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Die Welt · 1898-10-28 · 43 (28.10.1898) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
43 (28.10.1898)
Article
Lazarus' Ethik des Judenthums
Date
1898-10-28
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 jm&w: Nr. 43 guten Gewissen wurzeln lässt, ist dem Judenthum fremd. Die Sittlichkeit einzig und allein um der Sittlichkeit willen! ist seine Losung. Es will absolut nichts von einer Nebenabsicht, und wäre sie noch so ideal, wissen. Höchst charakteristisch hiefür ist der elassische Ausspruch des Rabbi Jakob: „Besser ist eine einzige Stunde der Rückkehr und guter Thaten in diesem Leben, als alle Sittlichkeit des zukünftigen Lebens." Die Heiligung des Lebens hat eben einen unvergleichlichen, unendlich erhabenen Wert. Darauf ist es auch zurückzuführen, dass die jüdische Ethik es zur Pflicht macht, aller Abneigung zum Trotze auch dem Feinde Gutes zu thun und Böses mit Gutem zu vergelten. Sie zieht beispielsweise den Fall in Betracht, dass ein Israelit das Nutzthier seines Feindes auf dem Felde irrend antrifft. In diesem Falle, in welchem selbst ein stoischer Philosoph oder sonst der beste Mensch für einen Augenblick sich der Schadenfreude nicht erwehren könnte, keineswegs aber sich veranlasst fühlen würde, das Thier einzufangen und es seinem Feinde zuzuführen, gebietet sie: „Du sollst es ihm zurückbringen." Das ist der hohe kategorische Imperativ des jüdischen Moralgesetzes und darin spiegelt sich die Wahrheit des von S chiller gethanen Ausspruches: „Der Mensch in seinem physischen Zustand erleidet bloß die Macht der Natur; er entledigt sich dieser Macht in dem ästhetischen Zustand und er beherrscht sie in dem moralischen." Die Ethik des Judenthums schließt das Gebot: „Handle so, dass Du wollen kannst, dass die Maxime Deines Handelns zum Gesetz für alle werde" in sich ein; oenn sie ist' nach ihrem wesentlichen Gehalte vorzugsweise Socialethik, ihre Quintessenz sind © o e t f) e'§ herrliche Worte: „Der wahre Mensch ist nur die ganze Menschheit.'^ Sie ist nicht für Israel allein, sondern für alle Welt geschaffen: sie ist keine nationale, sondern eine universale Sittenlehre. Die Rabbinen haben dies in einer sinnigen Allegorie zum Ausdrucke gebracht, als sie sagten, Gott habe Moses befohlen, das Gesetz in allen Sprachen der Menschheitsfamilie, welche auf 70 beziffert wurden, aufzuschreiben. Es wurde Israel zu dem Zwecke gegeben, damit es zum „Lichte der Nationen" werde, deren Erleuchtung den Inhalt der wichtigsten Gebete, die nie gestillte Sehnsucht und die messianische Hoffnung Israels ausmacht. Israel selbst aber musste sich von den heidnischen Völkern absondern, damit es eben für seinen Beruf in seiner Eigenart sich vollkommen eutwickekn konnte. Es musste particularistrsch sein, weil cs allein von der Verheißung und Erwartung und Forderung der allgemein menschlichen Einheit im höchsten Lebensziele erfüllt war, weil der universalistische Gedanke hier zum erstenmal zur Anschauung gelangte und weil dieser Gedanke durch die ganze Denk- und Lebensweise dieses Volkes beschützt sein musste. Das Wesentlichste in der Eigenart des ganzen inneren Lebensinhaltes des Judenthums bestand darin, dass die Richtung auf Schöpfung von Einheitsgedanken vorwiegend war. Sehr richtig bemerkt unser Philosoph: „Den Tadel, welchen man gegen dieses Einheitsstreben in der Gesammtaussassung alles dessen, was Gegenstand unserer geistigen Thätigkeit sein kann, gerichtet hat, mögen wir uns ruhig gefallen lassen. Der Erfolg dieser einheitlichen Weltanschauung für eine Beredlung und Vertiefung des menschlichen Ideals steht so fest und so wertvoll, dass vor dieser mittäglichen Sonnenhöhe des sittlichen Geistes alle Schatten unter den Füßen verschwinden." Am segensreichsten hat dieses Streben sich bewährt, in der Erkenntnis von der Einheit Gottes, der Einheit der Welt und der Einheit der Menschheit. Wenn verschiedene Völker verschiedene Götter anbeten, so ist ein jeder derselben nothwendig der Gott seines Volkes, er ist ein Nationalgott; Gott, als der Eine erkannt, neben dem kein anderer waltet, kann nicht Nationalgott sein. Mit der steigenden Erkenntnis, mit der Vertiefung der religiösen Idee verschwindet die nationale Beschränkung und Beschränktheit des Gotlesgedankens. Aber auch die Natur wird als Ganzes nur in der Einheit erfasst: so lange die Sonne, der Mond, die Erde besondere personisicierle Wesen mit eigenen Bestrebungen und Steigungen sind, kann der Begriff des Weltalls, des Universums nicht aufiommen. Tie dritte Einheit, welche das Judenthum gelehrt hat, ist die Menschheit. Alle Menschen sind ihm Nachkommen eines einzigen, von Gott geschaffenen Paares. Aus der Gorteskindschast aller Menschen zieht es den Schluss, dass alle Menschen ohne Unterschied des Standes, des Volksthums und des Glaubens sich als Angehörige einer Familie betrachten und im Bewusstsein dessen die Verträglichkeit, den Frieden, die Rechtsgleichheit und Brüderlichkeit unter sich pflegen sollen. Es ist ein großes Verdienst Israels, dass es im Gegensätze zu allen Völkern des Alterthums von dem Kastengeiste nicht angekränkelt ist. Zum Aufbau der sittlichen Weltordnung, zur geistigen Gestaltung der Ideenwelt und ihrer Verwirklichung im realen Leben sind alle Israeliten ohne Ausnahme auserkoren, Männer und Weiber, jung und alt, hoch und niedrig. Moses versammelt zu der zweiten Bundesschließung die Häupter, die Aeltesten, die Amtsleute, aber auch die Holzhauer und Wasserschöpser. So viele Kasten in einem Volke, so viele verschiedene Rechte. Jede Kaste har ihre Rechte, welche im Grunde genommen, Vorrechte sind. Dem trat die mosaische Gesetzgebung entgegen, indem sie den Grundsatz: „Eine Lehre und ein Gesetz sei für Euch alle!" aufstellte. Jeder und Jede aus jeglichem Stamme konnte Prophet, Richter und Führer des Volles werden. Auch „der Fremdling, der in Deinen Thoren wellt", fehll in jener Bundesversammlung nicht. Er ist zur vollen Theilnahme an der ethischen Gesammtheit nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet. Von der Anerkennung des allgemeinen menschlichen Charakters der ethischen Aufgabe leitet die prophetische Byron des wunderbaren religiösen Genius, welcher unter dem Namen des zweiten Jesaias bekannt ist, zu der Ausdehnung der specifisch religiösen Berufung auf alle Völker hinüber: „Nicht spreche der Sohn des Fremden, der sich dem Ewigen zugewendet, also: absondern wird mich der Ewige von seinem Volle; denn auch die Söhne der Fremdlinge weroe ich bringen aus meinen heiligen Berg und werde sie erneuen in meinem Hause des Gebetes; — denn mein Haus soll ein Haus des Gebetes genannt werden für alle Völker. Und an einer anderen Stelle schaut er: „Und auch von den Heiden werde ich nehmen zu Priestern und Leviten; — denn von Neumond zu Neumond, von Sabbath zu Sabbath wird kommen alles Fleisch, anzubeten den Ewigen." Im talmudischen Schristthum wird die Universalität des jüdischen Idealismus in zahlreichen Stellen befestigt und erläutert. Wie einerlei Gesetz, wie eine einheitliche ethische Verpflichtung, so lässt das Judenthum nur einerlei Recht für den Einheimischen und den Fremdling gelten. Während die Fremden im ganzen Alterthum von den Böllern bestenfalls mit Wohlwollen und Gastfreundschaft behandelt werden, während selbst in dem platonischen Jdealstaate Griechen und Nichtgriechen ununterbrochen im Kampfe miteinander feindlich gegenüberstehen, verkündet die Thora ihre völlige Gleichstellung mit den Kindern Israels: „Wie ein Einheimischer soll Dir der Fremde sein; Du sollst ihn lieben, wie Dich selbst, denn auch Ihr seid Fremdlinge in Aegypten gewesen". Das Gebot der allumsayenden Liebe erhält seinen drastischesten Ausdruck in der ergreifenden Vorschrift: „Du sollst den Aegypter nicht verabscheuen, denn Du weiltest einst als Fremdling in seinem Lande, und verabscheue nicht den Edomiter, denn er ist Dein Bruder." Die Rabbinen giengen in ihrem Eifer für den Fremden noch weiter, indem sie darauf drangen, dass dessen Recht strenger uno peinlicher gewahrt werden müsse, als das des Israeliten. Sie haben den einfachen ethischen Gruud des unterschiedslosen Rechtes durch das sittliche Motiv der Ehre Israels und das religiöse Motrv der Heiligung des göttlichen Namens verstärkt. Dieser Begriff des Kiddusch-ha-Schem, der Gedanke der Heiligung des göttlichen Namens durch die Heiligung unseres Lebens knüpft ein inniges und unlösliches Band zwischen Sittlichkeit und Religion. Mit frommer Andacht hängen wir an den Lippen unseres abgeklärten Weisen, wenn er in den herrlichen Ruf ausbricht: „Man kann es schlankweg als den kühnsten, erhabensten beseligendsten und gnadenreichsten Gedanken bezeichnen, dass Gott, der Ällheilige, durch den Menschen geheiligt werden soll. Das Weikdaschti ist der höchste Begriff, der von einem Menschengeiste gedacht und das edelste Wort, das von menschlicher Zunge geredet worden ist!" Lazarus streut eine solche Fülle von Anregungen aus, er lässt uns eine solche Fülle von Belehrung zutheil werden, dass eine, wenn auch nur andeutungsweise erschöpfende Wiedergabe feines Buches selbst zu einem Büchlein anwachsen müsste. Ich beschränke mich daher daraus, nur noch den einen Umstand hervorzuheben, dass der Verfasser der ethischen Bedeutung des Eeremonialgesetzes vollauf gerecht wird. Es bezweckt zunächst die ethische Schulung des Menschen. Aber es zeitigt auch die Persönlichkeit, welche die erste formale Bedingung aller Sittlichkeit ist. Indem es das Leben des Einzelnen und der Gesammtheit mit religiösen Handlungen durchdringt und verwebt, alle Zeiten des Tages und des Jahres, die Ereignisse der Natur und die Schicksale und Erlebnisse des Menschen gesetzlich umspannt, alles und jedes in der Betätigung und dem Genüsse des Daseins durch einen Segensspruch, eine symbolische Handlung oder die Uebung eines Brauches weiht, gestaltet sich alles Thun und Wollen und Wirken zu einer gleichartigen und zusammengesassten Einheit. Die stetige Beziehung aller Lebensregungen auf Gott und Gottes Gebot ist das deutlichste Symbol der in sich einigen und selbsttreuen, sittlichen Persönlichkeit. Ganz vortrefflich bemerkt Lazarus: „Sehr prägnant wird auch dieser Begriff der, aller wahren Sittlichkeit als Bedingung dienenden Einheit der Person in den Worten ausgedrückt, welche dem Psalmisten entlehnt, im täglichen Gebet um Erleuchtung und Veredlung die Bitte enthalten: Wjached lwowenu, mache unser Gemüth zu einem in sich einigen, einheitlichen." Unmittelbar verbunden mit diesem rein formalen Zwecke der ceremonialen Pflichterfüllung ist die Erhebung des Menschen über das Gemeine, Profane, Alltägliche zu einer höheren, idealen, geheiligten Wesensart und Lebensform. Dass ein Volk, welches zu Frohndienst und Sclaventhum herabgedrückt, demgegenüber jedes menschliche Gefühl verleugnet worden war, sich zu solcher Freiheit des Geistes emporringen,

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