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Die Welt · 1898-10-28 · 43 (28.10.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
43 (28.10.1898)
Article
Die "Judenseite"
Date
1898-10-28
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 43 uns mit unseren jüdischen Gegnern auseinandersetzen und — in der Hauptsache verständigen konnten. Die Bolksschulfrage, indem sie in so derber, fast möchten wir sagen, in so roher Weise aufgerollt worden, ist zunächst zu einer gemeinsamen Frage der jüdischen Bevölkerung geworden. Denn vor allem berührt und betrifft der Erlass uns Juden. Das Wichtigste von dem, was bis jetzt als Antwort ans den Erlass geschehen ist, war der einhellige Protest gegen denselben. Die Frage ist nun: Was weiter? Was kann die jüdische Bevölkerung Wiens zu einer wirksameren Abwehr thun? Abermals protestieren? Sie kann mehr. Sie könnte es wenigstens, wenn sie gut jüdisch denkt und empfindet. Wir verhehlen es uns nicht, dass es keine geringe Sache ist, zu entscheiden, ob wir es auf consessionelle, jüdische Schulen sollten ankommen lasten, wenn die Elasten nach Confessionen getrennt bleiben. Aber darin sind wir Alle einig, ob Zionisten oder nicht, dass wir confestionelle Elasten nicht dulden dürfen. Gegen diese könnten wir nunmehr in bestimmter Weise Vorgehen. Für den Fall, aber nur für diesen Fall, dass der Erlass des Bezirksschulrathes aufrecht erhalten bleibt, sei hier ein Vorschlag angeregt, der im gegebenen Moment zur Ausführung gelangen könnte Doch bevor wir ihn nennen, ist es nothwendig, dass wir den gegenwärtigen Stand der ganzen Frage überblicken. Der Erlass des Bezirksschulrathes ist zwar nicht bestätigt, aber auch nicht aufgehoben worden. Der Landesschnlrath hat erklärt, der Erlass könne in dieser Form nicht rechtskräftig werden — wegen mangelhafter Begründung. Indessen wird die Schulpraxis aus Grund des mangelhaft begründeten Erlastes geübt . . . Und wir haben es in den Versammlungen gehört, wir erfahren es auch in den Zeituugsblättern und aus den Aeußerungen der Kinder selbst, wie diese Praxis immer weiter sich erstreckt und von welch zarter Art sie ist. In der Protestversammlung vom 17. October haben uns Dr. Fialla und Ortsschulrath Strauß, der Eine durch concrete Beispiele, der Andere in allgemeiner Form diese Schulpraxis näher charakterisiert. Die Kinder, christliche und jüdische Kinder, sitzen in einer Elaste friedlich beisammen. Der Unterricht soll beginnen. Da ertönt laut und streng der Commandoruf: „Jndenmädel'n, Händ' in die Höh'!" Verdutzte, verstörte Gesichter, gehorsam erheben sich die Hände. Und nun das zweite Commando: „Jndenmädel'n, marsch hinaus in den ersten Stock!"*) Was wir dazu sagen? Wir sagen, dass der Bezirksschulrath, wenn es mehrere solche Lehrer giebt, es vielleicht gar nicht so eilig haben wird, seinen bester zu begründenden Erlass der oberen Behörde zur Bestätigung zu unterbreiten. Er kann sich ja vorläufig mit dem, was geschieht, zuftiedeu geben. Einzelne Schulleiter und 'Schullehrer bekunden allem Anschein nach ein tiefes Berstäuduis für die Intentionen der Wiener Bezirksschulräthe. In mehreren Bezirken, oder in einigen Schulen derselben, sind die confessionellen Elasten bereits zur Thatsache geworden. In anderen wieder werden die jüdischen Kinder zwar mit den christlichen zusammen unterrichtet, aber in einen besonderen Flügel abgetheilt. Das Wörterbuch unserer Culturbilduer ist denn auch schon um ein schönes Wort bereichert worden,—die „Judenseite". „Ich sitz' ans der Judenseite", erzählt der Kindermund naiv, ohne noch zu wissen, was damit zusammenhängt. Wie bald wird er es erfahren.**) Es ist nicht anzunehmen, dass der Landesschulrath auf eine beschleunigte Einbringung des verbesserten Erlasses so gar sehr dringen wird. Und nach all dem, was wir von den Audienzen beim Unterrichtsminister erfahren haben, ist ein energisches Eingreifen seitens dieser obersten Instanz ebenfalls nicht zu erwarten. Energie müssen erst wir selber bekunden, die Initiative muss von uns ausgehen. Wir haben eS zu wiederholrenmalen gehört, von *) Aus der Rede des Dr. Fialla. **) In der Sonntagsnummer der N. Fr. Presse berichtigen zwei Schuldirectoren, dass sie eine Abtheilung in christliche und jüdische Reihen nicht vorgenommen haben. Ob auch die Anderen berichtigen werden? Juristen, von genauen Gesetzeskennern, dass dieser Erlass einen offenkundigen Rechtsbruch bedeutet, eine Verletzung des Volksschulgesetzes und der Staatsgrundgesetze. Wir dürfen also mit gutem Recht von der Regierung verlangen, dass sie den Erlass als ungesetzlich aushebt und die Jnterconsestionalität der Schulen wieder herstellt. Zwar — eine Berufung auf Recht und Gesetz — wir wissen von welch geringer Wirkung dies ist. Aber wir wollen auf dem Boden des Gesetzes verharren, solange noch ein Schimmer von Hoffnung vorhanden ist, dass man uns vielleicht doch Gehör gibt und Recht. Und wir wollen die confessionellen Schulen solange vermeiden, als wir es können. Auch wir Zionisten wollen sie vermeiden, trotzdem wir für die national-jüdische Erziehnng eintceten, und uns nationale Schulen keinen Schrecken einjagen. Mit unseren Bestrebungen mögen die Gegner, die wir innerhalb und außerhalb des Judenthums haben, ja nicht den gehässigen Separatismus vergleichen, wie er im Erlass des Bezirksschulrathes, wie er im Gebühren der Wiener Antisemiten sich kundgibt. Wir wollen uns nicht national separieren, sondern national organisieren. Wir sind national nicht aus Hass gegen das Fremde, sondern ans Liebe zu dem Unfern. Wir sind national auch dort, wo die Bevölkerung uns nicht anseindet, auch wo der Christ unser Freund ist. Und danken wir dem Himmel: es gibt noch eine solche Bevölkerung, es gibt solche Christen. Sogar hier in Wien. Aber vor den jetzigen Machthabern dieser Stadt sollten wir uns nichts vergeben. Wir könnten Macht gegen Macht, oder vielmehr Macht gegen rohe Gewalt setzen. Es war ein Ortsschulrath, der mitten in seinen Ausführungen das Wort „Schulstrike" in die Protestversammlung hineinschleuderte. Und es wurde mit Jubel ausgenommen. Ja wohl, lieber striken, als nachgeben. Die Regierung kann die jüdischen Eltern, die Eltern von 16.000 Kindern nicht zwingen, dass sie ihre Kinder zu Schimpf und Schande in die Schule schicken. Confestionelle Elasten, confestionelle Reihen, mann nenne sie „linker", „rechter Flügel", man nenne sie „Judenseite" — das würde einen permanenten Pranger abgeben für die jüdischen Kinder. Dies m ü s s e n wir abwehren, tvir alle, in denen auch nur em Tropfen jüdischen Blutes, ein Funke jüdischen Geistes ist. Man will uns einreden, dass der Erlass nur für dieses Jahr in Geltung bleiben werde, dass wir ihn nicht als eine neue Regel, sondern als vereinzelte Ausnahme von der alten, interconsestionellrn Regel ansehen sollten. Wenn dem auch so wäre, auch für diesen Fall, ja da erst recht, könnten wir einen regelrechten Schulstrike einleiten, bis nicht der Erlass ausgehoben wird. Und wir könnten ihn in gesetzlich erlaubter Weise verlaufen lasten, wenn — die jüdische Bevölkerung Wiens ihre Solidarität offen bekunden wollte. Es wäre eine schöne Gelegenheit dazu. Sie brauchte nur einmüthig zu sein, und einmüthig zu beschließen, die Kinder für dieses eine Jahr aus der Schule ferne zu halten, aber sie zuhause für das nächste Jahr vorzubereiten. Die Reichen würde ein Strike ohnehin nicht berühren, und er darf auch die Armen nicht treffen. Aus den Massen unseres Volkes — wer hinhorcht, der hört es — taucht immer und immer wieder die Frage auf: Wer ist bei uns, dass er für uns eintrete? Wo bleibt die Cultusgemeinde, dass sie unsere Kinder in Schutz nehme? Die Cultusgemeinde — nun, vielleicht bleibt sie im rechten Moment nicht aus. Ihre Thätigkeit, mit der wir uns jetzt viel zu befassen haben werden, könnte gar nicht würdiger eingeleitet werden, als indem sie die Sache der jüdischen Kinder in die Hand nähme: eine ernste, eine gute Sache. Es wäre durchaus nichts Unmögliches, was dieser großen jüdischen Gemeinde zugemuthet wird. Oder sollte der Schutz der jüdischen Kinder, der Unterricht der armen unter ihnen, ausgehend von der Cultusgemeinde, unter ihrer Leitung und auf ihre Kostet: etwas Unmögliches sein? Es stehen noch andere Mittel zu Gebote. Ein Aufrttf an die jüdische Bevölkerung Wiens würde auf dem Wege einer Collecte sicherlich das Nothwendige ergeben.

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