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Die Welt · 1898-11-11 · 45 (11.11.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
45 (11.11.1898)
Article
Noch einmal die preußischen Landtagswahlen
Date
1898-11-11
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Ätr. 45 Seite 3 einem merkwürdig zahmen und gedrückten Leitartikel die „jüdischen Mitbürger" vor einer solchen „Thorheit" warnen musste. „Es wäre", hieß es da, „vom rein praktisch-politischen Standpunkt aus schon eine Verblendung, wenn sie glaubten, sie könnten bei ihrer geringen Anzahl und geographischen Zersplitterung eine neue Centrnmspartei im Parlament bilden. Diese Unterstellung scheint uns aber auch wesentlich aus dem Lager der Antisemiten und der denselben nahestehenden Kreise auszugehen. ..... Wir hoffen, dass unsere jüdischen Mitbürger sich von solchen Gefühlen nicht beeinflussen lasten, dass vielmehr die liberale Partei Beweise geben wird, dass ein Candidat, der sonst Garantien für seine Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit der Partei gegenüber bietet, nicht deshalb ausgeschlossen wird, weil er Jude ist." Vorher hatte das „Berliner Tageblatt" desgleichen bereits gegen Eugen Richter polemisiert, aber gerade nur, weil „Herr Lewinski sich in politischen Dingen mit Recht in erster Linie als Deutscher fühle." Diese jüdische Bourgeoisie, als deren politischer Ausdruck das „Berliner Tageblatt" angesehen werden mag, und die schon beglückt ist, wenn sie nur geduldet und nicht bald äußerlich . attaquiert wird, musste ja auch in der Candidatur des freisinnigen jüdischen Justizrathes, der von den extremsten Conservativen und den höchsten Regierungsbeamten unterstützt wurde, etwas sehen, wie eine Gloria ihrer Stellung innerhalb des deutschen socialen Lebens. Sie denkt wie die „Tausende", von denen der immerhin persönlich sehr achtungswerte Berthold Auerbach 1881 schrieb, dass sie „in den Straßen umhergehen und jedem Begegnenden dankbar sein muffen, dass er sie nicht beschimpft oder gar attaquiert, weil sie Juden sind"; und ihr ist es zumal erfreulich, wenn die Scheidung zwischen Juden und Christen möglichst verhüllt wird. Gar dass für den jüdischen Justizrath wirklich einige Wahlmänner mehr gewählt sind, als für seinen volksparteilicheil Gegner, wird sie mit der größten Freude erfüllen, obwohl das Landtagsmandat in Wirklichkeit nicht ihm zufallen, sondern voraussichtlich mit Hilfe der polnischen Wahlmänner der Bolksparteiler gewählt werden wird?) Diese Freisinnigen werden auch nicht das als ein wertvolles Ergebnis des Wahlkampfes ansehen, dass die Zahl der Freisinnigen von 20 auf 30—40 steigen dürfte, was freilich auch nicht viel sagen will, gegen etwa 200 Conservative. Sondern mit wahrhaftiger Genugthuung mögen sie etwa bei einem Bildchen verweilen, wie es sich bei diesen Wahlen (nach dem Berichte der „Bossischen Zeitung") in einem Charlottenburger Wahllocale darstellle, wo (man denke!) ein Ministerialbirectvr, ein Oberstabsarzt und ein Oberregierungsrath und sogar ein Postschaffner laut und öffentlich fiir liberale Wahlmännercandidaten gestimmt haben sollen. Eine solche Ausgleichung all der bitteren Gegensätze und Gehässigkeiten mag doch einem assimilationsbedürstigen, nicht gerade allznstolzen jüdischen Bourgeoisgemüth als das zurückgewonnene Paradies erscheinen, und das optiunstischeste mochte gar schon an die Periode von 1866—1876 zurückgedacht haben, die Jahre, in denen dw Assimilation mit dem Kitte eines verwaicheneu Liberalismus ihre festeste Fügung gehabt hatte. Aber auch im Jahre 1867 ergreift Berthold Auerbach, da er „am Osterfeste" mit dem befreundeten Literaturhistoriker Beruays Seder hält, tief die Bemerkung, dass die Juden schon einmal in Spanien ganz frei waren und wieder zurückgeworfen wurden, und er fragt: „Könnte es noch einmal so sein in der Geschichte?“ Ja, es könnte noch einmal so sein in der Geschichte. Der schöne Gottesfrieden, bei dem die Juden sich mit dem Geduldetsein begnügen und die schlimmsten Antisemiten sich damit zufrieden geben können, dass die Juden nun bescheiden geworden, ruht aber auf einem Schaumgrunde und nicht auf den festen Pfählen bereits vollzogener socialer Ausgleichungen. Die freisinnige Volkspartei kann die Juden wohl in ihre Reihen und somit in ihren Schutz aufnehmen, aber sie kann ihnen keinen dominierenden Einfluss gestatten, wenn nicht alle ihre *) Diese Voraussage ist unterdessen eingetroffen. Die Redaction. oppositionellen Schärfen opportunistisch abgestumpft werden sollen und sie sich selber aufgeben will. Und anderseits liegt es in der menschlichen Natur, dass die Juden sich mit dem Mitlaufen nicht begnügen mögen, sondern den Trieb haben, sich selber zu fühlen. Der Reaction gegen den Opportunismus der -jüdischen Bourgeoisie mag auch die scharfe Stellung der fteisinnigen Volkspartei gegen die freisinnige Bereinigung entstammen. Denn die freisinnige Bolkspartei ist doch vornehmlich die Vertretung des Kleinbürgerthums, und dass die kleinbürgerlichen Schichten leicht zu antisemitischen Gesinnungen neigen, dürfte doch in allen Ländern und unter allen Verhältnissen zutreffen. Es sind denn auch bereits jetzt — zur größten Verwunderung der oberflächlichen Betrachter — Bündnisse zwischen Freisinnigen und Antisemiten vorgekommen: im Hessischen haben die Freisinnigen gegen einen Nationalliberalen für den Antisemiten, bei einer Reichstagsnachwahl im Brandenburgischen die Antisemiten gegen den Conservativen für einen Freisinnigen gestimmt, und selbst dem edlen Ahlwardt haben die Freisinnigen den Vorzug gegeben gegen einen conservativen Agrarier. Ja. einem hervorragenden Volksparteiler, dem Abgeordneten Lenzmann, war vor wenigen Jahren im Reichstage von den Antisemiten nachgerviesen worden, dass er sich dahin geäußert, die Fortschrittspartei hätte lieber die antisemitische Bewegung in Scene setzen sollen. Die freisinnig-volksparteilichen Kleinbürger stehen den antisemitischen doch gesellschaftlich und wirtschaftlich am nächsten, und wenn auch von vornherein durchaus nicht antisemitisch gesinnt, so sind sie aber ebenso wenig in einem positiven Sinne philo semitisch. Wenn die jungen Leute, etwa Kaufleute oder Studenten, aus freisinnigem Elternhause und vielleicht ans Franken oder der Provinz Sachsen nach Berlin kommen und an dem Leben der fteisinnigen Vereine Antheil nehmen wollen, dann stutzen sie sogleich bei der ersten Betrachtung des ganz unverhältnismäßig überwiegenden jüdischen Elementes (chie Berliner freisinnigen Vereine sind beinahe identisch mit jüdisch-geselligen Sondervereinen), fühlen sich unbehaglich in einem ihnen fremdartigen Elemente und ziehen sich allmählich vom Vereine und damit von der fteisinnigen Partei zurück. In Berlin selber schadet freilich das auffällige Hervortreten des jüdischen Elementes der freisinnigen Volkspartei nichts; bier stehen 5059 freisinnige Wahlmänner 10-6 conservativen gegenüber; denn Berlin, das nicht nur die Hauptstadt, sondern auch die größte Handelsstadt des Reiches ist, zeigt eine wesentlich andere Structur, als die übrigen deutschen Städte. Hier ist es gar häufig, dass Christ und Jude als Compagnons gemeinsam geschäftlich thätig sind, Mischehen sind hier viel zahlreicher als im Reiche, und vor -allem zeigt der Geist der Bevölkerung hier jenen mercanrilen Smu, mit dem für die große Mehrzahl der Juden am ehesten eine Verständigung und sogar gesellige Berührung möglich ist. Aber für den Zuzug der jungen Provinzialen bildet eben die verschieoene sociale Structur das Befremdende, Verwirrende, Abstoßende. Dagegen kehrt die Leitung der freisinnigen Volkspartei zwar nicht gerade amisemitische Spitzen heraus, aber sie sucht die Juden wenigstens möglichst von allen auffälligen und repräsentativen Stellungen fernzuhalren. Jedoch die Juden spüren dieses Bemühen über kurz oder lang heraus, und leibst die „deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens" vermögen dann nicht die ihnen zugewiesene Rolle der Zurückhaltung stillschweigend zu ertragen und begehren einen Platz, wo sie sich als Freisinnige ehrenvoll bemerklich machen dürfen. Und der diesen Landlagswahlen machten sie die obenerwähnte Rebellion, die sogar in dem lauten Rufe nach confessionellen Candidaturen auslief. Freilich, die Mehrzahl der Juden mochte diese heimliche Zurücksetzung lieber ecngesteckt haben: in Posen hielt sie treulich zu dem Candidaten der freisinnigen Volkspartei, und in Berlin blieb bei der Nominierung der Candidaten in den freisinnigen Versammlungen Herr Dr. Friedemann, dessen Candidatur als „confessionelle" galt, in weitem Abstande hinter allen anderen Mitbewerbern zurück,

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