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Die Welt · 1898-10-21 · 42 (21.10.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
42 (21.10.1898)
Article
Der Fleischteller Ägyptens
Date
1898-10-21
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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©rite 4 Nr. 42 abgehalten haben. Denn Herr Karl Kraus ist ehrgeizig, er will sich überall in die erste Front schieben, und beim Anblick seiner voraussichtlichen Kampfgenossen hat er daran gezweifelt, ob er sie in ihren Eigenschaften werde jemals übertrumpfen können. Darum wollte er sich noch ein wenig ansreifen lassen. — Es scheint, dass er sich jetzt für reif hält. Herr Karl Kraus, der natürlich Jude ist, ist nämlich außerdem derzeit einer der bestgeohrfeigtesten Männer des Jahrhunderts. Bitte, kein Missverständnis! Wir meinen da durchaus nicht symbolische Ohrfeigen in irgend einer übertragenen, umschriebenen Bedeutung, sondern wirkliche, echte, solide Ohrfeigen, die Fleisch und Blut besitzen und nur insofern etwas Überttagenes, Umschriebenes au sich haben, als sie nach ihrer Überttagung auf die zugehörige Wange Hieselbst eine scharf umschriebene Figur zurücklassen. Jawohl, wie fünf rothe Fäden ziehensich durch die Biographie der Karl Kraus'schen Wange träumerische Reminiscenzen an ttaulich verlebte Ohrfeigen, und einer obdachlosen Ohrfeige, die etwa in Verlegenheit sein sollte, wo ein ruhiger sorgenfreier Lebensabend am besten zu verbringen wäre, können wir den trefflich erprobten Karl Kraus'schen Hafen nicht warm genug empfehlen. Hier ist es wohnlich, hier ist es traut. Herr Karl Kraus hat auf dem Gebiete des roth gefleckten Empfangens — hauptsächlich in den Wiener Localen, wo Kaffee und Literatur gebraut wird — eine derartige Sammelwuth an den Tag (an die Nacht?) gelegt, und solche Erfolge errungen, dass selbst jene bekannte, leblose Figur in den Praterbuden, die sich dem gleichen Metter widmet, hie und da eine Regung von Berufsneid gefühlt haben mochte. Wenn wir. bei der fremden Hand, die sich von Zeit zu Zeit in dem Antlitz des Herrn Karl Kraus einzufinden pflegte, etwas länger verweilen, und die Ohrfeigen, auf die der bedeutende Wiener Satiriker nach kurzem Wirken bereits zurückblicken kann, ein wenig breit tteten . werden, so geschieht dies durchaus nicht aus hämischer Schadenfreude, nein, jene fremde Hand, die bei Herrn Karl Kraus jederzeit gastfreundliche Aufnahme fand, ist uns nur ein Schlüffel fitt das Verständnis seiner Weltanschauung und speciell für die Erklärung seines Antizionismus. Der Karl Kraus'sche Antizionismus ist eine Polittk der fremden Hand. Infolge der kräftigen Anpassungsfähigkeit, die unser bedeutender Satiriker in seinem Büchlein immer wieder stolz hervorhebt, ist es ihm nämlich nach und nach gelungen, sich den fremden ftinf Fingern anzupassen. Im Lause seiner mit Ohrenklingen und Funkenflimmern verbundenen Thättgkeit hat er die Ohrfeige schätzen und lieben gelernt. Was ihm anfangs Missbehagen verursachte, wurde ihm später unentbehrlich, wurde ihm znm Bedürfnis. Aber „fein organisierte Naturen";'i la Karl Kraus werden durch einen rein physischen Genuss, und wäre er auch von einem noch so melodiösen Klatschen begleitet, niemals vollständig befriedigt. Ein mächtiger Vergeistigungsdrang, eine ewige Sehnsucht nach dem Absttacten beseelt sie. Und so kam es, dass in das Gemüth des Herrn Karl Kraus auch ein starkes Sehnen nach moralischen Ohrfeigen einzog. Mit demselben Eifer, mit dem er vordem ins Caf6 eilte, um dort unter Mithilfe fremder Hände seinen leiblichen Bedürfniffen Genüge zu leisten, promeniert er nun in einer Atmosphäre, wo die moralischen Ohrfeigen auf die Juden hageldicht niederfallen. Da durchrieselt ihn ein wundersames Lustgefühl, wie es die geschickteste Hand früher nicht in ihm zn erregen vermochte, es schwillt ihm Herz und Gesicht, er krümmt sich und ächzt vor Wonne unter den antisemitischen Streichen, den Schmerz hat er überwunden, denn er hat sich angepasst, er murrt nicht, er brummt nicht, es genügt ihm, wenn sein Kopf brummt, und er hat nur eine einzige Furcht: dass nämlich eines Tages einige böswillige Zionisten plötzlich auftauchen und den Stammesgenossen Karl Kraus aus seiner Genusswelt entführen könnten. Herr Karl Kraus ist derart veranlagt, dass er Wohllust empfindet, wenn er gepeitscht wird; wohlan, er soll sich ausleben! Er soll fröhlich in seinem Paradiese wciterschwelgen und als unverbefferlicher Gourmand Kopfnüffe vom Baume seiner „assimilatorischen" Erkenntnis pflücken; aber er mag doch bedenken, dass nicht jedermann in der Lage war, durch fleißigen Kaffeehausbesuch seine Wange abzuhärten, dass es eine Menge von Juden gibt, die in ihrer Plumpheit absolut kein Verständnis für die lucullischen, moralischen Genüffe des Herrn Karl Kraus haben; und es ist ein bisschen vermeffen, wenn Herr Karl Kraus seine privaten Neigungen der Judenheit aufdrängen will und von ihr verlangt, dass sie nach seiner Backenpfeife tanze. Ans dieser Weltanschammg, in der man nur unter Zuhilfenahme essigsaurer Thonerde und verwandter Medicamente sein Leben halbwegs fristen kann, ist „Eine Krone für Zion" hervorgeblüht. In jeder Zeile erblicken wir die flache Hand, der das Büchlein sein Dasein verdankt. Wir bewundern daran den fließenden Rhytmus der Sprache, den man als fünffingrigen Jambus bezeichnen könnte, das kräfttge Anschwellen und Abschwellen der Perioden, die ichöne, manchmal allzu stark hervorttetende Rundung des Ganzen, die rosaroth gefärbte Jugendfrische, die essigsaure Satire rc. :c. Heftig schüttelt Herr Karl Kraus zum Zionismus den Kopf und die Schellenkappe, das . obligate Attribut des Satirikers. Aber wir wiffen, was wir davon zu halten haben. Die Schellenkappe des Herrn Kraus ist nichts anderes als sozusagen eine Maulschellenkappe. .Dass wir die Bedeutung der Wangen - Geschehniffe und ihre Wichtigkeit für das Verständnis der Karl Kraus'schen Individualität durchaus nicht übertreiben, beweist ganz besonders folgender Umstand: Herr Karl Kraus beschäftigt sich in seinem Pamphlet auch mit dem Bericht über den 1l. Zionistencongress. Und was fällt ihm da in erster Linie auf? Die Schilderung der rhetorischen Gesten, die Handbewegungen der Referenten. Er verschlingt förmlich die ftemden Hände mit seinen Blicken, sie bieten ihm ein unerschöpfliches Gesprächsthema. Natürlich! Er ist ja Fachmann auf dem Gebiete der Handbewegungen, er prüft und kritisiert sie mit dem warmen Interesse des persönlich betheiligten Kenners. Der unverbesserliche Sammler und Liebhaber bricht bei ihm wieder durch. Und immer, wenn er das Handgelenk eines Nebenmenschen zucken sieht, fühlt er ein wohlvertrautes Jucken auf der correspondierenden Stelle seines Angesichtes .... Alte, selige Erinnerungen steigen auf ans dem Schachte der Vergangenheit . Ein drolliger, kleiner Schäker! Er nähert sich in Ischl auf einem Spaziergange einem Bächlein, und siehe da, das Bächlein beginnt mit einemmale zn „mauscheln". Und das komnit dem kleinen Schäker ungemein merkwürdig vor. Uns nicht. So ein Bächlein kennt eben seine Leute, „die andersgläubigen Nixen" besitzen mehr psychologischen Scharfblick, als man gemeiniglich annimmt. Das Bächlein war der Ansicht, dass man sich durch „Mauscheln" am besten mit Herrn Karl Kraus verständigen könne, und wenn die Wellen dem Spaziergänger „Mauschel, Manlschell, Mauschel ..." zugernfen haben, so haben sie gewusst, was sie reden. Bei der Ansprache der Wellen scheint sich Herr Karl Kraus seines innersten Wesens zu entsinnen. Er ist so galant, die Nixen nicht Lügen zn strafen und erlaubt sich einige freche Bemerkungen gegen Männer, denen er nicht ganz an die Fußknöchel reicht — übrigens eine Gegend, in der Herr Karl Kraus von früheren Besuchsstunden her große Ortskenntnis besitzt. So ist diese Sorte! Sie muss immer züngeln, erst schmeichelnd, dann geifernd. Bei diesen Angriffen erscheint Herr Karl Kraus auch für ein unbewaffnetes Auge wie ein Eingeborener von Liliput; nicht ganz einen Finger hoch. Unser Antizionist wird gewiss über diesen Vergleich mtt einem Finger

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