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Die Welt · 1898-11-04 · 44 (4.11.1898) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
44 (4.11.1898)
Article
Die Kraniche des Dreyfus
Date
1898-11-04
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. U JPKOW0C Sette 5 Herrschaft zu entledigen — chadgadiahmäßig niederschießen lassen sollen, wodurch die Ruhe in Warschau-Paris wieder hergestellt worden wäre. Ich war darüber sehr genau informiert und sollte sammt Bernard Lazare just 24 Stunden vorher benachrichtigt werden. Ich glaube aber die traurige Mär schon bekannt machen zu dürfen, denn der Termin ist bald — und zwar aus triftigen Gründen — vorbei. Ich wusste übrigens auch, dass es den Leutchen an Geld fehlte. Es handelte sich um mehrere Millionen. Mnth war schon da. Wohl hört man jetzt, dass Prinz Louis Napoleon (der russische Garde-Oberst) in Genf eine Anleihe von 1 Million abgeschlosien hat, aber von Muth kann keine Rede mehr sein. Nach den Enthüllungen des Casiationshofes haben die Generalstäbler das Vertrauen in sich und in ihre Truppen verloren und nun, nach den erlittenen Ohrfeigen sitzen sie, wie Don Diego, tief trauernd. Die Sitzungen des Casiationshofes sind ein wahres Turnier der Beredsamkeit gewesen und wer sich den höchsten Begriff des modernsten, erhabenen, französischen Styles machen will, der soll das Requisitorium von Manan lesen. Das ist fast so schön wie hebräisch. Wer dagegen die eleganteste, zusammenfasiendste, ordnungsvolle Dialectik bewundern will, dem empfehle nch Mornard's Rede, sowie ich ihm den Bericht von Bard als Muster der sachlichen formvollendeten Kritik ans Herz lege. Ich muss sagen, dass bei der heutigen öffentlichen Denkfaulheit diese wunderbaren Literaturstücke als solche schon einen hinreißenden und tief überzeugenden Eindruck machen werden, wie kaum Thatsachen es vermocht hätten und haben. Nun ist es aber aus mit dem ewigen Lied, das uns die verschiedenen Kriegsminister auf der Kammertribüne herzulciern sich angewöhnt hatten. Es erinnerte an das: G n f Morgen, Gut' Morgen, d a g ew esen, Kaiser gesehen! der Berliner. Sie wurden ernannt, traten auf, schworen hoch und theuer, dass Dreyfus schuldig sei, und mit langsam abgemeffenen Schritten verschwanden sie im Hintergrund. C h a n o i n e machte den Schluss zu diesem Puppenspiel, auf die allerunfläthigste Art. Er wurde von jeher von dem Generalstab als ein räudiger General angesehen, und da er das Commando eines Armeecorps nur nach der Bekleidung des Ministeramtes erreichen konnte, so verkappte er sich als Drcysusist, um Minister zu werden, und entpuppte sich als Estechazist, um das Commando einznhcimsen. Was für einen herrlichen Börseaner hätte er im Civilleben abgegeben. Er kaufte n la baisse und verkaufte ä la hausse! Chanoine war der letzte von dem Generalstab ausgespielte Trumpf. Sein Streich war auch darauf berechnet, eine zum Staatsstreich führende Ueberstürzung zu provocieren. Er schlug aber fehl, denn die erwartete Panik dauerte nicht mehr als eine halbe Stunde, und so blieb den Verschwörern keine Berathungszeit übrig, wohl aber die Muße, wahrzunehmen, dass sie unter sich nicht aufrichtig waren und sich Jeder gerne hinter den Anderen verschanzen wollte. Sie stellten sich als ebenso hasenherzig, wie Civilisten heraus. Stehen wir auch schon an der Schwelle des fünften Actes, so ist das Stück doch noch lange nicht zu Ende, denn jede Scene, die nun folgt, wird an sich ein ganzes Drama darstellen. Es wird nicht lange dauern bis wir die ungeheuerlichsten Begebenheiten erfahren und ich fürchte, dass schließlich unser Erdball dabei den Veitstanz bekommen wird. Man weiß zum Beispiel, dass von den Eingeständniffen Henrys ein Protokoll Wort für Wort aufgenonnnen wurde. Dieses liegt mm den Debatten vor und ist veröffentlicht worden. Es ist aber nicht von Henry unterschrieben und seine Abfaffung ist derart, dass jeder vernünftige Mensch oabei ausrufen muss: Das ist das Werk eines irrgewordenen Poeten! Der gesunde Verstand sagt einem sofort, dass Henry spontan eingestanden hat, dass er sofort auf den Mont-Valerien befördert und als Sündenbock kurz darauf aus dem Leben rasiert wurde, denn es erhellt aus diesem Protokoll erstens, dass er aus eigenem Antriebe und ohne Miwiffen seiner Vorgesetzten gefälscht, zweitens, dass er es aus patriotischen Gründen und um den Krieg zu vermeiden gethan und dass Cavaignac, der ihn zur Rede gestellt, ein genialer Untersuchungsrichter ist. Nummer 1 ist ein Gnadengeschenk an Boisdeffre, Nr. 2 eines an die Antisemiten, dir. 3 an Cavaignac selbst. Nun aber weiß ich aus guter Quelle, dass von dem Untersuchungsrath. vor welchen Esterhazy behufs Ausstreichung ans der Armee geladen war, unser nationalprivilegierter Uhlane so in die Enge getrieben wurde, dass er schließlich ans der Schule geschwatzt und dabei Henry als Urheber der Fälschung angegeben hat. Das ist noch nicht genug. Es liegen jetzt vor dem Caffationshofe so viele Belege für die Existenz geheimer Acteustücke und für deren gesetzwidrige Mittheilung an die Richter Dreyfus', dass dieselben und alle darauf bezüglichen Thatsachen nunmehr einen juridischen Wert erworben haben, was den Cassationshof dazu kurechtigt, ihre Vorweisung zu verlangen. Nun munkelt man aber, dass alles jetzt verbrannt sei, daher ja auch die hartnäckige Verweigerung dieser Aktenstücke an die Richter. Aber liefern muss man sie. Wer wird nun neue Herstellen wollen? Picquart kannte aber die alten. Was geschieht jetzt, wenn ihm frische Acten vorgezeigt werden? Und wenn man nichts gibt, wohin kommt man? Ach! Nicht wahnsinnig, nur nicht wahnsinnig werden! Was geschieht weiter, wenn das Protokoll falsch ist? Da muss doch Cavaignac ins Zuchthaus! Denn es ist unmöglich, dass ein ganz gewöhnlicher Oberst, wie Henry, dessen Intelligenz erwiesenermaßen nicht über die an einen Feldwebel gestellten Anforderungen hinausreichte, durch die Vorenthaltnng eines Docnmentes in den Stand gesetzt worden sei, einen Krieg mit Deutschland zu verhüten. Denn das hieße zngeben, dass er ihn auch hätte heraufbeschwören können. Was stellen dann in einem Lande wie Frankreich, der Präsident der Republik und alle Minister, worunter der der auswärtigen Angelegenheiren, vor? Wenn man bedenkt, dass alle diese und noch viele aufregendere Fragen aufgeworfen werden sotten, so wird man zngeben müffen, dass in dieser Sache die Berwicklungsfähigkeit die höchste Potenz erreicht hat. Zwar darf man darüber nicht allzusehr staunen, wenn man an die dahintersteckenden Jesuiten sich erinnert, für welche nichts zu compliciert erscheint, wenn nur dadurch der Jude schließlich verbrannt wird. Verbrannt hat man wohl Dreyfus nicht, aber um ein weniges hätte es gefehlt, dass er der Verzweiflung unterlegen wäre. Bon 1894 bis 1896 genoß er auf seiner Einöde eine durch den Jnselrand und die Teufelshaifische begrenzte Freiheit. Nichts verlautete über sein Schicksal, er schrie um Gerechtigkeit und sank schließlich in dumpfe Verzweiflung. Er erkrankte und siechte an einer heftigen Dysenterie dahin, die in Cayenne — das sprichwörtliche Land wo der Pfeffer wächst — den Tod in den meisten Fällen nach sich zieht. Es war gerade gegen September — als Bernard Lazare seine erste aufsehenerregende Broschüre herausgab. Der Minister L e b o u, der Kerkervogt Dreyfus', ordnete sofort an, dass dessen Hütte eingezäunr, und ihm das Foltereisen angelegt werde. Der dortige Director kabelte nach Paris, dass es 'unmöglich sei, weil der Gefangene sterbenskrank darniederliege. Sofort kabelte Lebou zurück: „E i s e n b l o ck a n l e g e n, w e n n D r e y f n s stirbt balsamieret ein nnd befördertParis". Also wurde der halbe Leichnam in das Folterinstrument hineingepresst, festgeschranbt und so auf nackte Bretter hingeworfen. Alsdann besann sich Dreyfus: „Werde ich noch ärger gemartert — so bin ich den Leuten eine Last, sie wollen mich nmbringen — das ist nur der Beweis, dass ich gefährlich werde. Bin ichs, so beweist das wieder, dass sich meine Familie rührt — jetzt bin ich gerettet!"

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