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Die Welt · 1898-11-04 · 44 (4.11.1898) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
44 (4.11.1898)
Article
Die Kraniche des Dreyfus
Date
1898-11-04
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 Nr. 44 Nunmehr wirkte die übermenschliche Seelenkraft die in ihm wohnt, so gewaltig auf seinen Körperzustand, dass die Dysenterie aushörte und er sich wie durch Zauber wieder erholte. Seitdem ist er wieder munter und ist sogar stärker geworden, was ohne Hexerei auf die Bewegungslosigkeit mehr als auf die Gemüthlichkcit zurückzuführen ist. Er kennt jetzt fast alles, was hier seinetwegen vorgeht. Das ist, meines Wissens, die erste erfolgreiche Eisenkur! Diese Geschichte erzählte ich heute einem Bekannten der bis vor kurzem Autidreyfusist war.. Gelt! sagte ich ihm. da. haben Sie die menschenfreundliche Moral Ihres Jnquisitionsstabs! Was sagen Sie dazu? Was ich dazu sage, erwiderte er, das wird Sie vielleicht verletzen. Nur zu! entgegnete ich, ich will heute lieber neugierig als empfindlich sein. Nun! seufzte er: Mit Euch Juden ist rein nichts mehr anzufangen. Ihr seid sogar ein krepierunfähiges Volk! Ach nein! sagte ich, das ist bei uns sozusagen schon mehr Blasiertheit. Zum Schlüsse eine originelle Anekdote. Neulich begab sich nach dem Elysee eine jüdische Redactrice der .Fronde'. Fräulein Helene See. Sie stieß gerade auf den Mariueminister Lockroy, der just herauskam und sie fragte: Wohin, Fräulein? Auf Neuigkeiten, erwiderte sie. Ach was! entgegnete Lockroy, steigen sie mit mir in meinen Wagen, ich werde Ihnen erzählen was Sie wollen. Nun fragte sie, was Neues? Das Neueste, sagte Lockroy, ist, dass wir bis an den Hals in der Patsche stecken und ich bediene mich dieses parlamentarischen Ausdruckes einzig, weil ich zu einer Dame spreche. P Hrief a«s Warschau. Neben den breiten Schichten, dem eigentlichenjüdischen Volk, das trotz seiner Mängel eine urwüchsige, eigenartige und lebenskräftige Masse repräsentiert, haben wir hier ein schwer krankes Fortschrittsjudenthum. Noch lebt es, noch manifestiert es sich bei irgend einer confessionellen Decoration, aber heftige, die Blutgefäße sprengende Zuckungen erschöpfen seine letzten Kräfte. Zum Schatten eines Pseudo-Confessionsjudenthums ist unser Fortschritt längst herabgesunken. Was sind Inden, die sich eifrigst bemühen, alles Jüdische mit rücksichtslosem Vandalismus auszurotten, weil cs Eigenart, weil es Individualität ist? Was sind Inden, die sich scheuen, ihre Rechte und Interessen als Juden zn vcrtheidigen? Einzelne von ihnen stellen sich an die Spitze unserer Eultusverwaltung, damit eine zur leeren Form ansgeartete Gemeindeangehörigkeit in den Schein der Confession gehüllt werde. Diese Gemeindeangehörigkeit hat fast nur den Zweck, mit einem Rest von Schicklichkeit die logische Voraussetzung der Fahnenflucht zu begründen. Keine Spur von jüdischer Sitte in den Familien, von jüdischem Geschichtssinn, von jüdischer Pietät; ein unaufhörlicher Abbröckelnngsprocess, ein Aufgehen in der Umgebung, eine vollständige Auflösung! Wie sollen wir dieses halbentseelte Fortschrittsjudenthum retten? Graut diesen Führern nicht vor der moralischen Verwüstung, die sie durch das Assimilationsficder anrichten, vor dem namenlosen Unheil, das sich an ihre Vogelstraußpolitik knüpft? Es gibt nur eine Methode, das Judenthum zu retten, und die besteht darin, das wir als Juden, freilich als gebildete Juden offen und ehrlich auftreten. Tann werden die Mitbürger, mit denen wir gerne auf dem Gebiete der Cultur friedlich, aber ohne Verleugnung unseres Stammesbewusstseins, zusaminenaröeiten wollen, veranlasst sein, sich unsere Mitwirkung zu sichern, dann werden die außenstehenden Kreise unseren Standpunkt anerkennen. Jetzt hat das Assimilationsprogramm eine arge Lücke, weil es die Frage nicht beantwortet, was zu geschehen habe, wenn man unsere Assimilation nicht will, oder wenn unsere Masse, wenigstens chr größter Theil, sich weder assimilieren will noch kann. Es fehlt der positive, über eine unfruchtbare Formel hinausreichende schöpferische Gedanke. Das Polenthum „mosaischer Confession" ist die reinste conventionelle Lüge, denn die Herren, die diese Formel proclamieren, kennen und beobachten das mosaische Gesetz genau so strenge, wie das Gesetz des Confucius. Eine ganze Generation, die Gebildetsten und Reichsten der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, haben sich langsam, mit dieser Formel auf den Lippen, getauft. Die jetzige Generation geht diesem Los unausweichlich entgegen. Wir Zionisten, auch diejenigen unter uns, die nicht auf dem confessionellen Boden stehen, wissen, warum wir Juden sind. Wir empfinden Judenthum im Blut, wir fühlen uns verwandt mit tausenden von Generationen, die uns vorangegangen sind, fühlen uns national und innerlich selbständig, von unserem Jchgefübl getragen. Aber ohne Nationalbewusstsein und confessionslos, wie es^thatsächlich fast alle unsere Fortschrittsjuden sind, — wie sollen sie Versuchungen überwinden und einen Kampf bestehen, um als Juden zu leben? Ist das nicht die reinste psychologische Unmöglichkeit? Und diese Herren bekriegen den Zionismus in der erbärmlichsten Weise aus moralischen Gründen, aus lächerlichen börsenmoralischen Gründen! Urü> ein Prediger dieser Herren lispelt am Vorabend des Versöhnungstages ein förmliches Anathema von der Kanzel herab gegen den Zionismus, gegen den verdammten Zionismus, der einen Judenstaat schaden will, während er, der gute Prediger, mehr als dies für das Judenthum in Anspruch nimmt: ein Himmelreich! Mir war es, als sähe ich schon dieses Himmelreich der assimilierten Banquiers, diese Walhalla der schon getauften und taufreifen „Bekenner der mosaischen Confession". Dieser herzensgute, harmlose Prediger! Seit dreißig Jahren säuselt er die feingedrechselten Phrasen von der Kanzel herab, und diese Gemeinde der Fortschrittsjuden entfremdet sich dem Judenthum immer mehr, und die Söhne und die Enkel der Begründer' dieser Gemeinde haben längst ihre Andacht nach ganz anderen Plätzen verlegt, und im Fortschrittsjudenthum ist es geistesöde, erbärmlich schablonenhaft, innerlich faul, zerrissen, aufgelöst, die Lebensquellen des Judenthums sind ausgetrocknet, keine Spur von jüdischem Wissen, von echt jüdischem Idealismus; das Volk, zähe, verhärtet im Goluth, ganz unzugänglich für den Fortschritt, der bei diesen Herren zum moralischen Selbstuiord führt, und diese Herren, die ein lügenhaftes, logisch falsches, thatsächlich unhaltbares Schattenjudenthum im Munde führen, gehen geraden Weges der Selbstvernichtung entgegen zum — Himmelreich! Ja, wenn das nicht Komik ist, so gibt es keine Komik. Der plumpe Assect des guten Predigers hat einen ganz sonderbaren Moment gewählt. Am Bersöhnungsabend unterstand sich der gute Prediger, einen aufteizenden Streit zu entfesseln. Wusste er nicht, dass er die heiligsten Gefühle wenigstens eines Theiles der „Andächtigen" verletze? Wusste er nicht, dass er Gefahr laufe, von einigen Hitzköpfen aus der Mitte der Jugend ausgepfiffen zu werden, und dass es nur aus Rücksicht auf die Würde des Gotteshauses nicht geschah? Weiß er nicht, dass die handvoll „Paradejuden", die aus egoistischer Kriecherei gegen den Zionismus Front machen, nicht das Judenthum, sondern einen ängstlichen, übertriebenen, sinnlosen Pseudo-Patriotismus repräsentieren und dass sie den Zionismus verdammen, nicht weil sie ein Himmelreich anstreben, sondern weil der Zionismus ein Erwachen des jüdischen "Selbstgefühles ist? Weiß er nicht, dass selbst die sogenannten Stimmen der polnischen Presse nicht christliche Stimmen, sondern jüdische Einflüsterungen sind, dass nur jüdische Abtrünnige das dumme Märchen ausgeheckt haben, der Zionismus reize die Christen? Nein, er weiß nichts von alldem, der gute Mann. Ein gediegener Uebersetzer, ein Wortküustler, aber im öffentlichen Leben die verkörperte Trägheit, bequem, thatenscheu, einflusslos, ist er vom Schrecken erfasst bei dem Anblick dieser Bewegung. Die fast abgedroschenen Phrasen vom Himmelreich, die schon von ihren Erfinden:, den alten deutschen Predigern in die

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