Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 45 (11.11.1898)
- Article
- Assimilation oder Regeneration?
- Date
- 1898-11-11
- Page
- 7 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 45 Seite 7 AjsirniLalron oder Regeneration? Von Dr. Hugo Ganz. (Budapest.) Columbus zog aus, auf dem Seewege Indien zu finden. Das gelang nicht bei der ersten Fahrt, aber ganz resultatlos verlief sie doch nicht; beifpielsweife wurde Amerika entdeckt. Das bisherige Resultat der zionistischen Bewegung mag an die „verfehlte" Unternehmung des Genuesen erinnern. Das gelobte Land ist den Juden noch gesperrt, aber ein anderes Zion ist bereits gefunden worden, so wichtig fast, Wiedas erhoffte und sicherlich auf dem Wege zu jenem gelegen: das jüdische Selbstgefühl. Nicht das Selbstgefiihl des süffisanten Literaten oder aufgeblasenen Börsianers, sondern das des Juden als Juden, der Dank der neuen Bewegung nicht mehr gar zu ängstlich darauf bedacht ist, fein Jndenthum zu verbergen oder gar wie einen Schimpf zu verleugnen. Wenn die ganze zionistische Bewegung, was traurig wäre und auch nicht zu befürchten ist, im Sande verlaufen sollte, bliebe dies eine Resultat schon ein vottgiltiger Anspruch der Initiatoren auf den Dank ihres ganzen Stammes. Der Jude fühlt sich wieder als Jude, er fühlt sich überhaupt wieder. Damit ist die Jndeufrage in ein ganz neues Stadium getreten. Bor zehn Jahren noch war jedermann eines beifälligen Lächelns sicher, wenn er citierte, das Judenthurn sei gar keine Religion, sondern ein Unglück: die „Objectivsten" fanden, dass es das Fortkommen in der Welt erschwere, und die Gesetzestreuen seufzten: wir sind im Golus. Die Folge dieser Auffassung war bei denen, die von der religiösen Tradition sich losgelöst hatten und nicht in exclusiv jüdischen streifen lebten, dass sie entweder selbst zum Christcnthum — ohne inneren Beruf — übertraten oder doch ihren Kindern schon bei der Geburt die Wohlthat der Taufe zutheil werden ließen, bei den religiös Gesinnten aber ein trübseliges Weiterschleppen der ererbten schweren Bürde, Hoffnungslosigkeit bei allen. Die Stimmung der absoluten Resignation ist heute gewichen; dir Bedränger des jüdischen Stammes finden nicht mehr eine wehrlose Maffe vor dem stampfe schon fluchtbereiicr Lämmer. Die Juden fühlen sich mit Stolz wieder als die Abkömmlinge einer Raffe, der gegenüber die Massen auch in den fortgeschrittensten Nationen Europas nur als halbbarbarisch gelten können; sie fühlen, dass eine Uebermacht von hundert gegen einen sie bedrücken, aber nicht mehr, dass sie sie entehren kann. Das Affimilationsansinnen wird mit Würde zurückgewiesen. Tie Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht. Das Assimilationsbestreben war ein Jrrthum. Dennoch wollen wir jene nicht schelten, die diesem Jrrthum ihre ganze Lebensarbeit gewidmet haben. Der Jrrthum entsprang gutem philanthropischem Willen und einer aus den Zeiten des Nationalismus stammenden Verkennung der Menschennatur. Die Ethiker des Nationalismus glaubten, wie einst auch Sokrates, dass es pur eine Menschensecle gebe, die ganz nach Wunsch und Belieben bearbeitet, geformt werden könne. Sie glaubten daher auch, dass man den in Europa geborenen semitischen Inden nur europäisch zu erziehen brauche, um ihn zum Deutschen, Franzosen, Engländer jüdischen Bekenntnisses zu machen. Da aber das Bestreben der besser situierten Juden darauf ausgieng, ihren Glaubensgenossen das Fortkommen in der anders gearteten Umgebung zu erleichtern, so legten sie es ihnen dringend nahe, alle Sondcreigemhümlichkeiten zu beseitigen. Aus diesem Bestreben entstand ganz von selbst die weitere Anempfehlung der Taufe, die Befriedigung über nichtjüdisches Aeußere und manches andere, was uns heute als albern und würdelos erscheint. Gestehen wir es nur ein, es ist nichr unser Verdienst allein, dass wir heute einen richtigeren Standpunkt einnehmen. Erst die ganz kernechte antisemitische Bewegung, deren Echtheit nur von oberflächlichen Politikern verkannt und auf tendenziöse Schürnng zuriickgeführt werden kann, diese antisemitische Bewegung hat uns darüber vollständig belehrt, dass eine Assimilation ebensowenig möglich ist, wie etwa der Uebertritt von der gelben zur rochen Raffe. Das europäische Rassengefühl hat gegen das Eindringen des wesensverschiedenen, jüdischen Elementes sehr energisch reagiert, und so sind wir uns erst recht unserer Wesensverschiedenheit bewusst geworden. Heute können wir das Assimilationsansinnen als eine Thorheit oder eine Beleidigung zurückweisen. Die von uns die Assimilation fordern, wissen entweder immer noch nicht, dass mau aus seiner Haut nicht heraus kann, dann sind sic Thoren, oder sie wissen es, dann mnthen sie uns schändliche, alltägliche Selbstverleugnung und Selbsterniedrigung zu, die darin bestünde, dass wir Arierthum heucheln, unsere Justinctc unterdrücken und in die uns gar nicht passende Haut der Arier hineinschlüpfen, d. h. sie beleidigen uns tödtlich. Ihnen gegenüber vertheidigen wir mit Energie das Recht ans Selbstbehauptung, das Recht auf unbefangene, nicht zerquetschte Existenz. Aber so irrig das Assimilationsbestreben auch war, so gieng cs doch von einer richtigen Erkenntnis aus, von der Erkenntnis, dass der Jude sowie er dem Ghetto entschlüpft war, nicht weiter existieren dürfe. Nur venvrchselte man die Nothwendigkeit einer Regenerierung mit der einer vollständigen Umwandlung, oder man glaubte, die Regenerierung am besten dadurch bewirken zu können, dass man den Juden in eine ganz nichtjndische Umgebung hineinsteckte, wo er dann durch Imitation erlernen sollte, von den andern sich nicht mehr zu unterscheiden. Man vergaß dabei nur das Eine, dass diese anderen nicht wohlwollende Pädagogen waren, sondern Concurrenten oder mit Gehässigkeit imprägnierte Feinde, im besten Falle Leute mit anderem Raffegefühl, das sich gegenüber dem Eindringling nicht zum Schweigen bringen ließ. In dieser Umgebung mochte der affimilationseifrige Jude wohl jede Art von Liederlichkeit sich aneignen oder sonstige Aenßerlichkeiten, meist Unarten erlernen, aber das Hauptkennzeichen des gehetzten Ghettojnden, die Furchtsamkeit, die nervöse Angst vor der hundertfachen Uebermacht wurde er nie los. Und diese Furchtsamkeit hat nicht mir die Bösewichte unter den Nichtjuden ermuthigt, sie hat auch die Edleren unter ihnen abgestoßen und ihnen die Ueberzeugung beigebracht, dass der Jude unedlen Geblütes sei, keinerlei Wohlwollen verdiene. Diesem Uebelstand hat die zionistische Bewegung jetzt schon bei allen ihren Anhängern abgcholfen. Der Jude bleibt unter Seinesgleichen und existiert dort unbefangener, frei von dem entnervenden Einflüße ständiger Furcht und Selbsterniedrigung. Er besinnt sich aus sich selbst und lernt, wo es nöthig ist, sich auch seiner Haut zu wehreu. Aber ich glaube mit der bloßen moralischen Emaucipation vom Ghettothnm ist cs noch nicht gethan. Die Regenerierung muss vor allem eine körperliche sein. Ich gestehe, die ^Nachrichten von den galizischen und algerischen Judenverfolgungen haben in mir das Gefühl der Empörung nicht nur gegen die bösartigen Verfolger erregt; ich war nicht minder erbittert über die Stammesgenoffen, die sich doch gar zu wehrlos von ihren Verfolgern peinigen lassen. Weder in Algier noch in Galizien bilden die Inden so verschwindende Minoritäten, dass sie sich ohne den Versuch einer Bertheidigigung plündern und abschsachten lassen müssten. Dazu wohnen sie meist noch in besonderen Quartieren, also in Bi affen zusammen. Können da ein paar hundert betrunkene Bauern wirklich Städte mit taufenden jüdischer Einwohner ungestraft verwüsten? Und wenn, warum können sie es? Eine der ersten Ausgaben des Zionismus ist m. E. die Pflege der Wehrhaftigkeit unter der jüdischen Bevölkerung. Jüdische Turn- und Schützenvereine, jüdische Fechtclubs muffen gebildet werden, ausgediente jüdische Soldaten die jüdische Jugend ein wenig militärisch dritten. Wenn erst ein Dutzend blutgieriger Plünderer sich an jüdischen Bajonetten aufgespießt haben werden, wird den andern schon der Spaß vergehen. In Ungarn wohnen in Dörfern und Städten trotz starken nationalen Antagonismus Magyaren, Schwaben, Slaven und Romanen beisammen, ohne dass cs zu nenueswerten Ansfchreitnngen oder gar Verfolgungen käme. Warum das? Weil jede Nationalität ihre eigenen Bezirke bewohnt und sich Feinde