten darf man sich nicht, wenn man zum Hass der Feinde nicht noch deren Verachtung tragen will. Gibt es unter den jüdischen Parlamentariern in Oesterreich keinen, der Herz und Hand auf dem rechten Fleck hat? Wenn nicht, so ergibt sich daraus noch viel eindringlicher die Lehre, dass die Juden nicht der Assimilation, sondern der Regeneration bedürfen. P Gi«e Erwiderung. Von L. Mozkin. (Fortsetzung.) Um ein schwerwiegendes Uebel zu vertuschen, hat sich Herr Bambus an Worte, nicht an die Sache geklammert und noch dazu für mich daraus eine wesentliche Unwahrheit construiert. Als ich auf dem Kongress sprach, dachte ich hauptsächlich an das Uebel, das von mir übrigens recht milde erwähnt wurde, und mochte mich in der osficiellen Bezeichnung der Thätigkeit sener Mädchen geirrt haben. Das Verhältnis des Predigers von Rischon-Lezion zu dem Schulwesen war mir unbekannt, während ich allerdings wusste, dass in Sichron-Jacob H. Rapaport in irgend einer Beziehung zu den dortigen Schulen steht, meinetwegen die Oberaufsicht führe. Es ist aber gleichgiltig, ob die Mädchen formell die Oberaufsicht führen oder nur als Vorsteherinnen und Lehrerinnen ihren schlechten Einfluss ausüben. Es handelt sich nicht um die Oberaufsicht, sondern um den bestimmenden Einfluss. Wenn z. B. in Petha-Tikwah, wo ich die sein, dass schon der Mangel an Mitteln die kleine Colonisation verhindert habe, Mustergiltiges anlegen zu wollen. Eine seltsame wissentliche Unwahrheit, die geradezu spasshaft ist; darüber kann man nur lachen. Eine Auffassung, die nach der Ansicht mancher falsch ist, wird zur wissentlichen Unwahrheit gestempelt. Wie oft ist es übrigens ausgesprochen, dass man in Palästina Muster jüdischen Fleißes, hebräischen Geistes schaffen wolle. Dieser Gedanke wurde von unzähligen Personen in Reden und Aufsätzen ausgesprochen; als von einem typischen Beispiel darf ich auch von mir sprechen, stets, während meiner Propaganda für die Kleincolonisation habe ich es ersehnt und erhofft. Solches Wollen machte die Kleincolonisation viel berechtigter und anziehender, es wurde immer mächtiger, als der Gedanke der Lösung der Judenfrage immer mehr in den Hintergrund trat. So erklärt sich das Interesse für jene Tausende jüdischer Ansiedler in Palästina, für jede Schule, jede Institution, die drüben gegründet wurde. Eine Musterheimat sollte es werden für einen kleinen Bruchtheil der Judenheit, eine Erziehungsanstalt. Indes kann man darüber auch anderer Ansicht sein; ich werde deswegenNiemand einer wissentlichen Unwahrheit beschuldigen. A propos, wenn ich von Eolonisation spreche, denke ich am allerwenigsten an den Verein „Esra", dessen Mittel in gar keinem Verhältnis zu den überhaupt verwendeten Summen steht. Noch viel schlimmer sei die Behauptung, dass die gegenwärtige Eolonisation bewirke: Verachtung der Juden seitens der anderen Bevölkerung ob der Demütigungen, die der Jude wegen der Infiltration zu ertragen hat. Es sei wohlbekannt, dass seit dem Einwanderungsverbot von 1891 die Eolonisation gar keine Infiltration betrieben hat, dass weder Rothschild noch die Colonisationsvereine europäische Juden zur Einwanderung veranlasst haben. „Gewiste „politische" Zionisten setzen mit einem Taschenspielerkunststück Infiltration und Colonisation gleich und machen die Anhänger der gegenwärtigen Colonisation für eine Einwanderung verantwortlich, vor der dieselben immer gewarnt haben." Hat man Worte, ruft der Berliner in solchenr Falle aus. Das ist" doch neu. Wie groß, frage ich, ist der Percentsatz der wirklich palästinensischen Juden, die für die Colonisation verwendet worden sind? Nun, es ist wahr, von den Dampfern sind die Juden nicht gleich in die Colonien hinabgezogen worden, aber die Colonisation richtete stets auf die fremden Juden ihr Augenmerk. Deswegen giengen viele auf dem Wege der Infiltration, ohne sich darum zu kümmern, dass nur den Reichen angerathen wurde, nach Palästina zu gehen. Welche Freude empfanden wir alle, so oft wir von einer auch nur kleinen Zahl Neuangekommener hörten. Man erinnere sich doch nur des Umstandes, wie viele Genossenschaften gerade von Colonisatoren in verschiedenen Ländern behufs Uebersiedlung nach Palästina gegründet worden. Konnte dies anders als vermittelst der Infiltration bewerkstelligt werden? Unter Infiltration übrigens versteht man doch noch mehr als Landung; die ganze übrrge Thätigkeit ist doch ebenfalls Infiltration, womit man gewönlich die bekannte irreguläre Arbeit bei dem abnormen Verhältnis des Bakschischwesens bezeichnet. (Fortsetzung folgt.) P Wien, 7. November 1898. Sehr geehrter Herr Redacteur! Wir ersuchen höflich um gütige Aufnahme nachstehender Eine kleine Anzahl jüdischer Mädchen gründeten wir vor chulverhältniye nicht näher^ kennen gelernt, nach der Angabe des Herrn Barnbus in seiner Schrift „Palästina, Land und Leute" ^zwei Jahren einen literarisch-geselligen Verein. Wir hatten an ' der selbst die Wirkung erfahren, welche die Lectüre der jüdischen Geschichte ausübt. Sie hatte uns stolz gemacht auf unseren vorn Jahre 18'.«8 die Frau des Administrators Tircctrice Administrationsschule ist, so dürfte es rvohl selbstverständlich sein, dass nur sie in ihrer Schule zu schalten und zu walten hat. Die Frage ist die: Existiert im Schulwesen der Administrationscolonien, urn das gelinde Wort zu gebrauchen, ein schwerwiegendes Uebel, durch den Einfluss jener Mädchen hervorgerufen, ein Uebel, an welchem das Schulwesen geradezu krankt? Ja oder nein? Kämpfen nicht die Zionsfreunde schon seit Jahren dagegen? Doch daraus wird Herr Bambus überhaupt nicht direct antworten. Um kein Missverständnis zu erregen, füge ich noch hinzu, dass ich durchaus nicht der Ansicht bin, dass die Frauen nicht den Männern gleich befähigt find, an der Schulausbildung der jüdischen Kinder mitzuarbeiten. Ganz anders jedoch verhält es sich in dem besprochenen Falle. Hoffentlich werden in der Zukunft die palästinensischen Lehrerinnen in den Colonien für ihren Beruf wahrhaft vorbereitet und von anderem Geiste beseelt sein, so dass sie auch formell werden die Oberaufsicht führen dürfen. 4. Ich habe gesagt, dass gerade die kleine Colonisation darauf ausgehen will, Mustergiltiges zu schaffen. Aber als ehemaligem Schriftführer des Vereines „Esra" sollte es mir bekannt Stamm und dessen Vergangenheit, und wir wünschten sehnlichst, dass auch andere, viele, ja alle jüdischen Mädchen denken und emfinden sollten wie wir. Die Helden und Gesetzgeber unseres Volkes und seine uns fast völlig unbekannte Literatur kennen zu lernen, war das einzige Ziel unseres Vereines; von Zionismus und Assimilation wussten wir wenig oder gar nichts. Es ist selbstverständlich, dass wir uns vor allem an jüdische Lehrer und Theologen wandten. Leider sanden wir hier nur wenig Entgegenkommen. Es war mit einer einzigen Ausnahme, unter all diesen Lehrern und Theologen keiner, der unserem Vereine einige Stunden seiner kostbaren Zeit hätte opfern wollen. Wenn unsere Vorträge später dennoch durch Inhalt und Form Interesse erregten, so müssen wir dies einem ganz anderen Factor, dem Zionismus, zuschreiben. In dem Locale, das ein Geschäftsmann uns ein volles Jahr hindurch unentgeltlich überließ, hörten wir mit Staunen zum erstenmal von den Leiden unserer Brüder sprechen, von der großen Tragik der sogenannten Judenfrage. Wir hatten Vortrag auf Vortrag,