Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 42 (21.10.1898)
- Article
- Der Fleischteller Ägyptens
- Date
- 1898-10-21
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 42 Wdc Seite 5 sehr ungehalten sein. Nicht wegen des kompromittierenden Größenmaßes, sondern weil „Finger" ein jüdischer Name ist. Aber aufgepasst! Jetzt beginnt Herr Karl Kraus sachlich zu werden. Er lässt drei gewaltige Argumente auf den Zionismus losfahren: 1. „Ich wette", 2. „Ich glaube", 3. „Ich glaube"-Ich? — Wer ist „Ich", der große „Ich"? — Der (das?) große „Ich" ist niemand Geringerer als Herr Karl Kraus in eigener Person. Jawohl, „Ich" wettet zunächst, „Ich" glaubt daun, und schließlich geht „Ich" sogar so weit, dass es ein zweitesmal glaubt. Nachdem Herr Karl Kraus drei so große Autoritäten, die mit drei so bemerkenswerten Thätigkeiten beschäftigt sind, gegen den Zionismus ins Treffen geführt hat, so bleibt diesem nach einem derart verhängnisvollen Abenteuer selbstverständlich nichts anderes übrig, als schleunig das Zeitliche zu segnen. Gut, aber was wettet, glaubt und glaubt denn „Ich" eigentlich? Also höre Israel: 1. „Ich wette, dass es bei systematischer Behandlung kaum mehr als zwei Generationen braucht, um eine galizische Chederschule in ein Adelscasino zu verwandeln." — „Ich" bedient sich also zur Lösung der Judenfrage einer' Methode, die auch auf dem Turf zur Lösung gewiffer Fragen sehr gebräuchlich ist, — „Ich" wettet. — — — Wir zweifeln nicht einen Augenblick daran, dass Herr Karl Kraus, wenn er kein Pech hat, mit feiner Methode auf der Freudenau ungeheuere Erfolge feiern kann, wir zweifeln auch nicht daran, dass für Herrn Karl Kraus ein galizischer Jude ungefähr denselben Wert hat, wie irgend ein Gaul, und dass H. Karl Kraus sich der Lösung der Judcnfrage mit dem gleichen Ernste nähert, wie der Freudenau. Aber ob die Tips, die Herr Karl Kraus zur Lösung der Judenfrage zusammengesucht hat, sich wirklich derart bewähren werden, dass der galizische Meuschen-Gaul die Strecke zwischen Cheder und Adelscasino mühelos nimmt, das scheint uns, ohne dass wir gerade an einen Turfschwindel denken, nicht ganz so ausgemacht, wie H. Karl Kraus.-Doch H. Karl Kraus wettet nicht bloß auf dem Gebiete der Judenfrage, er glaubt auch: nämlich, dass die ganze Judennoth deshalb existiere, weil der galizische Jude das „au" wie „o" ausspricht. — „I ch glaube, dass die ganze Judenfrage an diesem umgelautcten „o" hängt." — Also wenn das Dreyfusspndicat den Antisemitismus in Frankreich, Algier :c. ausrvttcn null, so braucht es nur für die galizischen Juden einige tüchtige Sprachlehrer aufznnehmen, an Geldmitteln wird es dazu nicht fehlen, und nach einigen wenigen Lectioneu wird stch Trepfus voll und ganz der goldenen Freiheit erfreuen. Nach Zola dürfte sich wohl H. Karl Kraus zum größten Wohlthäter des unglücklichen Dreyfus herausbilden. — Es scheint uns, dass das „O", welches für Herrn Karl Kraus das A und O der Judcnfrage bildet, wirklich den Wert von O — Null hat. Und wenn die galizischen Juden den von Herrn Karl Kraus vorgeschlagencn Weg zur Lösung der Judenfrage beträten, dann brächten sie es in der That nicht weiter als bis zu einem „Au!", womit übrigens auch den Witzen unseres bedeutenden Satirikers die verdiente Anerkennung gezollt wäre. — In dieser Weise glaubt ' Herr Karl Kraus weiter. Doch genug davon. Warum wir uns mit Herrn Karl Kraus eingehender beschäftigen? Etwa deshalb, weil wir den Wert seines Büchleins höher taxieren, als den des übrigen Maculaturpapieres? Keineswegs! Aber Herr Karl Kraus ist geradezu ein klassischer Schulfall, er ist der Typus jener modernen jüdischen Jugend, die in die leeren Schüsseln und Teller des jüdischen Proletariats ihre abgestandenen Turfwitze wirft; sie selbst hat ja einen Teller, der sie vollauf beftiedigt, den ftemden Handteller. Das ist der Fleischteller Aegyptens, das Buffet, an dem die Mannen Turf- Israels — man entschuldige die krause Redensart — in Saus uud Kraus leben. Es geht ihnen gut, der Teller sorgt dafür, dass sie innner rothe, volle Wangen haben. Sv sitzen sie an den Wässern Ischls, unterhalten sich mit den schmeichelnden Wellen und werden zu Kronzeugen für Z i o u. Erwin Rosenberger. P „Mit eiuem blaue« Auge." Von Bianca Tarfathith. Damit ist das Auge gemeint, mit welchem wir davongekommen sind, denn nur ein Haar hat gefehlt — dass wir das langbefürchtete Judenblutbad erlebt oder vielmehr erlitten Geplant war der Staatsstreich bekanntlich schon lange. Tie Gelegenheit bot sich öfter, aber mit dem Zusammenklappen der Mittel happerte es noch, der Weg zur Wiederaufnahme des Dreyfus-Processes wurde als eudgiltig geebnet betrachtet und so musste die Hexerei daran kommen. Es kamen sogar zwei aus der Hexenküche,- nämlich der Zauberer D u L a c, der berüchtigte politische Jesuit, und die alte Frau Lebaudy als Commanditisten des Unternehmens. Sie erfteut sich mehrerer hundert Millionen und des Fluches von tausenden von Arbeitern. Vor einigen Tagen fand eine Art Borconferenz unter mehreren Generälen statt. Dieser Conferenz wohnten die Generäle Boisdeffre, Pellieux, Gonse, Zurlinden, B a i l l a u d und andere bei. Tort wurde beschlossen, dass die Krone dem Prinzen Victor Napoleon, derzeit in Brüffel, angeboten werden solle. Pellieux wurde als ausgezeichneter Unterhändler dorthin delegiert. Er musste viermal Hinreisen und ununterbrochen mit ihm correspondieren. Allein Victor ist eher prätentiös als Prätendent und zeigte wenig Muth. Er sprach sogar von Abdankung zugunsten seines Bruders Louis und so beschlossen die Generäle, sich au den Herzog von Orleans zu wenden; der war seiner Sache auch nicht ganz sicher, denn er verlangte, dass ihm der Platz vorher warm gehalten werde. Allein die Zeit eilte. D u L a c zog sich nach Versailles zurück, um der möglichen Beaufsichtigung zu entgehen. Boisdeffre folgte ihm. Endlich kam der Moment. Der Kriegsminister General C h a n o i n e, ein frommer Dreyfusist, sollte heute, 1ö. October, nach Chaumont in die Provinz reisen, und so beschloss man, au diesem Tag den Streich anszuführen. Vor zwei Tagen telegraphierte man von Versailles au Zurlinden: „Haltet Euch bereit, der Augenblick naht" und unterschrieb: Ein General. Von dieser Depesche hatten unsere Freunde sofortige Kenntnis und benachrichtigten den Minister V a l l e. Dieser zuckte die Achseln und sagte: Ach, dummes Zeug! Chanoine soll ja doch nicht am 15. in Paris sein! „Gerade deshalb," antwortete der andere, denn die Action ist ja gegen ihn gerichtet." B r i s s o n und Bourgeois verstanden aber bester, um was es sich handle ruid leiteten sofort eine Untersuchung ein. Bon Stunde zu Stunde kamen dann die Informationen. Von mehreren Seiten sollten vor Tagesanbruch folgende Herren in ihrem eigenen Hause durch Mitglieder der Patrioten- und Antisemitenliga nebst einigen von General Baillaud dazu auserkorenen Artilleristen (in Civil) in ihrer eigenen Wohnung ermordet werden: Ehre, dem Ehre gebührt, - zuerst Bernard Lazare, dann Gebrüder Clemenceau, Labori, Wes Guyot, R e i n a ch, T r a r i e u x, I a u r 6 s, L e b l o i s, Sebastien F a u r e, V a u g h a n und noch vier oder fünf andere. Ich sage ermordet und nicht verhaftet. Ter Antisemitenliga sollten als Belohnung die Juden und deren geschlostene Läden preisgegeben werden. Da man eine Liste aller Juden mit Adresse und Angabe der Vermögensverhältnisfe besitzt, so wären nur wenige davongekommen. Das sind keine Märchen, sondern bestimmte Angaben, die ich nicht näher erörtern kann, weil ich sonst dadurch meine Quellen verratheu würde. Deroulöde, Millevoye und D r u m o n t flohen nach Brüssel und Rocheforr nach Lille, um nicht später der Mit; schuld geziehen zu werden.