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Die Welt · 1898-10-28 · 43 (28.10.1898) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
43 (28.10.1898)
Article
Die "Judenseite"
Date
1898-10-28
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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'Jlr. 43 Sette 5 Wir sind der Meinung, und darin wird uns wohl auch die Cultusgemeinde zustimmen: Kein Geldopfer sollte zu hoch sein, wenn es gilt zu verhüten, dass Leib und Seele der Kinder geopfert werden. Ein männliches Borgeheu würde auch nicht ohne Wirkung bleiben im Allgemeinen. Und wer weiß, ob wir nicht unseren Bedrängern in nächster Nähe mehr Achtung abringen, wenn wir uns selber besser behandeln, wenn wir mit größerer Opferwilligkeit, aber auch mit mehr Energie austreten. Noch wissen wir nicht, welche Wendung die Dinge in der Bolksschulfrage nehmen werden. Wenn es aber, wie es wahrscheinlich ist, für dieses Schuljahr bei den confessionellen Elasten bleiben sollte, dann wäre der hier berührte Vorschlag einer ernsten Erwägung wert. Eine gemeinsame Action der jüdischen Bevölkerung Wiens würde nicht bloß einen localen Sieg der Wiener Juden bedeuten, sondern einen moralischen des Jndenthums. Wien, 26. October 1398. In Wien hat man jetzt Gelegenheit, an sich und an anderen Beobachtungen über das Gefühl der Sargscheu anzustellen. —• Pest! — Der schwarze Tod hockt sprungbereit in unserer Mitte. Alle Schauer, die der Sprachgebrauch um ein gruseliges Wort gewoben, flattern plötzlich auf. Wie dichte Schwärme schwärzlicher Vögel kreisen die Aengstlichkeiten und Sorgen über der Millionenstadt. Im Rauschen des Flügelschlages ist eine unangenehme Klangfarbe. Und jetzt begibt sich etwas Merkwürdiges. Die Mchtjuden nehmen mit einem Schlage notorisch jüdische Gewohnheiten an, man glaubt mehrere hunderttausend regelrechte Juden vor sich zu sehen. Eine frappante Aehnlichkeit: die Mchtjuden von Wien gehen auf einmal mit einem peinlichen Gefühl der Unsicherheit umher. Sie haben — ganz wie die Pariser oder Neusandecer Juden — das fatale Bewusstsein, dass ihr Lxben bedroht ist. Es wird, nach Art der Judensperre, für gewisse Gebäudecomplexe ein Einfuhrverbot erlasten. Es kommt vor, dass man den Nichtjuden die Kleider und andere Habseligkeiten in Brand steckt, ein Brauch, der erst in der jüngsten Zeit für die galizischen Juden eine größere Bedeutung erlangt hat. Es werden Ghetti errichtet, in welchen man Mchtjuden isoliert. Es ereignet sich, dass man mit verschiedenen Nichtjuden den Umgang abbricht, und ihnen aus dem Wege geht, als ob man es mit Juden zu thun hätte, als ob man die Folgen der gemeingefährlichen Ausdünstung befürchten würde, welche vor kurzem von einem antisemitischen Gemeinderath den jüdischen Schulkindern zugeschrieben wurde. Es gibt in gewissen Stadttheilen Geschäftslocalitäten, in denen man ungern Einkäufe macht, obzwar die Eigenthümer keineswegs Juden sind. Es wird berichtet, dass viele Wiener Nichtjuden sich ganz so benehmen wie die rustisch-jüdischen Proletarier: Sie greifen zum Wanderstabe und ziehen in die Ferne u. s. f. u. s. f. Die Nichtjuden von Wien führen also jetzt beiläufig eine Lebensweise, welche der alltäglichen Lebensweise der Judenheit gleichkommt. Eine solche Existenzform wird begreiflicherweise als Unglück empfunden, und nur etwas ganz Außergewöhnliches konnte einen so abnormalen Zustand, wie es der normale Taseinszustand der Juden ist, herbeisühren, — die Pest. Ter Jude weiß jedem allgemeinen Uebel eine neue missliche Seite abzugcwinuen, deren Genuss den Nichtjuden versagt ist. Neben den landläufigen socialen Kümmernisten hat er noch seine besondere Bürde, den Druck des Antisemitismus, und wenn eine Zeit kommt, wo sich jeder Mensch ohne Unterschied der Confcssiou und Nationalität auf offener Straße von zudringlichen Bakterien insultieren lassen muss, dann hat der Jude noch ein besonderes Leid, er muss sich's außerdem gefallen lassen, dass ihm die Bakterien in die Schuhe geschoben werden. Wer ist Schuld an der Pest? Tie Juden. — So erzählt ein antisemitischer Abgeordneter in einer Versammlung den Anwesenden unter dem Siegel der Verlogenheit, und heute ist diese dunkle Sage bereits ein öffentliches Geheimnis in weiteren Schichten der Bevölkerung. Mit einer Ausdauer, die einer ungefährlicheren Sache würdig wäre, promenieren die modernen Juden den ganzen Tag am Rande des Mittelalters. Ein kleiner Stoß, und die Inden taumeln wieder in jene gute alte Zeit hinunter, in i>er das „Nieder mit den Juden!" keine bloße Redensart war. Aus der provisorischen Neuzeit, in welcher die Juden derzeit leben, können sie jeden Moment in das vierzehnte oder zwölfte Jahrhundert delogiert werden. Di- Inden haben eine Gegenwart, in der ihnen als nahe Zukunft die Vergangenheit winkt. „Alles fließt," behauptet Heraklit; der gute Mann hat nicht die verstreuten Inden gekannt. Tie stehen im Urtheil ihrer Zeitgenoffen noch dort, wo sie zu Olims Zeiten gestanden. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint cs zwar, als schritten die Juden vorwärts, aber es ist nur — sozusagen — ein Krebsgang nach vorwärts. Sie kommen nicht vom Fleck, sie stehen immer noch beim intensiv gelben Fleck. Gleichwohl hat der Judenfeind wie uns die Chronik der letzten Wiener Tage lehrt, eine bemerkenswerte Aenderung erfahren. Er schwingt nicht nur Knüttel und verwandte Apparate, sondern auch das Banner der Wissenschaft. Der Judenfeind des Mittelalters besaß, wie das plumpe Märchen des Brunnenvergiftens beweist eine gewisse täppische Unbeholfenheit neben seiner Niedertracht. Der moderne Antisemit sucht den unverminderten Neichthum an Niedertracht durch eine möglichst große Armuth an Unbeholfenheit zu verbergen. Die Berleumdungwird raffinierter, wissenschaftlicher. Der Antisemit von heute geht nicht eher an die Lösung der Judenfrage, als bis er sich einen reichen Schatz von Fremdwörtern und Fachausdrücken angecignet hat. Sie verleihen, wenn sie in der richtigen Weise verwechselt und missverstanden werden, der antisemitischen Hetzrede eine hinreißende Kraft. Das schwerfällige Steinwerk des vergifteten Brunnens wird als untauglich auseiuandergcworfen und in Form von Pestbacillcn blüht neues Leben ans den Ruinen. So ändert sich die Zeit. Tie Juden mussten Jahrhunderte lang vor deu Augen eines gestrengen Publikums die Rolle der Pesterreger spielen, bis deu armen Mimen, denen die Mitwelt Dorueukräuze flocht, eine jegliche Befähigung für jenes tragische Fach von den Bakteriologen abgesprochen wurde. Aber die Antisemiten der Neuzeit wollen deu Juden ans seiner altehrwürdigen angestammten Position nicht verdrängen lasten. Wer ist Schuld an der Pest? Der Jude! D e Wissenschaft hat seit deu wüsten Tagen des Mittelalters enorme Fortschritte gemacht, die Jnstincte sind die gleichen geblieben. Ja, ihre Jnstincte werden sie sich nicht abgewöhnen, auch wenn die Foliantcnstöße in den Bibliotheken sich häuserhoch hänfen werden. Das wird immer essen, trinken, schlafen und den Juden hassen. Es gibt grundgelehrte Professoren, welche sich doch nicht abgewöhnen können, von Zeit zu Zeit einen Juden zu verspeisen, sowie sie sich ihre übrigen Mahlzeiten nicht abgewöhnen können. Das kleine Kochbuch wiegt mehr als der große, weisheitsschwere Foliant. Es ist die alte Geschichte. - Einmal lebte ein Mann, der wollte seinem Esel das Fressen abgewöhnen. Der Graue bekam jeden Tag kleinere Portionen und zeigte sich recht gelehrig. Aber als das brave Thier sich das Essen schon fast ganz abgewöhnt hatte, da starb es leider. — Es ist die alte

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