Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 45 (11.11.1898)
- Article
- Noch einmal die preußischen Landtagswahlen
- Date
- 1898-11-11
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315788-3364142--08996-3364233- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Sit. 45 und Dr. Max Hirsch wurde zwar nach langem Hin und Her mit einer winzigen Mehrheit unter die Candidaten eingereiht. Aber das Gefühl der Zurücksetzung ist den großen unbefangenen Massen der jüdischen Spießbürger nun doch einmal erweckt worden und mit dem naturgemäßen Triebe, sich zu fühlen, dürfte es doch einmal für die Abkehr vom Freisinn werben. Jiuir-könnte man fragen, warum denn die assimilativnswüthigsten Juden, die auch „bescheiden" genug sind, sich nicht einer regierungsfähigen Partei, etwa den Nationalliberalen, anschließen; und es wäre zu erwidern, dass es nicht an ihrem guten Willen fehle. Aber sogar die Nationalliberalen (von den Conservativen und Freiconservativen zu geschweigen) mögen es im politischen Leben halten, wie sie es vielleicht im gesellschaftlichen gewohnt sind: sie verkehren mit angesehenen Juden zwar in Trinkstuben ganz freundschaftlich und ungezwungen, wißen es aber doch stets vorsichtig zu vermeiden, dass sie mit ihnen auch in einen echten Familienverkehr treten. Die Nationalliberalen wären durchaus nicht geneigt, sich auch nur zu einen: ausgesprochen freihändlerischen Standpunkt hindrängen zu lassen, vor der Börsen-Enquötecommission nahmen doch die nationalliberalen Kauflente einen von dem freisinnigen durchaus verschiedenen Standpunkt ein, und auch mit den antisemitischen Agrariern wünschen sie ein eher freundals feindschaftliches Verhältnis einzuhalten. So wird es dem Juden denn doch unmöglich, durch diese Pforte in einen Parteiverband einzutreten. Aber wie sie mit einflussreichen Juden in Trinkstuben — also in einer gewissen Distanz — recht gern verkehren und nur nicht die völlige Verschmelzung wünschen, so halten sie zu ihnen auch politisch gern eine freundschaftliche Stellung fest, wenn sie sich nur begnügen, in einem sonderlichen Parteiverbande neben ihnen zu bleiben. Und diesen sonderlichen Parteiverband stellt die „freisinnige Vereinigung" dar, die schon längst vor dem Rufe nach confessionellen Candidaturen das „jüdische Centrum" benannt worden ist. Natürlich kann sie keinen wurzelhaften Boden im Volke haben und ist sowohl bei den Reichstagswie besonders bei den Landtagswahlen ganz auf Compromisse mit benachbarten Parteien angewiesen. Bon diesen entfallen nun die meisten auf die östlichen Provinzen, wo die Juden noch ziemlich gedrängt beieinander wohnen und ökonomisch von beträchtlichem Einflüße sind und wegen der nationalen Gegensätze zwischen den Deutschen und Polen die Entscheidung in der Hand haben. Hier sind auch in der Stadt Posen der bereits erwähnte Justizrath Lewinski und im Wahlkreise Mogilno-Wongrvwitz der Landesgerichtsrath Peltasohn aus Bromberg aufgestellt worden. Solche Candidaturen werden dort allgemein, vor allem von den conservativen Couffirvmissgefährteu als confejsionelle empfunden; nur wird die Parleibezeichnung der „fteisinnigeu Bereinigung" von den Juden durchaus gefordert, um das wirkliche Verhältnis zu verhüllen, wie sie ja auch überall in ihren Vereinen gern einige sogenannte „Renommierchristen" haben, um nicht den specifisch jüdischen Charakter des Vereines offenbaren zu müßen. Dabei dürften solche Compromiss-Candidaturen der eigentlichste Zustand für die politischen Assimilatious-BestrebungeN der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens sein: sie stehen zwischen zwei besetzten Stühlen, ohne sich selber setzen zu köuue.i, und ihre ganze Erleichterung mag es nur sein, dass bald der Eine auf seinem Stuhle rückt und ihm ein bescheidenes Ncbenplätzchen gönnt, und bald der Andere. Dies dürfte nun gerade kein behaglicher oder auch nur lange erträglicher Zustand sein. Den Zionismus braucht er aber nicht viel zu scheren; denn während dieser nach dem Osten schaut und nur auf sein positives Ziel sinnt, sorgt für das Bedürfnis seiner Bestrebungen eine beinahe uaturgeschichllich nothwendrge Entwicklung, ähnlich wie etwa zwei bestimmte chemische Stoffe, zu einander gebracht, wohl einen bestimmten Gährungsprocess durchmachen, von einander weichen oder sich verwandeln müssen. Ein einzelner mag ein privates Händlerdasein vielleicht ertragen können, aber von einer großen Gesammtheit wird doch das Wort des Aristoteles zutreffen, dass der Mensch ein Zoon politikon sei, und wenn die deutschen Juden durch den Fluss der Entwicklung von jeglicher deutschen, politischen Thätigkeit abgetrennt sind, werden möglicherweise auch sie den Blick nach Osten lenken. Es wäre die wünschenswerteste Wirkung einer weitausschauenden zionistischen Propaganda, die Juden von den kurzen Hoffnungen, von der Theilnahme an all den kleinlichen Kämpfen des politischen Lebens abzuziehen; wie muss es nicht den Zionismus mit Freude erfüllen, wenn er sieht, dass ihm hier die höchst erwünschte Wirkung von der Gesetzmäßigkeit einer organischen Entwicklung mühelos zurheil wird. Me Woche. Wien, 0. November. Die Judenftage, die in Galizien vor nicht gar langer Zeit durch die Feuerwerkkünste der Landbevölkerung recht brenneud würde und von verschiedenen Fabriksdächern aus eine actuelle Beleuchtung erfuhr, wird jetzt am Schauplatz der Exceße dadurch gelöst, dass man von Zeit zu Zeit eine Anzahl Bauern zu kürzeren oder längeren Gefängnisstrafen verurtheilt. Da im Gesetze kein besonderer Paragraph für die Lösung der Judensrage vorgesehen ist, so können die Richter nach dem Buchstaben des Strafgesetzes allerdings nichts anderes thun, als einige Dutzend Halbbarbaren, die mit der Muttermilch sicherlich wenig Milch der frommen philosemitischen Denkart genoßen haben, in die mit Wasser und Brot gewürzten Gewohnheiten des Einsiedlerlebens einzuweihen. Es werden aber selbst leichtgläubige Naturen manche Zweifel hegen, ob die endgiltige Lösung der Judenfrage durch eine noch so tadellose und mühevolle Sträflingsarbeit herbeigeführt werden kann. Es existieren, wenn uns nicht alles täuscht, keine verlässlichen Daten darüber, ob die Gefangenhauskost einen nachhaltigen günstigen Einfluss auf die Erweckung philosemitischer Gefühle auszuüben vermag. Vielleicht, dass in allerjüngster Zeit diesbezügliche Versuche ein zufriedenstellendes Resultat ergeben haben. Wenigstens sehen wir bei den galizischen Gerichtsverhandlungen, dass das Strafausmaß, welches den Excedenten zutheil wird, sich im direct proportionalen Verhältnis zu deren Mangel an Philosemitismus befindet. Wer an einer heftigeren Form des Antisemitismus leidet, muss auf längere Zeit in die Heilanstalt wandern.Wenn nun wirklich ein Zusammenhang zwischen obigem Menu und der Vertilgung des Antisemitismus besteht, dann dürfte sich ein Kenner der galizischen Volksseele nur von einer mindestens lebenslänglichen Inhaftierung der Excedenten einen halbwegs dauernden Heilerfolg versprechen. Die Leipziger „Kricgervereine", die sich in den gegenwärtigen friedlichen Zeiten nicht wohlfühlen, haben in Ermangelung anderer Feinde den Juden den Krieg erklärt. Die „Kriegervereine" sollen in den heutzutage nicht mehr ungewöhnlichen Zustand der „Jndenreinheit" übergeführt werden. An diese Kriegserklärung knüpft die „Deutsche Tgsztg." den zeitgemäßen Wunsch, man möge die Juden überhaupt vom Heeresdienste ausschließen. Es soll also jetzt auch aus dem Schlachtfelde die Judensperre eingeführt werden, die Aßentcommission hat von allem Anfang streng darauf zu achten, dass sich unter das Blut, welches bei paßenden Anläßen den Boden der Walstatt zu „tränken" pflegt, ja kein jüdisches Blut einschleiche, und derjenige, der so unglücklich ist, in seinen Adern jüdisches Blut sein Lebtag mit sich herumschleppen zu müssen, soll fürderhin nicht mehr das Recht haben, sich erschießen zu laßen. Wie verschieden doch die Wege der Antisemiten sind! In Wien beantragen sie das Schnssgeld für die Jud"n und anderwärts gerade das Gegentheil.