Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 41 (14.10.1898)
- Article
- Eine Enquête
- Date
- 1898-10-14
- Page
- 10 (sequence 3)
- Language
- German
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Seile 10 Nr. 41 Frage, die also lautet: „Was halten Sie von der agrarischen Colonisation der Juden in Galizien", und „wie könnte dieselbe ein- und durchgesührt werden?" Worauf die Antwort, vertraulich oder nicht, aber einfach genug ausfallen dürste. Wir halten sehr Gutes davon. Man nehme galizischen Grund und Boden, soviel als man nehmen kann, parcelliere ihn und vertheile die Parcellen — unter dem Jubel der christlichen Bevölkerung — unter die jüdischen Proletarier. Der Angstschrei der galizischen Schlachzizcn ob der paar jüdischen Grundbesitzer gibt einen leisen, aber doch deutlichen Vorgeschmack von den sicher zu erwartenden allgemeinen Sympathiekundgebungen der Polen, im Falle einer größeren Auftheilnng galizischen Bodens zugunsten jüdischer Ackerbauer. Indes — die guten Absichten und das Wohlwollen der „Union" mögen hier außer Zweifel stehen. Aber an anderem Orte kann die „Union" auch hart sein und streng, ja geradezu großinquisitorisch, z. B. wenn sie lakonisch die Frage aufwirst: „Soll der Chassidismus bekämpft werden, und durch welche Mittel?" Sie, die „Union", ist schnell bereit dazu. Wir gestehen auf diese Frage nicht ebenso. schnell und bündig Antwort geben zu können. Wir überlasten es den Experten, denen die Frage vorgelegt werden wird. Von diesen wird die „Union" eine bündige oder ausführliche Antwort erhalten, je nachdem. Auch wollten wir für diesesmal uns überhaupt in keine Erörterungen besonderer Fragen einlasten; dies behalten wir uns für spätere Gelegenheiten vor. Einiges aus der Enquete wird ja die „Union" doch in die Oeffentlichkeit dringen lasten; dann wollen wir es näher erwägen. Für heute begnügen wir uns mit einer Besprechung der allgemeinen Grundsätze, deren sich die „Union" bei der Einberufung und Führung der Enquete bedient. Wie wir gesehen, haben sich diese Grundsätze nicht eben von der besten Art erwiesen. Ja, von all dem Guten und Verheißungsvollen ist vorläufig nichts anderes übrig geblieben als der „gute Wille", von dem die „Union" zu Beginn spricht und den sie zu haben versichert. Nun, der „gute Wille" ist auch nichts Geringes; und cs wird sich ja zeigen, ob und wie lange er der „Union" erhalten bleibt und was er noch alles bewirken wird. P Die jüdische Colonialbank. Eine wichtige Sitzung des Bankcomitös hat in London stattgefunden, in welcher die noch ausstehenden Punkte endgiltig sestgestellt wurden. Der Prospect wird nun in kurzer Zeit erscheinen. P Zionistische Freigottrsdirnste. Von Dr. A. Friedemann. Die jüdischen Feiertage find vorüber. Alle die Tausende, welche während des übrigen Jahres sich thunlichst bemüht haben, jüdische Eigenheiten und nationale Art zu verbergen, sind in die Synagogen gegangen, nachdem sie die Gebetbücher sorgsam in Zeitungspapier geschlagen hatten, damit ja kein Unberufener das Ziel ihres Weges erkunde. Und das geschah nicht etwa, wie naive Leute behaupten wollten, weil innige Frömmigkeit sich vor der profanen Außenwelt zu verbergen trachtete, weil wahre Herzenssrömmigkeit still und ohne Aufsehen die heiligen Stätten auszusuchen liebt. Es war leider ein viel weltlicherer Grund, der zu Berlin den großen Verbrauch an Vostischen Zeitungen hervorries. Es ist so sehr fatal, wenn die christlichen Mitbürger so — baff daran erinnert werden, dass der „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens" besondere Feiertage hat. Es ist für die Mannesseelen so überaus unangenehm, dass jeder arische Straßenjunge gleich weiß, da geht ein Jude zum Tempel, ein Gedanke, den er, kurz und knapp, in ein einziges Wörtchen kleidet: Hepp, hepp. Es gibt sehr viele Leute, welche die Blicke der christlichen Passanten an den Feiertagen wie Spießruthen empfinden und sich eben deshalb bemühen, dem fatalen Uebelstande thunlichst -abzuhelfen. Aber noch ein zweiter Umstand fiel dem aufmerksam Betrachtenden ins Auge. In den nieisten Synagogen, vor allem in der neu erbauten und kürzlich eingeweihten. Westsynagoge, waren die vordersten Bänke recht mäßig besetzt, während im Hinteren Schiff und aus den billigen Estraden kein Apfel zur Erde fallen konnte. Die Erklärung hierfür ist sehr einfach: In Berlin darf man nur dann beten, wenn man wohlhabend ist. Die Preise der Plätze sind so exorbitant hoch, dass es kaum möglich ist, ohne größere pekuniäre Opfer die Kosten zu bestreiten. Will eine ärmere Familie von 5 bis 6 Köpfen in corpore beten gehen, so ist, ihr das einfach unmöglich gemacht. In den protestantischen Kirchen findet jeder Platz und Aufnahme, der das Bedürfnis zum Besuche des Gottesdienstes empfindet. Man hält es für ganz selbstverständlich, dass es keinem Gemeindemitglied aus äußeren Gründen verwehrt sein darfi Zwiesprache mit seinem Gotte zu halten. Bei uns sind Freisynagogen einfach unbekannt. Der Jude bezahlt zwar seine Cultussteuer, hat aber dafür noch nicht einmal das Recht, am Neujahrstage den Schofar blasen oder den Rabbiner predigen zu hören, der doch von den Steuerträgern besoldet wird! Rings wird in beweglichen Worten über die zunehmende Religionslosigkeit der Masten geklagt. Aber niemand denkt daran, dass viele, viele arme Kinder bei uns aufwachsen, ohne je einen jüdischen Gottesdienst gehört zu haben, dass jährlich Hunderte von kleinen Leuten sich des Betens entwöhnen, weil ihnen der Zugang zu den Synagogen unmöglich gemacht ist. Man wende nicht ein, dass ja die Synagogennoth nur an den hohen Feiertagen vorhanden sei. Gerade an den Tagen, wo die ganze Nation sich einig fühlt im Glauben, muss man ihr auch gestatten, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Der Zionismus hat ein begründetes Jntereste an der Aenderung dieser . Zustände. Wir wisten sehr wohl, welche Bedeutung der Religion für die Erhaltung des nationalen Empfindens zukommt. Wir wisten auch, dass der Jndisterentismus in religiösen Dingen sehr häufig der erste Schritt zur Taufe ist, weil der Jude, dessen Germanisation stark vorgeschritten ist, mit dem Glauben das letzte Band abstreift, das ihn mit seinen Stammesgenosten verbindet. Die religiöse Gleichgiltigkeit wächst aber auch unter den Juden der höheren Stände von Tag zu Tag. Man geht wohl ein- oder zweimal im Jahre zum Tempel, weil das von altersher so der Brauch war und auch weil es für viele ganz angenehm ist, sich gelegentlichmal rühren oder abkanzeln zu lassen, aber innerlich glaubt man gar nichts von dem, was . man hört und sieht. Und das kommt daher, weil das religiöse Gefühl nicht von frühester Kindheit an geweckt und gepflegt worden ist. In den Familien spricht man überhaupt nicht von jüdischen Dingen — aus Scheu vor den christlichen Dienst - botcu. Und einen Religionsunterricht haben die Kinder natürlich nie genossen. Wozu auch das Gehirn des künftigen Rechtsanwalts oder Mediciners — dazu wird der Junge schon mit 5 Jahren fest bestimmt, und er bleibt seiner Bestimmung meist treu — wozu dies überangestrengte Kiudergehirn noch mit dem veralteten Wust vollstopfen! So denken Hunderte von Elternpaaren. Für die theuren Synagogenplätze geben sie also ganz gewiss kein Geld aus. Eine ganz alltägliche Bemerkung ist in diesen Kreisen: „Ich schicke meine Kinder statt dessen in ein gutes Schiller'sches Stück, da lernen sie ebenso viel." Wäre der Gottesdienst unentgeltlich, so würde aber wahrscheinlich die Synagoge nicht hinter Schiller zurücksteheu müssen. Wie soll mau von Kindern Liebe zum Jndenthnm erwarten, die unter solchen Verhältnissen groß werden! Was kann man von Kindern verlangen, denen der Zauber von